14.10.2016

Menschen wurden evakuiert, Hunde eingeschläfert

Ein Gastbeitrag von Tatiana Vasilieva.

"Du fütterst dein Rentier und tust gerade einen Schritt zurück - und plötzlich fällt es tot um. In nur einem Tag schwillt es an wie ein Ballon, der jeden Augenblick platzen kann. Wir dachte, es liegt an der Hitze. Die Tiere hatten noch ihr dickes Winterfell. Ein Nachbar von mir hat 50 Tiere verloren."

Alexej Nejanga ist ein Nenze, der auf der Jamal-Halbinsel in Nordrussland lebt. Während einer Milzbrand-Epidemie verlor er in diesem Sommer einen Großteil seiner Rentierherde.

"Die Menschen wurden evakuiert, Hunde eingeschläfert, unsere Zelte und Schlitten in Brand gesteckt. Nichts blieb übrig. Dann haben sie uns neue Zelte gegeben. Wir hoffen, dass es noch weitere Entschädigungen gibt. Der Staat hilft uns im Moment. Was die Zukunft hält, weiß ich nicht."

Nach der Tragödie kamen Forscher zu dem Ergebnis, dass der Ausbruch von Milzbrand von einem ungewöhnlich heißen Sommer verursacht wurde. Der uralte Permafrostboden, in dem seit fast einem Jahrhundert gefährliche Bakterien eingeschlossen waren, taute auf. Die Behörden in der Region - sonst eher skeptisch gegenüber Klimawandel-Argumenten - stimmten dieser Analyse überraschend schnell zu. Schon bald wurde klar, warum: Die Erklärung lenkte ab von einem anderem Grund für die Epidemie: Im Jahr 2007 beendeten die Behörden plötzlich und ohne ersichtlichen Grund die jährlichen Milzbrand-Impfungen für Rentiere.

Am Tod eines zwölfjährigen Nenzen, der an den Folgen der Epidemie starb, ist neben dem Klimawandel somit auch das Versagen der Behörden schuld. Fast 400 Menschen wurden evakuiert, mehr als hundert mussten ins Krankenhaus. Bei 25 waren infiziert und mussten mit Antibiotika behandelt werden. Eine solche Behandlung wurde 2000 Rentieren leider nicht zuteil, sie starben in der von Milzbrand heimgesuchten Tundra.

"Wenn man in dieser Ecke der Welt seine Rentiere verliert, hat man nichts mehr. Nichts."

Der Klimawandel hat in der Region in den letzten Jahren schwere Schäden angerichtet. Vor zwei Jahren hatten extreme Wetterbedingungen auf der Jamal-Halbinsel ein beispielloses Massensterben zur Folge. Zunächst war nur sehr viel Schnee vom Himmel gekommen. Doch es folgten außergewöhnlich hohe Temperaturen und anschließend wieder klirrende Kälte. Der Schnee auf dem Boden der Tundra verwandelte sich in Eis. 58.000 Rentiere verhungerten, weil ihre Nahrung unter der Eisschicht eingefroren war. Bei vielen toten Tieren waren die Hufe völlig abgewetzt.

In der Region erzählt man sich die tragische Geschichte eines Rentier-Halters, der vor zwei Jahren 300 Tiere verlor, als die Tundra plötzlich vereiste. Mit seinen verbleibenden 100 Tieren wanderte er über die folgenden zwei Jahre bis zum Ufer des Yarroto-Flußes - in das Epizentrum der diesjährigen Milzbrand-Epidemie, die seine Herde voll erwischte. Ein einziges Tier ist ihm geblieben.

Die Folgen des Klimawandels sind auf der Jamal-Halbinsel und in der Tundra in all ihrer Brutalität sichtbar. Seit Jahrhunderten leben indigene Gemeinschaften und grasen Rentiere auf dem Permafrostboden. Für die Menschen hier könnte es schon bald unmöglich sein, sich den Veränderungen anzupassen und zu überleben. Der hohe Norden der Erde ist in großer Gefahr, und wenn wir nichts unternehmen, wird es schon bald um weit mehr gehen als "nur" um Rentiere.

Topic
Klimawandel


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