Hummel auf Wiese
Greenpeace Gastautor
23.11.2017

Sommer ohne Summen: Das dramatische Insektensterben

Warum Insekten so wichtig sind und warum ihre Bestände so stark zurückgehen

Ende September fuhr ich mit dem Auto von Stuttgart nach Hamburg, dabei fiel mir auf: Während der gesamten Fahrt musste ich kein einziges Mal die Windschutzscheibe von toten Insekten befreien. Vor ein paar Jahren sah das noch ganz anders aus, bei jedem Tankstellenstopp „durfte“ ich die Windschutzscheibe putzen und so die platt gepressten Mücken, Schnaken und Fliegen entfernen. Vermisse ich das Putzen? Sicherlich nicht. Vermisse ich die Insekten? Definitiv! Ist doch super, mag sich der eine oder andere denken: Weniger Stiche im Sommer, das Eis, die süße Limonade oder das Frühstück im Freien kann man auch gleich unbeschwerter genießen. Und wer kennt es nicht, das nervige Summen einer Mücke im Schlafzimmer, wenn man nachts im Bett liegt und schlafen will. Wie können so kleine Tiere nur so laut sein?

Biene auf Apfelbaumblüte
Unverzichtbare Bestäuberin: Eine Biene auf der Blüte eine Apfelbaums.

Die kleinen Krabbeltierchen werden gerne als nervig, eklig und unnütz angesehen. Dabei sind sie unglaublich wichtig für unser gesamtes Ökosystem. Eine Langzeitstudie von Insektenforschern des Entomologischen Vereins Krefeld stellt jetzt jedoch fest, dass die Anzahl an Insekten seit 1990 um 76 Prozent  geschrumpft ist. Im Hochsommer waren sogar 82 Prozent weniger Insekten unterwegs, dabei müsste gerade zu dieser Zeit die Menge am größten sein. Das Ergebnis ist besonders alarmierend, da die Untersuchungen in Schutzgebieten durchgeführt wurden - also in Gebieten, die gerade die ökologische Vielfalt bewahren sollen. Wie hoch der Schwund außerhalb dieser Schutzgebiete ist, lässt sich nur erahnen.

Was tun Insekten für uns?

Keine Klasse im Tierreich ist zahl- und artenreicher als die der Insekten. So sind mehr als 60 Prozent aller wissenschaftlich beschriebenen Tierarten Insekten. Alleine in Deutschland vermuten Experten mehr als 33.000 unterschiedliche Arten. Was man sich dabei vor allem vor Augen führen muss: Sie haben wichtige Aufgaben in unserem Ökosystem:

  • Etwa 80 Prozent aller wilden Gewächse (darunter auch Baumwolle, Seide & Arzneipflanzen) werden von Fluginsekten bestäubt.
  • Sie sind eine wichtige Nahrungsquelle für Vögel & Amphibien. Ohne Nahrung verschwinden auch diese: inzwischen lässt sich auch ein Vogelrückgang von 13 Prozent feststellen.
  • Sie verwerten totes Holz und Bioabfälle und verwandeln es in kostbaren Humus.

Wie würde eine Welt ohne Insekten aussehen?

Sollte das Sterben so weitergehen, könnten die Folgen am Ende verheerend sein: Durch die fehlenden Insekten könnten insektenabhängige Pflanzen möglicherweise ebenfalls aussterben. Alle Tiere, die sich zuvor von diesen Pflanzen ernährten, würden im schlimmsten Fall verschwinden. Aber auch wir Menschen könnten betroffen sein. Denn immerhin ein Drittel unserer Nahrungsmittel hängt von Bestäubung ab - z.B. Brokkoli, Blaubeeren, Avocados, Tee und Kaffee - alleine in Europa bestäuben Bienen4.000 Gemüsesorten. Bienen sorgen auch für die Verbreitung vieler Wildpflanzen, die Nahrung und Rückzugsort für Tiere bedeuten können.

WDR-Beitrag zum Insektensterben

Aber was führt überhaupt zu dem starken Insektensterben?

