Industrielle Fischerei im Ärmelkanal
Greenpeace Gastautor
21.02.2020

Warum es dich interessieren sollte, woher deine Meeresfrüchte kommen

Überfischung bedroht die Artenvielfalt

Egal, ob du sie gerne isst, es liebst, im Meer zu schwimmen oder sie gern fängst, Fisch und andere Arten von Meeresfrüchten spielen eine große Rolle in unserem Leben. Sie sind nahrhaft, wunderbar in ihrem natürlichen Lebensraum zu beobachten und wer liebt es nicht, sich auf die Suche nach “Nemo” zu begeben? Aber an alle diejenigen, die ab und zu Thunfisch essen, habt ihr euch jemals gefragt, woher der kommt? 

Die Wahrheit ist, dass die Reise vom Meer zum Supermarkt sowohl kompliziert als auch sehr vielschichtig ist. Hinter der lukrativen Fischindustrie verbergen sich eine ganze Reihe von Geschäftspraktiken der Fischerei, die mit moderner Sklaverei, Umweltzerstörung und Korruption behaftet sind, ganz zu schweigen von der Bedrohung für kleine Fischer und ihre Familien.

Hier liest du, was du über die Folgen der industriellen Fischerei auf unseren Planeten wissen musst.

Ringwadenfischer vor den Philippinen

Überfischung bedroht die Artenvielfalt

"Es gibt viele Fische im Meer", lautet ein altes Sprichwort. Aber eine ständig wachsende Bevölkerung, verbunden mit einer ständig wachsenden Nachfrage nach Meeresfrüchten, bedeutet, dass die Ozeane nicht so reichlich bestückt sind wie wir vielleicht denken. 

Von 1950 bis 2015 hat sich die Zahl der Fischereiflotten weltweit auf 3,7 Millionen verdoppelt. Der kontinuierliche Ausbau der industriellen Fischereiflotten hat zu einem enormen Druck auf die Fischpopulationen geführt. Die Praktiken der Fischereiindustrie zielen häufig darauf ab, so viel Fisch wie möglich zu fangen und die Auswirkungen auf andere Meereslebewesen und das Meeresökosystem außer Acht zu lassen. 

Grundschleppnetztrawler, die schwere Netze über den Meeresboden ziehen, haben empfindliche Lebensräume irreparabel geschädigt. Industrielle Langleinenfischer, die Tausende von treibenden Köderhaken oft über Dutzende von Kilometer hinter sich her ziehen, haben zahlreiche Hai- und Seevogelpopulationen dezimiert. Ringwadenfischer, die riesige Netze verwenden, umkreisen mit Hilfe von FADs (Fischaggregationsgeräten) große Mengen Thunfisch, Fischschwärme und weitere Meereslebewesen, um sie wie mit einer Art Fischmagnet alle auf einmal aus dem Wasser zu holen. 

Dieses sind nur einige der Praktiken, die die biologische Vielfalt unseres Ozeans bedrohen und das Leben in den Meeren ernsthaft gefährden. 

Grundschleppnetz-Trawler "Kirkella" vor Spitzbergen
Die Netze von Grundschleppnetz-Trawlern (hier: der Trawler "Kirkella") hinterlassen auf dem Meeresboden eine Spur der Zerstörung.

Die industrielle Fischerei entzieht vielen Fischereigemeinschaften den Lebensunterhalt

Millionen von Küstengemeinden auf der ganzen Welt sind auf die Fischerei als Einnahmequelle angewiesen. In Entwicklungsländern beschäftigen die Fischerei und damit verbundene Gewerbe wie der Bootsbau oder die Fischverarbeitung Millionen Menschen, und Meeresfrüchte sind eine ihrer Hauptproteinquellen. Für andere ist Fischerei mehr als nur Nahrung - sie spielt eine wichtige Rolle in ihrer Identität, insbesondere für indigene Gemeinschaften .  

Ernährungssicherheit und Zugang zu Fischgründen sind für Küstengemeinden von entscheidender Bedeutung, industrielle Fischereifahrzeuge arbeiten jedoch wie eine Fabrik auf dem Meer und gewähren Millionen lokaler Fischer, die seit Generationen vom Meer abhängig sind, nur eine sehr enge und stark erschöpfte Zone für die eigene, nachhaltige Fischerei.  Ihnen droht in nicht allzu ferner Zukunft der totale Verlust des Lebensunterhalts. 

Billige Meeresfrüchte gehen oft mit Menschenrechtsverletzungen einher

Eine billige Dose Thunfisch mag wie ein Schnäppchen erscheinen. Doch eine Industrie, die rücksichtslos den Ozean plündert, um zweitklassige Meeresfrüchte auf unsere Tische zu bringen, verursacht nicht nur hohe Kosten für die Umwelt. Sie zieht auch weitere negative Konsequenzen nach sich, die oft im Verborgenen bleiben - billige und missbrauchte Arbeitskräfte. 

