Luftaufnahme Mexico City
Daniel Moser Portrait
25.10.2016

Wie wollen wir leben?

Zur Habitat-Konferenz in Quito, Ecuador

In Quito, Ecuador ging in der letzten Woche die HABITAT-Konferenz zu Ende. Hinter dem Begriff HABITAT steht das Programm der Vereinten Nationen für menschliche Siedlungen. Es geht um nichts weniger als die Frage, wie wir Menschen in Zukunft zusammen leben wollen. Vermutlich gibt es kein anderes UN-Programm, das in derart gemächlichem Tempo voranschreitet: Es war nach der Habitat I 1976 in Kanada und der Habitat II 1996 in Istanbul erst das dritte Mal, dass dieser "Weltsiedlungsgipfel" stattfand - entsprechend hoch die Erwartung, dass ehrgeizige Ziele verabschiedet werden.

São Paulo in Brasilien
Luftaufnahme von São Paulo in Brasilien: Die Metropolregion Grande São Paulo zählt 21 Millionen Einwohner. Damit ist sie eine der größten Städte der Erde und die bevölkerungsreichste Stadt auf der Südhalbkugel.

Urbanisierung und Klimaschutz

Der Prozess der Urbanisierung wird in den nächsten Jahrzehnten fast überall auf der Welt weiter voranschreiten. Die Bevölkerung in Städten wird vermutlich auf über sieben Milliarden Menschen anwachsen. Die Konferenz beschäftigt sich mit den großen Herausforderungen, die sich daraus ergeben: Wie kann schnell und nachhaltig neuer Wohnraum entstehen? Wie kann der soziale Zusammenhalt in den Städten gewahrt werden? Wie sieht eine Urbanisierung aus, die die Ziele des Pariser Klimaabkommens nicht gefährdet?

Rush Hour in Mexico City
Rush Hour in Mexico City: Das Erscheinungsbild einer Stadt hängt maßgeblich vom Faktor Verkehr ab.


Hohe Erwartungen gehen oft mit einem hohen Risiko des Scheiterns und der Enttäuschung einher. Fünftausend Urbanisten, Humanisten, Mitglieder der Zivilgesellschaft, Wissenschaftler, Regierungsmitglieder und Ingenieure sollten auf der HABITAT III sich über eine Vision für die Städte der Zukunft verständigen. Die große Gefahr bei einer so heterogenen Gruppe besteht darin, dass Kanten abgeschliffen werden und schließlich eine zahnlose und beliebige Vision für eine nachhaltige Urbanisierung entsteht. Leider ist das Abschlussdokument der Konferenz - die New Urban Agenda - genau das geworden. Auf 23 Seiten beschreibt das Dokument in blumigen Worten eine Wunschliste der nachhaltigen Urbanisierung, ohne je konkret zu werden.

Es ist natürlich wichtig und richtig, dass man sich schon einmal grundsätzlich einigt, dass Urbanisierung nachhaltig ablaufen sollte, aber damit steht die Arbeit erst vor uns. Was die Staatengemeinschaft in Quito verpasst hat, ist die Vereinbarung klarer Ziele und eines Zeitplans, der verbindlich und überprüfbar ist. Städte stoßen bereits jetzt siebzig Prozent der CO2-Emissionen aus. In den nächsten drei Jahrzehnten wird mehr urbane Fläche entstehen, als in der gesamten bisherigen Menschheitsgeschichte. Der urbane Flächenverbrauch der Menschheit wächst doppelt so schnell wie die Bevölkerung und bedroht damit Bioreserven und Agrargebiete. Nicht gerade rosige Aussichten.

YoU-Turn The Streets Berlin
Wie wollen wir leben? Im Sommer 2016 luden Greenpeace-Aktivisten in verschiedenen Städten in Deutschland zum YoU-Turn the Streets-Event ein! Gemeinsam mit Bürgern und Anwohnern widmeten sie städtischen Raum, der für Autos reserviert ist, in Raum für Menschen um - hier in Berlin.

Keine klaren Antworten

Vor klaren Antworten drückt sich auch die Bundesregierung. Als Deutscher Delegationsleiter ist der Berliner Oberbürgermeister Matthias Müller nach Quito gereist - ausgestattet mit einem Investitionsbudget in Höhe von einer Milliarden Euro. Diese Summe stellt das deutsche Entwicklungsministerium für eine weltweite Verkehrswende mit einem deutlichen Ausbau des Radverkehrs, Fußverkehrs und ÖPNV zur Verfügung. So wurde zumindest berichtet. Im Kleingedruckten liest man jedoch, dass in Wahrheit nur achtzig Millionen bereitgestellt werden. Der Rest soll über lukrative Kreditlinien bedient werden.

Über Probleme vor der eigenen Haustür sieht die Bundesregierung hinweg. Für eine Verkehrswende und ein besseres Leben in Städten muss der Autoverkehr deutlich reduziert werden und das geht nur, wenn Investitionen in ÖPNV, Fuß- und Radverkehr steigen. Davon ist bisher nichts zu erkennen. Die Bundesregierung muss jetzt einen Zeitplan und konkrete Ziele für Deutschland festlegen, um den Autoverkehr deutlich einzuschränken und die Alternativen zu stärken.

Topic
Klimawandel

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Daniel Moser

Daniel Ernesto Moser ist „Mobility and Transport“-Campaigner.


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