Greenpeace Gastautor
15.01.2020

Ich habe es satt!!

Warum Julia Klöckners "Du entscheidest"-Kampagne eine Frechheit ist

Sieht aus wie eine freundliche Einladung des Landwirtschaftsministeriums auf die Grüne Woche, ist aber ein ganz schön dreistes Ablenkungsmanöver. Die Rede ist von folgendem Plakat, das mein Kollege Martin gestern in Berlin mal abgeknipst hat.

Handyfoto von Klöckner-Kampagne "Du entscheidest"

Für mich ist die Sache klar: Das ist eine Frechheit. 

Aber erst mal durchatmen und von vorn. Die Grüne Woche also. Ein kleiner Exkurs für die Nicht-vom Fach-Menschen und Nicht-BerlinerInnen unter uns: Das ist das Aushängeschild der deutschen Landwirtschaft, die größte internationale Messe für Ernährung und Landwirtschaft, sagen die einen. Ein folkloristisches Fressevent, das mit Öko wenig und mit vollen Plastiktüten dafür umso mehr am Hut hat, sagen die anderen. 

So oder so - alles dreht sich um genau das Ressort von Ministerin Julia Klöckner, die Medienaufmerksamkeit ist traditionell hoch und deshalb nutzt Frau Klöckner die Grüne Woche diesmal für ein Ablenkungsmanöver. Viel Neues hat sie allerdings nicht in petto, aber dafür ihre olle “Du entscheidest”-Kampagne noch mal aufgewärmt. Die kennen wir schon von unserem Besuch beim Tag der Offenen Tür der Bundesministerien im vergangenen Jahr - da war die Optik noch leicht anders, aber die Botschaft an die Menschen da draußen die gleiche. Unsere Kritik daran auch. 

Mit dem Finger auf "die Verbraucher"

Nun kann man sagen, kein Wunder, der Gegenwind kommt von allen Seiten und der Druck ist groß - immer noch steht eine EU-Klage wegen zu viel Nitrat im Grundwasser im Raum, der Ton bei den Treckerprotesten wird rauher und bei Umfragen zur Beliebtheit von PolitikerInnen schneidet die Ministerin eher mau ab. Was tun? Irgendwo muss der Druck ja hingeleitet werden. Aber ist es schlau, ausgerechnet den "Verbrauchern” die Schuld an den Misständen in Landwirtschaft und Handel zu geben - sei es bei Lebensmittelverschwendung, Tierhaltung, Bienensterben etc. Ein Zitat aus der entsprechenden BMEL-Presseeinladung zur Grünen Woche:

"Verbraucher und deren Einflussmöglichkeiten in der gesamten Wertschöpfungskette stehen während der diesjährigen Internationalen Grünen Woche im Fokus der Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft, Julia Klöckner."

Nicht wundern, Frau Klöckner gendert nicht so gerne, aber eventuell meint sie ja wirklich nur die männlichen Bürger? Auf jeden Fall fühlt sie sich berufen, die Menschen da draußen zu maßregeln, statt sich mal an die eigene Nase zu fassen.

Stell dir vor, es gäbe ein verantwortliches Ministerium für Landwirtschaft!

Da stellt sich schon die Frage: Was ist eigentlich der Job von Frau Klöckner? Hat sie nicht mehrere Milliarden Euro aus Brüssel zur Verfügung, um die richtigen Anreize zu setzen? Steht im Geschäftsplan der Bundesregierung unter „Tierschutz“ nicht ihr Ministerium in der Verantwortung?  Sind ihre Behörden nicht für die Zulassung von Pestiziden verantwortlich? Ich finde ja, dieser Tweet bringt das ganz gut auf den Punkt:  

Aber Scherz beiseite. Ich denke, die Ministerin unterschätzt die Menschen da draußen gewaltig, die sie wiederholt und herablassend als “82 Millionen Hobby-Agrarexperten” bezeichnet hat. Das Bewusstsein für die Art und Weise, wie Lebensmittel produziert werden und welche Folgen das hat, wächst angesichts von Klimakrise und Artensterben - und damit auch die gesellschaftlichen Erwartungen an die Landwirtschaft. 

Wer das lächerlich macht, disqualifiziert sich auf diesem Posten selbst. 

PolitikerInnen sollten Politik machen und nicht medienwirksam von ihrer Verantwortung ablenken. Und Frau Klöckner hat eigentlich mehr als genug zu tun - bestes Beispiel Tierhaltung: Jedes Jahr wird über 50 Millionen Ferkeln in Deutschland der Ringelschwanz abgeschnitten! Immer noch werden männliche Ferkel ohne Betäubung schmerzvoll kastriert, Sauen in viel zu engen Kastenständen gehalten, männliche Küken geschreddert und so weiter und so weiter. Die Ministerin hat erkennbar keine Strategie, wie sie die Probleme lösen und die Landwirtschaft fit für die Zukunft machen will. Vor diesem Hintergrund ist es unfassbar, dass die Ministerin, die inflationär oft das Wort Tierwohl in den Mund nimmt und in ihrer Amtszeit nun wirklich noch nicht viel gerissen hat, mit dem Finger auf andere zeigt. .

Ich muss sagen, ich habe das verdammt nochmal satt.  

Ihr auch? Dann geht am Samstag zur großen Demo am Brandenburger Tor ab 12 Uhr  - dieses Jahr unter dem Motto “Agrarwende anpacken. Klima schützen.”

 

 

   

Autor: Lasse van Aken, Landwirtschaftsexperte bei Greenpeace
 


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