William Happer und Greenpeace-Aktivist Jesse Coleman
Benjamin Borgerding
09.12.2015

Aufgedeckt: Wie sich US-Professoren von der Kohleindustrie kaufen lassen

97 Prozent der Klimaforscher sind überzeugt, dass der Mensch am Klimawandel Schuld ist. Der Rest - so scheint es - wird von der Kohle- und Ölindustrie bezahlt. Skandalöse Seilschaften zwischen US-amerikanischen Wissenschaftlern und der Kohleindustrie hat nun ein Recherche-Team von Greenpeace Großbritannien enthüllt. 

Die Greenpeace-Reporter haben sich als Vertreter von Kohleunternehmen ausgegeben und Studien bei zwei Wissenschaftlern in Auftrag gegeben, die bekannt dafür sind, an den Auswirkungen des Klimawandels zu zweifeln. Die Professoren nahmen die Aufträge an und - der eigentliche Skandal - erklärten sich einverstanden, ihre Auftraggeber nicht öffentlich zu nennen.

Ihre Anfragen richtete das Greenpeace-Team an die emeritierten Professoren Frank Clemente von der Penn State-Universität und William Happer von der Princeton University. Die beiden Herren pflegen ein besonders freundschaftliches Verhältnis zur Kohle- und Ölindustrie.

"Pflanzen würden Kohle wählen"

Im Fall Happer gaben sich die Rechercheure als Repräsentanten einer Öl- und Gasfirma aus dem Nahen Osten zu erkennen. Sie wollten ein Papier in Auftrag geben, in dem Happer den Nutzen hoher CO2-Emissionen für die Umwelt darstellt. Happer willigte ein – zu einem Stundenlohen von 250 US-Dollar. Happer bat darum, das Honorar an die Lobby-Vereinigung CO2 Coalition zu überweisen, in der er Vorstandsmitglied ist.

William Happer ist Leiter des klimaskeptischen George Marshall Institutes. Seine Arbeit zu CO2-Emissionen bezeichnet er als „Herzensangelegenheit“, bei einem Treffen von Klimaskeptikern in Texas prägte Happer kürzlich das Bonmot: „Könnten Pflanzen wählen, sie würden Kohlekraft wählen.“ Während der Amtszeit von US-Präsident George W. Bush war der Mann Leiter der Forschungsabteilung im US-Energieministerium und hat dort nach eigener Aussage die Arbeit zum Klimawandel beaufsichtigt.

Die Reporter erkundigten sich bei Happer auch, ob der Auftraggeber des gewünschten Papiers – also jene fiktive Ölfirma aus Nahost - ungenannt bleiben könne, um eine höhere Glaubwürdigkeit zu garantieren. Happer erwiderte: „Wenn ich das Papier alleine schreibe, sollte es kein Problem sein anzugeben, dass ‚der Autor keine finanzielle Entschädigung für das Essay‘ erhalten hat.“

US-Kohlekonzern zahlte für "unabhängige" Expertenmeinung

In E-Mails an die Reporter erklärte Happer außerdem, der US-Kohlekonzern Peabody Energy habe für seine Dienste in der Vergangenheit 8.000 US-Dollar an die CO2 Coalition bezahlt – dafür, dass Happer bei einer Anhörung im US-Bundesstaat Minnesota über die Folgen von CO2-Emissionen aussagte.

Am Dienstagnachmittag sprach Happer erneut bei einer staatlichen Anhörung zum Thema Klimawandel. Der republikanische Präsidentschaftskandidat Ted Cruz hatte ihn als Experten zu einer Sitzung eines Ausschusses im US-Senat eingeladen. Als ein Greenpeace-Aktivist Happer mit den Enthüllungen konfrontierte (zu sehen oben im Foto) , behauptete Happer vor laufender Kamera, weder er persönlich noch die CO2 Coalition hätten jemals Geld von Peabody Energy erhalten.

Bei einer Anhörung in einem Ausschuss des US-Senats konfrontiert Greenpeace-Aktivist Jesse Coleman Professor WIlliam Happer mit den Vorwürfen. Der reagiert barsch.

15.000 Dollar für zehn Seiten, 6.000 Dollar für einen Meinungsbeitrag

Mit einem weiteren Auftrag wandten sich die Greenpeace-Reporter an den emeritierten Soziologie-Professor Frank Clemente von der Penn State-Universität. Clemente willigte ein, mit einem Papier einen Report der Weltgesundheitsorganisation zu kritisieren, wonach weltweit ein Zusammenhang zwischen vorzeitigen Todesfällen und dem Verfeuern von Kohle besteht. Auch Clemente ist ein Spezi der Kohleindustrie. Peabody Energy nutzt Clementes Thesen regelmäßig, um für den Bau von Kohlekraftwerken in Entwicklungsländern zu werben.

Für einen acht- bis zehnseitigen Bericht wollte Clemente rund 15.000 US-Dollar in Rechnung stellen. Clemente erklärte auch, dass Kommentare in  Zeitungen bei ihm für 6.000 Dollar zu haben seien. Der Professor erklärte auf Nachfrage per E-Mail, dass „eine Nennung der Auftraggeber in den USA“ nicht notwendig sei.

Weitere Enthüllungen

Die Enthüllungen des Investigativ-Teams reichen noch weiter und legen offen, über welche Kanäle Geldströme der Industrie zu klimaskeptischen Interessengruppen gelangen: So signalisierten Vertreter der Organisation “Donors Trust” in einem aufgezeichneten Dialog ihre Bereitschaft, Gelder eines fiktiven Öl- und Gasunternehmen aus dem Nahen Osten an klimaskeptische Organisationen in den USA weiterzuleiten.

Ihr Augenmerk richteten die Reporter außerdem auf die „Peer Review“-Praxis des klimaskeptischen Think-Tanks Global Warming Policy Foundation (GWPF). Als „Peer Review“ werden im Wissenschaftsbetrieb Kreuzgutachten bezeichnet, die für Qualität und Einhaltung von Standards sorgen sollen, indem unabhängige Gutachter akademische Publikationen auf wissenschaftliche Lauterkeit überprüfen.

Professor Happer erklärte, dass die Veröffentlichung in akademischen Zeitschriften durch den dortigen „Peer Review-Prozess“ erschwert werde. Die Lösung, die Happer vorschlägt: Indem man die GWPF mit der Erstellung eines Gutachten beauftragt, können die Autoren eines Papiers den üblichen „Peer Review“-Prozess umgehen und das GWPF-Gutachten als Qualitätssiegel für eine unabhängige Überprüfung nutzen.

Erfreulich: Die Enthüllungen zeigen erste Folgen. Die britische Behörde zur Gewährung der Gemeinnützigkeit, die Charity Commission, hat gestern angekündigt, den Gemeinnutz des GWPF zu überprüfen.

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Topic
Klimawandel

Benjamin Borgerding

Benjamin Borgerding

Benjamin Borgerding (*1982) hat in Frankfurt am Main Anglistik und Medienwissenschaften studiert.


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