Erde vs Krise
19.03.2020

Was globale Krisen wie die Corona-Pandemie und der Klimawandel gemeinsam haben

Am Montag hat UN-Generalsekretär Antonio Guterres einen weltweiten und sofortigen Waffenstillstandgefordert. Es sei "an der Zeit", die Waffen ruhen zu lassen, um gemeinsam gegen die Corona-Pandemie zu kämpfen. Für den wünschenswerten Fall, dass er damit Gehör findet, sollten die Staaten die Waffen im Anschluss auf jeden Fall liegen lassen. Auch um andere globale Krisen zu bewältigen, müssen die Staaten ihnen mit vereinten Kräften begegnen. An diesen zehn Gemeinsamkeiten zwischen Klimakrise und Coronavirus-Pandemie wird deutlich, warum kein Land globale Krisen im Alleingang bezwingen kann:

1. Sie betreffen alle

Sowohl die Corona-Pandemie als auch die Erderhitzung sind globale Krisen, die kaum jemanden auf dem Planeten völlig unberührt lassen. Es dürfte sich auf der Welt nur schwer ein Ort finden lassen, an den man heute nicht von beiden Krisen betroffen wäre.

2. Sie treffen alle, aber nicht alle gleich schlimm

Die Klimakrise trifft wirtschaftlich und sozial schwächer gestellte Menschen und Regionen besonders hart. Auch unter der Corona-Pandemie leiden bestimmte Gruppen mehr als andere. Lebensbedrohlich ist das Virus vor allem für ältere und kranke Mitmenschen. Für ärmere Länder oder Länder mit weniger gut ausgebauten Gesundheitssystemen ist die explosionsartige Zunahme der Fallzahlen besonders bedrohlich. Experten befürchten in Folge der Pandemie auch eine Zunahme häuslicher Gewalt, die vor allem Frauen trifft.

3. Sie brauchen solidarische und radikale Antworten

Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie brechen radikal mit unseren Gewohnheiten und können nur dann wirken, wenn keiner aus der Reihe tanzt. Auch die Klimakrise erfordert eine Abkehr vom business as usual und die Einhaltung gemeinsam getroffener Vereinbarungen und Verträge. Verbindliche Zusammenarbeit, materieller. Ausgleich und wissenschaftlicher. Austausch zwischen den Ländern sind absolute Grundvoraussetzungen, um die Krisen wirkungsvoll zu bekämpfen. Der Egoismus einzelner schadet letztlich allen.

4. Sie gehen nicht mehr einfach weg

Es ist möglich, dass der Covid-19-Erreger künftig saisonal immer wieder auftritt. Wie bei der Grippe kann es zu wiederkehrenden Ausbrüchen kommen. Allerdings besteht auch die Möglichkeit, dass Menschen eine langfristige Immunität entwickeln und es ist wahrscheinlich, dass wir den Erreger mit der Zeit immer besser in den Griff bekommen. Wie gut wir auch die Klimakrise in den Griff bekommen werden, hängt ganz davon ab, welche Maßnahmen wir jetzt ergreifen. Klar ist: Auch die Klimakrise wird nicht von alleine wieder verschwinden.

5. Sie sind zeitlich nicht isolierbar

Der Virologe Christian Drosten hat den Ausbruch der Pandemie als „Naturkatastrophe in Zeitlupe“ bezeichnet. Anders als etwa ein Erdbeben verdichtet sich diese Katastrophe nicht in einem einzigen Ereignis. Sie bricht über einen längeren Zeitraum in immer neuen Infektionswellen aus und nimmt so lawinenartig immer mehr Tempo auf. Mehr noch als die Corona-Pandemie ist auch der Klimawandel kein örtlich und zeitlich begrenztes Einzelereignis, sondern verursacht und verstärkt eine Vielzahl unterschiedlicher Phänomene weltweit. Auch dieser Prozess kann sich binnen kürzester Zeit rasant beschleunigen, wenn bestimmte Kipppunkte überschritten werden.

