Flussverschmutzung in West Java.
Kirsten Brodde
27.06.2014

Primark – und das Prinzip Discounter

Ausbeutung und Elend im Namen der Mode

Keine Frage, es ist eine Schande, wie viel Elend im Namen der Mode angerichtet wird.

Und gerade an der Billigmode-Kette Primark kann man sehen, welche Blüten die Discount-Mentalität treibt. Nirgendwo kann man für so wenig Geld so viele Klamotten kaufen. Die Kunden fallen über die Mode her wie Löwen über ihre Beute. Gleich zu Dutzenden stopfen sie Tops und Schuhe in Einkaufsnetze, die so groß wie Fischreusen sind. Und das obwohl die zumeist jungen Kunden wissen, dass die Qualität der Ware bescheiden ist und die Sachen kaum die ersten Wäsche überstehen, ohne völlig die Form zu verlieren.

Seit Tagen sieht sich die britische Billig-Kette aber einem Shitstorm im Internet ausgesetzt. In Großbritannien sind eingenähte Hilferufe in Primark-Kleidung aufgetaucht (s. obiger Tweet einer US-Journalistin). Zwar ist immer noch unklar, ob sie von asiatischen Näherinnen stammen oder von pfiffigen Menschenrechtsaktivisten, aber das ist eigentlich egal. Die Wut über die skandalösen Arbeitsbedingungen der Textilarbeiter ist groß und richtet sich gerade mit Wucht gegen Primark. Einfach weil man ein Dejà-Vu hat – Primark war einer der Auftraggeber der Fabrik in Bangladesch, die im April 2013 einstürzte. Das Unglück kostete mehr als 1100 Arbeiter das Leben.

Der Lust auf Billig-Klamotten scheint das keinen Abbruch zu tun. Aufgrund der großen Nachfrage will die Kette Anfang Juli am Berliner Alexanderplatz ihre nächste Filiale eröffnen.

ZDF-Reportage über Primark und die Wegwerf-Mentalität in der Modeindustrie

Warum das so ist? Weil sich viele daran gewöhnt haben, dass Kleidung billig zu haben ist und nichts wert. Aber auch, weil der Umkehrschluss falsch ist und teuer nicht per se besser. Das zeigen die Detox-Reports von Greenpeace, die gefährliche Chemikalien in Kleidung bekannter Marken nachgewiesen haben. Zuletzt der Greenpeace-Report zu Kinderkleidung Anfang 2014, der belegte, dass Kinderkleidung von Burberry wie von Primark hormonähnlich wirkende Stoffe wie Weichmacher, aber auch per-und polyfluorierte Chemikalien enthielt, von denen einige krebserregende Eigenschaften besitzen. Der höhere Preis geht also nicht in mehr ökologische Qualität oder Transparenz zur Herkunft der Kleidung, sondern in teure Werbung, um das Image der Marke auszubauen.

In puncto Ethik zeigt sich bei Befragungen dasselbe Bild. Die „Kampagne für Saubere Kleidung“ hat 50 führende Bekleidungsfirmen unter die Lupe genommen und geprüft, ob die Unternehmen  für existenzsichernde Löhne sorgen, von denen die Textilarbeiterinnen menschenwürdig leben können. Fortschritte attestierten die strengen Prüfer sowohl Billigketten wie Zara als auch der fairen Schweizer Modemarke Switcher. So la la – aber immer noch mit hoher Bereitschaft zu Engagement– schnitten die teure Sportmarke Puma und der Billighöker Primark ab.

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt auch Greenpeace: 20 Firmen haben bislang ein Detox-Commitment unterzeichnet, mit dem  sie sich verpflichten, den Einsatz giftiger Chemikalien auf Null zu fahren. Zuletzt haben sich die Luxusmarke Burberry und die Billigmarke Primark auf diesen Kurs verpflichtet. Natürlich wird Greenpeace genau wie jüngst bei Adidas verfolgen, ob den Zusagen auch Taten folgen – etwa mit Produkttests. Sich also als Verbraucher für solche Kampagnen zu engagieren, sorgt für den notwendigen Druck, um Veränderungen zu erreichen.

Nicht Primark ist das Problem, sondern der überbordende Konsum, für den Primark symptomatisch steht. Die billigen Preise animieren Kunden, die Sachen als Wegwerfware zu sehen. Und Primark hat ohne Frage noch eine neue Runde im Preiskrieg der Billigketten eingeläutet, die H&M und Zara begonnen haben. Billig ermöglicht eben, viel einzukaufen. Und das, obwohl unsere Kleiderschränke eh schon aus allen Nähten platzen und wir dringend mehr Beine bräuchten, um all die Schuhe anzuziehen, die wir horten. Bis zu 40 Prozent dessen, was wir im Schrank hängen haben, tragen wir selten oder nie.

Das ist nicht nachhaltig.

Und vielleicht das dickste Brett, was es zu bohren gilt: weniger zu kaufen, dafür aber eine bessere Wahl zu treffen, also Sachen zu kaufen, die ökologisch und sozial einwandfrei hergestellt wurden.

Dann hätte sich das auch das Geschäft mit der Massenware zweifelhafter Herkunft erledigt.

 

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Detox
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Analyse

Kirsten Brodde

Kirsten Brodde

Kirsten Brodde hat Journalistik, Germanistik und Medizin studiert und arbeitet als Textilexpertin der Detox-Kampagne für Greenpeace.


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