Ballon über Tagebau
28.01.2019

Keine Jobs auf einem toten Planeten

Abrechnung mit Frank Hennigs Abrechnung mit der Kohlekommission

Auf der "konservativ-liberalen Meinungsseite" (Selbstzuschreibung) Tichys Einblick wettert Frank Hennig gegen die Kohlekommission. Der Beitrag würde vielleicht in einer Welt Sinn machen, die nicht von der Klimakrise heimgesucht wird und der Markt perfekt funktioniert. Leider leben wir nicht in einer solchen Welt.

Die Kohlekommission ist für Frank Hennig nichts weiter als Schikane, eine "Verkohlungskommission", die Arbeitsplätze bedroht und die Stromversorgung in Deutschland gefährdet. Kein Sterbenswörtchen verliert er in seinem Beitrag ("Wie die Kohlekommission Arbeitsplätze vernichtet") darüber, warum die Kohlekommission überhaupt ins Leben gerufen wurde. Das Wort "Klimawandel" taucht exakt einmal auf. Ich zitiere die Stelle: "Sie wurden von frühester Kindheit an dahingehend indoktriniert, dass nach dem Abschalten deutscher Kohlekraftwerke kein Klimawandel mehr stattfinden wird." Gemeint sind die etwa 10.000 Schüler und Schülerinnen, die am Freitag auf die Straße gegangen sind, um für einen schnellen Kohleausstieg zu protestieren. Für Hennig sind sie törichte Schulschwänzer, die "grünem Glauben" statt "solidem Wissen" zuneigen.

Wissenschaftsblinder Verfechter des Wissens

Für einen Verfechter soliden Wissens schenkt Hennig den Warnungen der Klimaforschung, immerhin eine seriöse Wissenschaft, erstaunlich wenig Beachtung. Hennigs Hauptkritik am Kohleausstieg dreht sich vor allem um den drohenden Wegfall von Arbeitsplätzen in den Braunkohle-Revieren. Er sollte sich - z.B. mit Hilfe von Google Scholar - mal über die ungünstigen Auswirkungen einer ungebremsten Erderhitzung auf Wirtschaft und Arbeitsplätze informieren. Kurz zusammengefasst: Es gibt keine Jobs auf einem toten Planeten. Anders verhält es sich auf einem grünen Planeten: Der amerikanische Ökonom Robert Pollin plädiert deshalb dafür, Wirtschaft und Wirtschaftswachstum radikal von der Stromerzeugung aus fossilen Energiequellen zu entkoppeln. Der Umstieg auf Erneuerbare wäre ganz im Sinne einer florierenden Wirtschaft, weil sie mehr Wachstum als die Kohle- Öl- und Gasindustrie und mehr neue Jobs schaffen als sie vernichten. Obgleich das eigentliche Ziel natürlich nicht ist, Jobs zu schaffen, sondern einen halbwegs lebenswerten Planeten zu erhalten.

Die vielerorts negativen, mancherorts auch katastrophalen Auswirkungen der Erderhitzung sind bereits heute spürbar. Die allermeisten Experten und Wissenschaftler, die sich mit dem Thema befassen, sind sich einig, dass es noch viel schlimmer kommen wird. Es gibt nur ein Rezept, um dem entgegen zu wirken: Wir müssen entschieden handeln und die CO2-Emissionen, die 2018 auf einen neuen Rekordwert gestiegen sind, radikal drosseln. Daraus resultiert ein Handlungsdruck, den Hennig bestens auszublenden weiß. Hennig leugnet die Realität einer Erderhitzung nicht explizit und ich unterstelle ihm mal soviel Verstand, dass er diese Realität auch tatsächlich anerkennt. Implizit baut sein Text dann auf zwei möglichen Prämissen auf: Dass der Kampf gegen die Erderhitzung ohnehin aussichtslos ist oder dass ein Umstieg auf Erneuerbare wirkungslos bleibt. Die erste Annahme ist so pessimistisch wie zynisch, weil sie das Leid von Millionen Menschen schulterzuckend in Kauf nimmt. Die zweite ist hanebüchen, weil Kohle-, Öl- und Gas für 80 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich sind.

Keine tragfähigen Ideen gegen die Klimakrise

Hennig beschwert sich, die Kohlekommission liefere keine "tragfähige Idee" für den Strukturwandel in den betroffenen Braunkohle-Regionen. Eine tragfähige Idee, wie dem Klimawandel ohne einen Umstieg auf eine erneuerbare Energieversorgung beizukommen sei, bleibt er dem Leser allerdings schuldig. Er lässt allenfalls zwischen den Zeilen durchblicken, wie er der Erderhitzung zu begegnen gedenkt: "Würden die Erneuerbaren Energie liefern, wäre die Abschaltung der Kohlekraftwerke längst erledigt," schreibt er. Die Idee, den Umstieg auf die Erneuerbaren durch eine staatliche Rahmensetzung und ökonomische Anreize zu beschleunigen, findet er vermutlich obszön. An einer anderen Stelle drückt er seine Geringschätzung für die von der Kohlekommission beabsichtigte Schaffung neuer staatlicher Stellen so aus: Sie sei "sozialistische Planwirtschaft reinsten Wassers".