6. Sie sind Risikomultiplikatoren

Die Corona-Pandemie verschärft unterschiedliche bereits bestehende Probleme, z.B. indem sie für diejenigen besonders gefährlich wird, deren Immunsystem bereits geschwächt ist. Sie ist auch für ein auf Kante genähtes Gesundheitssystem eine besondere Belastungsprobe und kann es schnell zum Kollabieren bringen. Auch der Klimawandel ist ein solcher Risikomultiplikator, der schwelende Krisen und Konflikte – etwa um Ressourcen wie Wasser oder Ackerflächen – anheizen kann.

7. Die Gefahr ist unsichtbar

Das Medium, über das sich beide Krisen verbreiten, ist unsichtbar und atmosphärisch. Im Falle der Corona-Pandemie handelt es sich um das Sars-CoV-2-Virus, das nach Husten oder Niesen als winziges Aerosol zunächst kurz in der Luft bleibt, bevor es auf Oberflächen niedergeht. Der für den Klimawandel verantwortliche Treibhauseffekt ist auf das Wirken unzähliger Treibhausgas-Moleküle zurückzuführen, die die Rückstrahlung von Wärmeenergie ins Weltall verhindern. Diese Unsichtbarkeit trägt maßgeblich zum nächsten Charakteristikum bei:

8. Die Gefahr wird lange unterschätzt

Nach dem Ausbruch der Corona-Epidemie in China fielen die Warnungen von Wissenschaftler*innen auf taube Ohren oder wurden sogar aktiv unterdrückt. Viele Regierungen zögerten zu lange mit durchgreifenden Maßnahmen. Dieses Zögern beschleunigte die Ausbreitung und macht nun immer härtere Maßnahmen notwendig. Die ermutigenden Nachrichten in der Corona-Pandemie stammen aus Regionen, in denen schnell und konsequent reagiert wurde, z.B. in Südkorea. Auch das Zeitfenster, um auf die Klimakrise zu reagieren, ist inzwischen klein geworden, aber es ist noch groß genug, um die nötigen Veränderungen einzuleiten und das Schlimmste abzuwenden.

9. Sie werden kleingeredet und politisiert

Trotz zunehmender Ausbreitung in den USA haben einige Trump-Anhänger die Gefahr durch die Corona-Pandemie bis zuletzt zu einem Schwindel erklärt, um den Präsidenten zu stürzen. Wie beim Klimawandel schießen zum Corona-Virus überall auf der Welt die absurdesten Verschwörungstheorien und gegenseitige Schuldzuschreibungen aus dem Boden. Viel zu viele Menschen glauben leider immer noch, dass es sich auch beim Klimawandel um einen riesengroßen Schwindel handelt oder die Folgen entgegen einhelliger Prognosen der Wissenschaft doch nicht so schlimm ausfallen werden.

10. Sie sind Zerreißproben für Gesellschaft und Wirtschaft

Viele Ökonomen halten eine weltweite Rezession in Folge der Corona-Pandemie für ausgemacht. Auch die Klimakrise verursacht hohe Kosten und birgt enorme wirtschaftliche Risiken. In ihren Auswirkungen stellen Corona-Pandemie wie Klimawandel den gesellschaftlichen Zusammenhalt in vielen Ländern auf eine harte Probe. Jetzt kommt es darauf an, das Feld nicht den Populisten zu überlassen, die Nationalismus, Abschottung und Ausgrenzung als Rezepte gegen die Krisen propagieren. Aus den globalen Krisen der Gegenwart können uns einzig Menschlichkeit, Solidarität und Kooperation führen. Das ist die große Chance, die in diesen Krisen liegt.

Unterzeichen Sie das Greenpeace-Friedensmanifest für eine solidarische und friedliche Zukunft!

 


Benjamin Borgerding

Benjamin Borgerding (*1982) hat in Frankfurt am Main Anglistik und Medienwissenschaften studiert.


Diskutiere mit uns

Bitte einloggen oder registrieren, um Kommentare zu schreiben.