Die Fischerei ist arbeitsintensiv und erfordert buchstäblich alle Hände an Deck. Während Faktoren wie Treibstoffkosten unvermeidbar sind, machen die Arbeitskräfte 30-50% der gesamten Betriebskosten der Fischerei aus, und immer mehr Beweise deuten darauf hin, dass mit Wanderarbeitern, hauptsächlich aus Südostasien, häufig an den Personalkosten gespart wird. 

Es existieren gut dokumentierte Beispiele, in denen Fischer mit Migrationshintergrund durch falsche Versprechen eines attraktiven Gehalts und der Möglichkeit, damit für ihre Familien angemessen sorgen zu können, auf Schiffe gelockt wurden und dort unter entsetzlichen Bedingungen leben mussten. Sie leisteten eine kaum leistbare Zahl an Arbeitsstunden für wenig oder gar kein Gehalt und wurden häufig mit Missbrauch konfrontiert. Eine als Transshipment bezeichnete Praxis, bei der gefangener Fisch (dabei kann es sich auch um illegale Fänge handeln) von einem Schiff auf ein größeres verlagert wird, ermöglicht es dem Hauptfischereifahrzeug, Monate- wenn nicht gar Jahre - auf See zu bleiben, ohne je einen Hafen zu betreten. Diese unmenschliche Praxis geschieht immer noch, und Greenpeace Südostasien hat Zeugnisse und Berichte , die dies belegen.

Die Fischereiindustrie muss sich der Klimakrise stellen

Die aktuelle Klimakrise stellt unsere fragilen Meeresökosysteme vor eine der schlimmsten Bedrohungen. Ein wärmerer Planet bedeutet wärmere Ozeane und Meereslebewesen fällt es immer schwerer, darin zu überleben. Darüber hinaus wird der Ozean saurer, da sich der durch Verbrennung von Kohle, Öl und Gas erzeugte Kohlenstoff im Meerwasser auflöst und dort zu den allergrößten Teilen gespeichert wird. Tatsächlich könnte ein gesunder Ozean uns vor der Klimakrise schützen - Kohlenstoff wird von Pflanzen und Tieren auf natürliche Weise absorbiert und in den Körpern von Lebewesen wie Walen und Fischen gefangen. 

Weltweit ist die Zahl der kritischen Fischereien aufgrund des Klimawandels zurückgegangen und Überfischung verschlimmert die Situation nicht nur, sondern feuert auch die illegale, nicht gemeldete und nicht regulierte Fischerei (IUU) an. Die IUU-Fischerei, die gegen nationales oder internationales Recht verstößt, ist auf hoher See aufgrund fehlender Bestimmungen sehr leicht durchführbar. Es handelt sich um eine Praxis mit geringem Risiko und hoher Rendite. Berichten zufolge entfallen auf die IUU-Fischerei jährlich Meeresfrüchte im Wert von bis zu 23,5 Milliarden US-Dollar , und es ist nicht einfach, gegen die Hauptakteure vorzugehen.

Was kann ich also tun?

Wie bei anderen Lebensmitteln auch, verbirgt sich hinter dem, was in einer Dose, im Tiefkühlregal oder auf deinem lokalen Markt an frischen Meeresfrüchten wartet, eine Geschichte. Wie sie dort hinkamen, wer sie gefangen hat und wo sie gefangen wurden, wird oft übersehen. Es ist nicht einfach, eine ganze Branche dazu zu bringen, ihre Praktiken zu ändern. Wenn du dich jedoch mit dem Wissen ausstattest, worauf du bei nachhaltigen Meeresfrüchten achten musst, kannst du ein ozeanfreundlicher Verbraucher sein.

Um einen weiteren Schritt zu machen, frage die zuständigen Vertreter deiner Regierung, was sie tun, um ein nachhaltiges Fischereimanagement sicherzustellen. Mit genügend Druck können wir alle dazu beitragen, die „kleinen Fische im großen Teich“ - von den Fischern über das Meeresleben bis hin zu den örtlichen Küstengemeinden - zu schützen, um eine ethische, nachhaltige Fischereiindustrie und einen gesunden Ozean zu erreichen.  

Unterzeichne die Petition zum Schutz der hohen See und fordere gemeinsam mit uns einen starken globalen Ozeanvertrag von den Vereinten Nationen. 

Autor: Shuk-Wah Chung ist der Kommunikationsleiter für die globale Fischereikampagne bei Greenpeace Südostasien.

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Meere

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Gastautoren aus der Greenpeace-Welt schreiben über die Kampagnen, für die sie sich in ihren Ländern einsetzen.


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