Kleidung in Boxen
Kirsten Brodde
02.11.2017

Skandal um H&M

Das Verbrennen von Kleidung in Dänemark ist kein Einzelfall, sondern gängige Praxis weltweit

Riesigen Wirbel macht die Modekette Hennes&Mauritz mit Recycling. „There are no rules in fashion but one: Recycle your clothes“ heißt der Slogan im Werbe-Video, dass von Superstar Iggy Pop gesprochen wurde. Befreit euch vom jedem Modediktat: Schmeißt nur keine Sachen weg. H&M brüstet sich damit, alte Kleidung zurück zu nehmen und wieder zu verwerten. Wann immer Greenpeace ihnen Vorschläge gemacht, ihren immensen Ressourcenverbrauch zu drosseln, hörte ich das große Versprechen, bald werde doch alles „im Kreislauf geführt“ und technische Innovationen würden es schon richten. Das klang nach Sonderanstrengung. 

Und nun das. H&M lässt die eigene Werbung für Recycling in Rauch aufgehen.

Kürzlich haben dänische Journalisten aufgedeckt, dass die H&M neuwertige Kleidung verbrennt. Allein in Dänemark wurden seit 2013 jährlich 12 Tonnen Kleidung verbrannt. Das dänische Fernsehen hatte die Kleidung bis zur Müllverbrennungsanlage in Roskilde verfolgt. Muss ich also damit rechnen, dass die alten Socken und T-Shirts, die ich zurück bringe, verbrannt werden?

Das Unternehmen sagte, es sei Ausschuss-Ware, die weder verkauft, noch verschenkt, noch recycelt werden konnte. Fehlproduktionen. 

Kürzlich haben dänische Journalisten aufgedeckt, dass H&M neuwertige Kleidung verbrennt.

Aber das Vertrauen ist dahin. Auf Nachfrage von Greenpeace räumte H&M jetzt erstmals ein, dass das Verbrennen kein Einzelfall sei, sondern gängige Praxis weltweit. Sie betonen, es sei immer nur die allerletzte Lösung, etwa wenn Etiketten von Jeans mit Blei belastet seien oder T-Shirts nass und schimmelig. 

Aber damit ist das Problem nicht aus der Welt. 

Wer vertraut noch einem Vorzeige-Konzern, der einen hochglanzpolierten Nachhaltigkeitsbericht hat, der so lang ist wie Kleists Werke, aber in dem kein Wort steht, dass sie seit Jahren tonnenweise Klamotten in Rauch aufgehen lassen? Das Eis ist ganz schön dünn, wenn man so dick aufträgt. 

Natürlich ist die Konkurrenz um nichts besser. Bestseller etwa, der Mutterkonzern von Vero Moda und Jack&Jones verbrennt sogar mehr Kleidung laut Recherchen eines dänischen TV-Senders und auch Luxuslabel zerstören übrig gebliebene Kleidung, nur damit sie nicht auf dem Secondhand-Markt landet. Das haben mir Lieferanten für Label wie Gucci erzählt, die ich bei Besuchen am italienischen Textilstandort Prato getroffen habe. 

H&M lernt gerade auf die harte Tour, wie sensibel Kunden auf Lippenbekenntnisse reagieren – nach dem Spiegel in Deutschland berichten nun selbst die Zeitungen in Hong Kong darüber. 

Wer sich dem Recycling verschrieben hat, sollte einen Weg finden, belastete Etiketten von Jeans abzuschneiden und den Rest verwerten. Wer den Bann von gefährlichen Chemikalien ernst nimmt, sollte solche Substanzen beim Verbrennen nicht in die Atmosphäre blasen. Kann man schimmelige Sachen nicht reinigen? Kurz: Wer Millionen für Werbung für Rücknahme-Aktionen ausgibt, der muss sich gefallen lassen, daran gemessen zu werden. 

Wer sich dem Recycling verschrieben hat, sollte einen Weg finden, belastete Etiketten von Jeans abzuschneiden, um den Rest zu verwerten.

H&M hat der Weltöffentlichkeit gezeigt, dass man Ausschussware im Zweifelsfall lieber ins Feuer schmeißt, weil Recycling aufwändiger wäre. Wenn das schon zu viel Arbeit ist, wie soll denn ihr hochgepriesenes Recycling je klappen, von dem wir eh technisch noch Jahre entfernt sind?

Vielleicht spüren wir einfach, dass H&M Recycling als Ausrede benutzt, um hemmungslos weiter Kleidung als Wegwerfware zu produzieren, denn jedes einzelne T-Shirt belastet die Umwelt und man noch nie gehört hat, dass H&M eine Vintage-Week oder eine Repair-Service-Week veranstaltet hat. 

Die Wahrheit ist: H&M und andere Textilkonzerne versuchen stur weiter zu wirtschaften wie bisher. Und H&M führt uns vor Augen, wie wenig wert Kleidung ist. Wer sieht, wie Kleidung in Rauch aufgeht, wird Kleidung nicht wertschätzen. Diese mangelnde Wertschätzung aber heizt die Konsum-Spirale an.

Und diese Kultur, die ins schnelle Wegwerfen mündet, hat nicht bloß als „Fast Fashion“ die Mode erfasst, sondern auch viele andere Sparten wie Elektronik, Inneneinrichtung, Spielwaren und Haushalt. Seien wir also das Sand im Getriebe dieser Wegwerf-Kultur. 
 


Kirsten Brodde

Kirsten Brodde

Kirsten Brodde hat Journalistik, Germanistik und Medizin studiert und arbeitet als Textilexpertin der Detox-Kampagne für Greenpeace.


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