Es gibt verschiedene Ideen, wie sich der globale Temperaturanstieg am besten abbremsen lässt. Wenn man von den Vorstellungen einiger Nuklear-Fantasten absieht, spielen die Erneuerbaren Energien stets die zentrale Rolle. Wenn wir weiter Strom verbrauchen wollen und gleichzeitig die Erderhitzung verlangsamen wollen, gibt es schlicht keine Alternative. Soll die Klimakrise kontrollierbar bleiben, kann mit dem Umstieg auf Erneuerbare Energien nicht gewartet werden bis die Kohle-, Gas- und Ölvorkommen komplett aufgezehrt sind. Die entscheidende Frage lautet daher, wie sich der Prozess beschleunigen lässt. Ohne gezielte Eingriffe in den Energiemarkt würden die großen Konzerne genauso lange weiter Kohle verbrennen und Brennelemente verfackeln, wie es sich eben für sie lohnt. Sie hätten kaum einen Grund, in Erneuerbare zu investieren und auch keinen Grund, Geld in die Forschung zu stecken, zum Beispiel um Speichertechnologien zu entwickeln. Aus diesem Grund wurde das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) geschaffen. Ein Gesetz, das mehr als sechzig Staaten als Vorbild für den Ausbau der Erneuerbaren dient.

Woher nehmen die Jugendlichen ihre Zuversicht?

Am Ende seines Beitrags hat Hennig eine Grafik eingefügt. Bei einer Demo für Kohlekraft würde er, der jahrelang für einen „großen Konzern“ gearbeitet hat, sich diese Grafik vermutlich ausdrucken und auf ein Schild kleben. Sie zeigt, dass die erneuerbaren Energien am 24. Januar nur einen sehr kleinen Beitrag zum Strommix in Deutschland leisteten. Woher nehmen die schulschwänzenden Jugendlichen also ihre Zuversicht, dass ein Umstieg auf Erneuerbare machbar sei? Wie können sie nur so schrecklich naiv sein? Vielleicht ist ihre Wahrnehmung ja vernebelt durch die vielen Meldungen, die vom Erfolg der Erneuerbaren berichten. Wie etwa eine, die die Situation etwa ein Jahr vor dem 24. Januar 2019 abbildete: Pünktlich zum Neujahrstag 2018 versorgte sich Deutschland nämlich erstmals ausschließlich mit Ökostrom. Diese beiden Momentaufnahmen machen deutlich, dass die Stromerzeugung durch Erneuerbare tatsächlich stark schwankt. Es gibt jedoch keinen Grund für die Annahme, es handle sich um ein unüberwindliches Hindernis, das technisch niemals in den Griff zu bekommen sei - z.B. mit Hilfe von Speichertechnologien und einem smarten Netzausbau. Insgesamt können die Erneuerbaren auf eine imposante Erfolgsgeschichte verweisen: Nach Zahlen des Fraunhofer-Instituts haben sie aktuell rund 40 Prozent Anteil an der Stromerzeugung in Deutschland. Die Kosten für die Produktion von Ökostrom sinken von Jahr zu Jahr rapide.

Was mich an Hennigs Text am meisten nervt, ist der ekelhafte überheblich-polemische Tonfall. Ist er bemüht die Balance nach links zu halten, wenn er im Einstieg das unausgewogene Geschlechterverhältnis in der Kohlekommission beklagt? Ich weiß es nicht. Im weiteren Verlauf kippt das Ganze jedenfalls sehr schnell sehr weit rechts runter. Brav bedient Hennig die einschlägigen Narrative. Er diffamiert die komplette Journalistenzunft als minderbemittelt und ideologisch verblendet ("Haltungsjournalismus"). NGOs sind für ihn getrieben von "Bionade-Bourgeosie und Öko-Lobby". Wie gut, dass inmitten der Finsternis auf Tichys Einblick das Feuer "liberal-konservativer" Vernunft lodert und Kinder und Jugendliche den gerechten Spott dafür ernten, dass sie aus freien Stücken für Ihre Zukunft und die Bewahrung eines lebensfreundlichen demonstrieren.

 

 

 

Topic
Klimawandel
Format
Analyse

Benjamin Borgerding

Benjamin Borgerding (*1982) hat in Frankfurt am Main Anglistik und Medienwissenschaften studiert.


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