Die eingangs erwähnte Studie selbst kann keine Ursachen nennen, aber lässt einige Vermutungen zu:

  • Die intensive Landnutzung und Überdüngung der Landwirtschaft: Es kommt zur Verdrängung von stickstoffunverträglichen Pflanzen, die als Nahrung für die Insekten dienen.
  • Abgase aus Fabriken transportieren eine große Menge an Stickstoffverbindungen in die Umwelt. Diese Stoffe verteilen sich großflächig in der  Luft und dringen als saurer Regen in die Böden ein.
  • Pestizide: Da Insektizide das Nervensystem angreifen können, sind sie nicht nur für Schädlinge gefährlich. Bestes Beispiel hierfür: Glyphosat oder Neonikotiniode wie Imidacloprid oder Thiametoxam.
  • Anbau von Monokulturen. Felder ohne Kräuter, Blühpflanzen, Hecken und Randstreifen bieten keine Nahrung und keinen Lebensraum oder eine Rückzugsmöglichkeit.
  • Immer mehr und größere Flächen werden versiegelt.
  • Immer billigere Lebensmitteln lassen sich nur durch intensive und industrialisierte Bewirtschaftung herstellen. Die Supermärkte haben uns dahingehend erzogen, dass wir immer weniger für Lebensmittel ausgeben wollen.
  • Der Deutsche isst durchschnittlich 60 Kilogramm Fleisch im Jahr. Die Massentierhaltung verursacht eine Gülleflut, die unser Trinkwasser verschmutzt.
  • Weltweit geben Privathaushalte mehr als fünf Milliarden Dollar für Pestizide im Privatbereich aus. .

Wir haben keine Zeit die Ergebnisse weiterer Langzeitstudien bezüglich der Ursachen abzuwarten. Wir müssen anfangen, den plausibel erscheinenden Ursachen entgegenzuwirken.

Was sich dringend ändern muss:

  • Der ökologische Landbau muss gefördert werden, z.B. die Einführung eines „blühenden Meters“.
  • Auf den Feldern muss nachgebessert werden. Mais z.B. bietet keine Nahrung für Insekten.
  • Die neue Bundesregierung muss dafür sorgen, dass die Agrarsubventionen der EU künftig an strengere Umweltauflagen gebunden werden.
  • Verbot von Pestiziden. Ein erster Schritt wäre jetzt das Abschaffen von Glyphosat. Und das ab sofort, nicht erst in fünf bis sieben Jahren. Solche Substanzen haben nichts in der Landwirtschaft zu suchen, wenn wir es mit dem Naturschutz tatsächlich ernst meinen.
Bienenfreundliche Wiese
Werden leider immer mehr zur Seltenheit: Binenfreundliche Wiesen wie diese mit Mohn, Kamille, Färberkamille und Phacelia (Bienenfreund).

Was können wir tun?

  • Unkraut selbst jäten, anstatt Unkrautvernichtungsmittel zu verwenden
  • Mehr Grünflächen, anstelle von Kies und Steinen im eigenen Garten.
  • Bienenfreundliche Gewächse für den Garten, Balkon oder die Terrasse.
  • Unter folgendem Link finden sich viele Tipps für den Umgang mit Insekten zu Hause.
  • Anleitung zum Bau eines Bienenhotels  

Dreiviertel unserer Insekten sind verschwunden. Sollten wir so weitermachen, erkennen wir unser heimisches Ökosystem in wenigen Jahren nicht mehr wieder. Und ich möchte nicht in einer Welt leben, in der sich meine Kinder nicht mehr an der unglaublichen Farbenpracht von Schmetterlingen und Libellen erfreuen können. Und ich selbst möchte bitte auch mit 80 Jahren auf meiner Terrasse sitzen können und mein Stracciatella-Eis gegen „Mit-Esser“ Wespen verteidigen müssen, während es um mich herum summt und brummt. Wir sollten anfangen die Insekten nicht als nervige, unnütze Tierchen anzusehen, sondern als unsere Freunde, die unsere Welt zu einem besseren Ort machen. Und wer sich mit Insekten beschäftigt, findet sie auch nicht mehr so eklig.

Gastautorin Miriam Feger studiert Wissenschaft-Medien-Kommunikation in Karlsruhe und absolviert derzeit ein Praktikum bei Greenpeace Deutschland.


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Gastautoren aus der Greenpeace-Welt schreiben über die Kampagnen, für die sie sich in ihren Ländern einsetzen.


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