01.11.2017

Havarierter Frachter vor Langeoog geborgen

Ölexperten Jörg Feddern und Michael Meyer-Krotz berichten von vor Ort

Seit Sonntagabend (29.10.2017) lag der Schüttgutfrachter „Glory Amsterdam“ vor der ostfriesischen Insel Langeoog auf Grund. Erst vier Tage später konnte der Frachter erfolgreich freigeschleppt werden. Jörg Feddern und Michael Meyer-Krotz, langjährige Ölexperten von Greenpeace Deutschland, waren vor Ort und machten sich ein Bild von der Lage.


Das ist gerade noch mal gutgegangen: Heute Morgen 7.15 Uhr wurde die "Glory Amsterdam" von drei Schleppern aus ihrer misslichen Lage befreit. Nach aktuellem Kenntnisstand ist zum Glück kein Öl ausgelaufen, keine Schadstoffe sind ausgetreten. Das hätte auch anders ausgehen können. Das Schiff hätte zerbrechen können, das Schweröl auslaufen und im Nationalpark Wattenmeer große ökologische Schäden hervorrufen können. Der unbeladene Frachter hatte immerhin rund 1.800 Tonnen Schweröl und 140 Tonnen Marinediesel an Bord.  Im Falle eines Schadstoffsaustritts waren massive ökologische  Schäden für das niedersächsische Wattenmeer zu befürchten. Das Wattenmeer ist ein hochsensibles Ökosystem und steht unter besonderem Schutz. Die katastrophalen Folgen eines Ölaustritts in dieser Region zeigt ein Blick in die Vergangenheit: die Havarie des Frachters „Pallas“ 1998. Damals traten etwa 100 Tonnen Schweröl aus und verursachten den Tod von 16.000 Vögeln. Damit solche Unfälle in Zukunft nicht mehr passieren, müssen wir an die Ursachenforschung im Fall der "Glory Amsterdam" gehen.

  • War die Mannschaft ausreichend ausgebildet?
  • War das Schiff richtig ausgerüstet für diesen Sturm?
  • Warum hat das Schiff überhaupt  den Hafen verlassen, obwohl ein Sturm angekündigt war?
  • Und vor allem: Wie kann es sein, dass ein Schiff, das westlich von Helgoland auf Reede liegt, ganze 50 Kilometer durch die Deutsche Bucht treiben kann, ohne dass irgendjemand in der Lage ist, es aufzuhalten?

Diese Fragen müssen nun geklärt werden – zum Schutz des sensiblen Ökosystems Wattenmeer.

 

Karte der Lage des havarierten Frachters Glory Amsterdam vor Langeoog
Quer durch die Deutsche Bucht: Der manövrierunfähige Frachter "Glory Amsterdam" driftete von Nähe Helgoland fast 50 Kilometer bis kurz vor Langeoog - die Karte zeigt die aktuelle Position des gestrandeten Frachters zwei Kilometer vor der ostfriesischen Küste.

 

Kurzchronik:

Gute Nachrichten am 2.November 2017: Der Frachter wurde in den frühen Morgenstunden erfolgreich freigeschleppt. Er soll nach Wilhelmshaven gebracht werden.

Auch am 1. November laufen  die Vorbereitungen der Bergung. Die havarierte „Glory Amsterdam“ liegt weiterhin in fünf Meter Wassertiefe. Eine Reparatur der Ruderanlage war bisher nicht möglich. Spät Abends meldet das Havariekommando, dass die Verbindung zum zweiten Schlepper stehe und nun begonnen werde, das Ballastwasser abzupumpen. Das Ballastwasser sorgt eigentlich dafür, dass das Schiff stabil im Wasser liegt. Durch Abpumpen des Ballastwassers kann der Auftrieb erhöht werden und das Schiff im besten Fall freigeschleppt werden.

Der 31. Oktober bricht an: Ein neues Bergungskonzept des Bergungsunternehmens und des Havariekommandos steht. Es sieht unter anderem über 1000 m lange Schleppleinen vor. So soll der Havarist aus der Distanz aus dem niedrigen Wasser herausgezogen werden. Das Havariekommando meldet, dass der Hochseeschlepper „Fairmont Summit“ seit morgens mit dem Frachter über Schleppleinen verbunden ist. Ein zweiter Schlepper, die „Union Manta“, soll mit Bergungsmaterial am Abend eintreffen.

Am 30. Oktober wird auf Grund der Wetterlage von weiteren Freischleppversuchen abgesehen. Die geringe Wassertiefe um den havarierten Frachter “Glory Amsterdam” erfordert die Anpassung der Bergungsstrategie. Ein vom Reder beauftragtes Bergungsteam geht an Bord des Havaristen und inspiziert das Schiff auf Schäden. Es wird ein technischer Defekt an der Ruderanlage untersucht. Die Havariestelle wird zudem regelmäßig von einem Überwachungsflugzeug von der Luft aus überprüft.

Am 29. Oktober gegen 6 Uhr reißt sich der 225 Meter lange Schüttgutfrachter “Glory Amsterdam” im schweren Sturm „Herwart“ trotz zweier ausgeworfene Anker nahe Helgoland los. Der leere Frachter kommt aus Hamburg und ankert auf der Tiefwasserrreede bei Helgoland. An Bord sind 22 Personen Besatzung. Bedingt durch den orkanartigen Sturm wird das Schiff, trotz gesetzter Anker, quer durch die Deutsche Bucht insgesamt 25 Seemeilen bis vor die Küste der ostfriesischen Insel Langeoog getrieben. (fast 50 Kilometer). Um 9.45 Uhr übernimmt das Havariekommando die Gesamteinsatzleitung. Mehrfache Rettungsversuche durch den Bergungsschlepper „Nordic“, die das Schiff an den Haken nehmen möchte, scheitern an den Witterungsbedingunge Gegen 18.45 Uhr  läuft die „Glory Amsterdam“ auf Grund, etwa zwei Kilometer vor der Küste Langeoogs (Position: ca. 53°46.81N, 7°36.46‘‘E). Neben der „Nordic“ sind auch das Mehrzweckschiff „Mellum“ sowie die Hafenschlepper „Jade“ und  „Bugsier 9“ vor Ort.

 

Topic
Meere

Jörg Feddern

Jörg Feddern, Meeresbiologe, ist Task-Force- und Meeres-Campaigner sowie Experte für Öl.


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