06.09.2016

Zwischen Overkill und Entschleunigung

Die neuesten Elektronik-Trends auf der Internationalen Funkausstellung (IFA) in Berlin

Als Chemie-Kampaigner von Greenpeace habe ich jahrelang  die dreckigen Seiten der Textilindustrie öffentlich gemacht. Das Ziel: Detox fashion – Kleidung entgiften! Jetzt wollen wir auch die dreckige Elektronikindustrie endlich sauber machen: In Smartphones stecken bis zu 40 verschiedene Chemikalien – darunter Schwermetalle, die Menschen und Umwelt vergiften können. Und gefertigt werden die Geräte von Apple, Samsung und co.  vorwiegend in ostasiatischen Fabriken – mit schmutzigem Kohlestrom. Bei all den Milliarden, die diese innovativen Konzerne umsetzen, frage ich mich: Warum entwickeln die nicht längst „grüne“ Elektronik? Und: Wer löst das Problem mit der Entsorgung?

Nirgends wird die Notwendigkeit für eine nachhaltige Elektronikproduktion greifbarer als dieser Tage in Berlin: Die Internationale Funkausstellung (IFA) zelebriert einen wahren Overkill an Unterhaltungs- und Informationstechnologie, der sich schon in der englischen Übersetzung andeutet: consumer electronics unlimited. Kaum ein Stand ohne randlose Smartphone-Displays, ohne Virtual-Reality-Brillen, ohne noch schnellere Technik – die Entwicklung scheint wirklich grenzenlos, auch wenn wirkliche Neuigkeiten ziemlich rar sind. Fast unbemerkt findet zur selben Zeit ein weiterer Event der Elektronik-Branche statt: Die Electronic Goes Green (EGG).

Die EGG ist das genaue Gegenteil der IFA. Hier versammeln sich Wissenschaftler, Technologie-Experten, Geschäftsleute, politische Entscheidungsträger und andere Interessierte, die den Elektronik-Sektor nachhaltiger gestalten wollen. Sie machen sich darüber Gedanken, wie die endlichen Ressourcen effizienter genutzt werden können und Elektroschrott in Zukunft vermieden oder zumindest reduziert werden kann. Hier wollen wir  am Mittwoch die neu aufgelegte Greenpeace-Elektronik-Kampagne vorstellen. Wir – das sind: meine zwei Kolleginnen Chih An Lee aus Taiwan, Iza Kruszewska aus UK und ich. Außerdem wollen wir Gespräche mit anderen NGOs führen, uns austauschen und mit Vorreitern der Branche treffen: Mit Fairphone und IFIXIT.

Bei einem Rundgang über die IFA wird schnell klar, wie wichtig unsere neue Kampagne ist:

Die großen Technologie-Konzerne stellen ihre Produktneuheiten auf der IFA aus

Die IFA startete vor vielen Jahren als ein Forum rund um’s Radio und Fernsehen, staubte jedoch zusehends ein und wurde schließlich wiederbelebt, um die neuesten Techniktrends der Unterhaltungs- und Haushaltselektronik-Branche zu präsentieren. TV und Radio sind zwar immer noch vertreten auf der IFA, aber haben doch sichtlich Schwierigkeiten, sich gegen die neuesten digitalen Trends durchzusetzen. Leider spielen mögliche Folgen für Menschen und Umwelt bei den wenigsten Entwicklungen eine Rolle.

Da wären zum Beispiel die neuen Dash Buttons von Amazon: Sie machen die Einkaufsplanung überflüssig. Ist das Klopapier alle, drückt man einen Knopf auf einen kleinen Sensor, der im Bad installiert ist und schon liefert Amazon neue Rollen ins Haus.

Auch in den Buttons steckt Elektronik, in jedem einzelnen Gerät nur wenig, aber die Menge macht‘s. Rohstoffe wie Tantal, Palladium, ein wenig Gold, Kupfer, Seltene Erden und noch vieles mehr werden benötigt, verpackt in einem Plastikgehäuse – ein Ressourcen-Verschwendungswahnsinn, nur um Papier und Bleistift für die Einkaufsplanung zu ersetzen. In erster Linie dient der Button dazu, dass Amazon sich immer tiefer in unseren Alltag eingraben kann. Und ich wette, bei Amazon hat sich niemand Gedanken darüber gemacht, wie man die Dinger nach Ende der Lebensdauer zurücknehmen und sinnvoll recyceln kann. Und technische Neuerungen wie Apples süßer Roboter „Liam“ werden das Problem allein nicht lösen.

Ein weiteres Schlaglicht auf ineffizienten Ressourcen-Verbrauch wirft eine Meldung kurz vor Beginn der IFA: Samsung muss 2,5 Millionen Geräte des neuen Modells Galaxy Note 7 zurückrufen, eine Millionen Geräte sind noch nicht ausgeliefert. Der Grund: Probleme mit den Akkus, die offenbar beim Laden in Brand geraten können, zwingen Samsung dazu, in allen 3,5 Millionen Geräten die Akkus auszutauschen. Man kann nur hoffen, dass zumindest das in den Batterien vorhandene Kobalt zurückgewonnen wird. 9,4 Prozent der Welt-Kobalt-Produktion verschwinden in Smartphone- und Tablet-Akkus. Die Kobalt-Gewinnung ist eine der umweltschädlichsten Industrien überhaupt und ist verbunden mit unwürdigen Arbeitsbedingungen vor allem in der Demokratischen Republik Kongo. Amnesty International berichtet immer wieder über die verheerenden Verhältnisse dort, zum Beispiel Kinderarbeit in großem Stil.

Diese Probleme können wir nur gemeinsam lösen. Und wir müssen den großen Technologie-Konzernen Beine machen: Die Zeit ist reif für Grüne Elektronik! Wie sich die Elektronik-Industrie nachhaltig erneuern kann, erfährst du auf http://detox.greenpeace.org/de-DE/trueinnovation/

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