Die Arctic Sunrise im Eis vor Spitzbergen
Larissa Beumer
12.04.2016

Ahoi Greenpeace! Leben an Bord der Arctic Sunrise

Unterwegs in der Arktis auf dem Greenpeace-Schiff "Arctic Sunrise" - Teil 2

7:30 Uhr, irgendwo vor Spitzbergen an Bord der Arctic Sunrise. Jemand klopft an der Kabinentür und ruft: „Wake up call“! Marie-Luise und ich erwidern schläfrig: „Hmm?“. Unser Tag an Bord startet jeden Morgen um acht Uhr mit einer gemeinsamen Putzaktion: die Flure werden gefegt und gewischt, die Duschen und Toiletten gesäubert, Wäsche gewaschen.

Putzplan auf der Arctic Sunrise

Die Crew besteht aus Mates, Deckhands und Maschinisten, außerdem gibt es einen Koch, einen Funker und einen sogenannten „Ice Pilot", der uns durch das Eis navigiert. Und natürlich den Kapitän. Sie alle sind jeweils drei Monate an Bord und haben dann drei Monate frei. Die Crew wird durch jeweilige Kampagnen-Teams ergänzt.

Whiteboard auf der Arctic Sunrise
Mr. Krakenski verkündet am Whiteboard in der Messe die jeweiligen Tagesschichten.
Der 10. April ist hier im Woodfjord ein Fogday, kein Sunday.

Insgesamt sind wir derzeit 24 Menschen an Bord. Wir kommen aus 17 Ländern: Argentinien, Brasilien, Thailand, Fiji, Indien, Australien, Neuseeland, Irland, USA, den Niederlanden, Großbritannien, Norwegen, Schweden, Italien, Belgien, Frankreich und Deutschland. Viele Crew-Mitglieder arbeiten schon lange an Bord von Greenpeace-Schiffen. Es ist faszinierend, ihre Geschichten zu hören.  

Walter the Waltrus
Walter – the Waltrus – ist Koch an Bord. Er kommt aus Indien, hat schon auf
allen möglichen Schiffen gearbeitet und ist seit 2009 auf den Schiffen der
Greenpeace-Flotte unterwegs. Heute versorgt er uns mit köstlichen frisch
gebackenen Donuts – und das, obwohl er eine Allergie gegen Mehl hat.
Am Ende wird man mich wahrscheinlich vom Schiff rollen müssen...
Aprilscherz von Victor
Victor ist Deckhand und kommt von den Fiji-Inseln. Egal, wie kalt es draußen ist, er läuft immer im T-Shirt rum. Bis vor kurzem hat er im Greenpeace-Büro auf den Fiji-Inseln als Meeres-Kampaigner gearbeitet, sich dann aber entschieden seinen Büro-Job für mehr Zeit an Bord der Greenpeace Schiffe einzutauschen. Mit 40, sagt er, könnte er sich vorstellen, wieder an den Schreibtisch zurückzukehren. Mit diesem Eisbären hat er uns alle gehörig in den April geschickt.
Nacho an Deck der Arctic Sunrise
Nacho, der First Mate, kommt aus Argentinien und ist niemals ohne seine Mate-Tee-
Tasse anzutreffen. Wenn er nicht "im Dienst" ist, läuft er am liebsten in seinem
schwarz-gelben Rocky-Overall rum.

Schiff mit Persönlichkeit

Auch die MY Arctic Sunrise selbst hat Charakter – und jede Menge Geschichten zu erzählen. Überall an Bord findet man Spuren der Vergangenheit. Unter ihrem Namen, der leuchtend an der Bordwand neben der Taube und dem Regenbogen angepinselt ist, kann man noch ihren ursprünglichen Namen erkennen: „Polarbjørn“ – Eisbär. Sie lief 1975 in Norwegen vom Stapel und wurde zunächst einige Jahre für die Robbenjagd eingesetzt. Anschließend war sie lange als Versorgungsschiff für die norwegische Forschungsstation in der Antarktis tätig. 1994 wurde sie dann von Greenpeace gekauft.

 

Weltkarte mit Greenpeace-Schiffen
Weltweit im Einsatz: Auf jedem der Greenpeace Schiffe befindet sich eine Karte, auf der die Positionen der anderen Schiffe festgehalten wird.

Marty hat vor nicht allzu langer Zeit als Maschinist angeheuert. Er ist begeistert, wie gut Greenpeace-Schiffe von der Crew in Schuss gehalten werden. Für ihr Alter sei die Arctic Sunrise in Topform, sagt er. Wenn man sich über das Schiff bewegt, muss man allerdings aufpassen: Überall sind Spuren von Maschinen- und Schmieröl, die einen komplett einsauen können. Manchmal hat auch der Käse schwarze Fingerabdrücke. Dann weiß man, was die Maschinisten zum Frühstück gegessen haben.

Es war auch die Arctic Sunrise, deren Crew im Jahr 2013 von der russischen Küstenwache festgenommen wurde, weil Greenpeace-Aktivisten zuvor an einer Gazprom-Ölplattform protestiert hatten. Die Geschichte der „Arctic30“ sorgte weltweit für große Empörung. Ich nutze die freien Minuten an Bord, um noch einmal das Buch „Don’t trust, don’t fear, don’t beg“ über die Ereignisse zu lesen. Es fühlt sich schon extrem nah an, wenn man die Protagonisten kennt und weiß, von welchen Räumen die Rede ist. Mein Respekt vor den Aktivisten hat nach der Lektüre nochmal einen Satz nach oben gemacht.

Fusspuren auf der Artic Sunrise
An der Tür zum Funkraum kann man noch die Fußspuren der russischen Einsatzkäfte
sehen, die damals die Tür eintraten. Erst nach neun Monaten ließen die Behörden
die Arctic Sunrise wieder nach Hause fahren.

Leben im Hier und Jetzt

Die Brücke ist permanent mit einer Wache besetzt. Jetzt, wo wir im Woodfjord „geparkt“ haben, suchen wir mit Ferngläsern nach Bären auf dem Eis. Von der Brücke hat man eine wunderbare Sicht über den Fjord. Es fällt mir schwer, mich auf meine Arbeit am Computer zu konzentrieren – ich könnte den ganzen Tag die Berge anschauen.

Viermal täglich können wir an Bord des Schiffes Mails empfangen und versenden. Ansonsten gibt es weder Internet- noch Mobilfunk-Empfang. Theoretisch können wir uns via Satellit mit dem Internet verbinden, aber in den Fjorden funktioniert das praktisch gar nicht.

Es ist ein komisches Gefühl, so von der Welt abgeschottet zu sein. Ständig kommen Fragen auf, die man am liebsten gleich googlen würde. Aber gleichzeitig ist es wie ein Geschenk, nicht 24 Stunden erreichbar zu sein und ohne Twitter und Facebook auskommen zu müssen. Die Arktis ist vermutlich eine der letzten Regionen, wo man - ob man will oder nicht - im Hier und Jetzt leben muss.

Büro auf der Arctic Sunrise
Unser Büro. Es ist schwierig, der wunderschönen Aussicht zu widerstehen,
die man aus den Fenstern hat.

Besuch im Schneegestöber

Es ist ein ruhiger Sonntag. Draußen bläst der Wind und es schneit. Wäre man nur 500 Meter vom Schiff entfernt, würde man weder das Schiff noch die Konturen der Berge um sich herum erkennen. „White Out“: Alles weiß. Auf Touren können diese Bedingungen gefährlich werden: Man verliert schnell komplett die Orientierung, selbst auf Strecken, die man normalerweise in und auswendig kennt.

Doch mitten im Schneesturm kommt plötzlich Leben ins Schiff. Alle greifen Foto- und Filmkameras oder Ferngläser und eilen an Deck und auf die Brücke. Ein großes Eisbär-Männchen trottet in etwa 100 Metern Entfernung am Schiff vorbei. Immer wieder streckt er die schwarze Zunge raus – ein Zeichen, dass er versucht, unsere Gerüche wahrzunehmen. Er wirkt nicht besonders interessiert. Gemächlich davon schreitend verschwindet er in Richtung Eiskante im Schneegestöber. Wir nennen ihn Roger.

Roger im Schnee
Einsamer Wanderer: Roger, das Eisbär-Männchen, besucht uns im Schneegestöber.

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Larissa Beumer

Larissa Beumer

Larissa Beumer (*1987) hat Geographie in Berlin und Global Change Management in Eberswalde studiert.


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