Holzindustrie in Rumänien
Gesche Jürgens
28.12.2015

Europa und der Wald

Kein Vorbild in Sachen Nachhaltigkeit

Die Wälder dieser Erde erfüllen vielfältige Funktionen und sind nicht zuletzt eine zentrale Grundlage für unser Überleben auf diesem Planeten: dennoch schwinden sie in beängstigender Geschwindigkeit. Nach aktuellen Schätzungen wurden zwischen 2010 und 2015 im Durchschnitt jährlich knapp 9 Millionen Hektar Wald vernichtet, eine Fläche deutlich größer als Österreich. Die Zerstörung schreitet vor allem in Regenwäldern und den borealen Wäldern Russlands und Kanada voran. Doch auch die Wälder Europas stehen unter Druck – beispielsweise die rumänischen Karpaten, die die größten noch verbliebenen Urwälder Europas beheimaten.

 

Europa und die EU lenken das Schicksal der Wälder weltweit maßgeblich mit: durch politische Rahmenbedingungen, wirtschaftliche und finanzielle Investitionen und nicht zuletzt den Verbrauch von Produkten, die mit Waldzerstörung in Verbindung stehen.

Abholzung Brasilien
Abholzung im Bundesstaat Maranhão in Brasilien. Auch Händler in Europa machen Geschäfte auf Kosten der Lunge der Erde.

Importierte Zerstörung

 

Jeden Tag werden auf dem europäischen Markt große Warenmengen gehandelt und konsumiert, die auf Kosten der Wälder produziert und auf Flächen angebaut werden, auf denen vor kurzem noch Wald stand. Dabei handelt es sich um Palmöl in unseren Dieseltanks, Tütensuppen und Waschmitteln, Soja in den Viehtrögen oder Holz- und Papierprodukte aus illegalem Einschlag. Erst kürzlich zeigte ein Greenpeace Report, wie Schiffsladungen mit Holz aus illegalem Raubbau im Amazonas nach Europa importiert werden: Geschäfte europäischer Händler – auf Kosten der Lunge der Erde. Obwohl Gesetze dafür sorgen sollen, dass kein illegal geschlagenes Holz auf den EU-Markt gelangt.

Auch europäische Finanzinstitute und Banken nehmen durch ihre Investitionen Einfluss – finanzieren sie fragwürdige Projekte oder Firmen, tragen sie - trotz blumiger Nachhaltigkeitsversprechen - zur Waldzerstörung bei.

Protest für Waldschutz in Indonesien
Kalimantan, Indonesien, 3. Dezember 2015: Greenpeace-Aktivisten und Aktivisten lokaler Gruppen und NGOs protestieren gegen das Trockenlegen von Torfmooren. In weiten Teilen Indonesiens wüteten in den vergangenen Monaten verheerende Waldbrände, trotz Beteuerungen von Konzernen und der indonesischen Regierung, die verbliebenen Wälder, insbesondere jene auf Torfböden, besser zu schützen.

Der „Entwaldungs-Fußabdruck“ Europas ist, wenig überraschend, hoch: eine von der EU-Kommission in Auftrag gegebene Studie zeigte, dass zwischen 1990 und 2008 eine Waldfläche von 9 Millionen Hektar allein durch Import und Verbrauch von Produkten in bzw. durch die EU-Länder zerstört wurde.

 

Die politischen Entscheidungsträger Europas unterstützen zwar internationale Ziele zu Waldschutz und Wiederaufforstung, und auch auf den Pariser Klimaverhandlungen spielten Wälder eine wichtige Rolle. Doch nach wie vor tut Europa zu wenig um die Entwaldung und den illegalen Holzhandel zu stoppen. Auf letzteres wies auch der europäische Rechnungshof kürzlich hin.

Greenpeace hat vor allem aufgrund folgender Umstände große Bedenken:

  • Spanien, Griechenland, Ungarn und Rumänien sind bei der Umsetzung der Gesetzgebung gegen den illegalen Holzhandel im Verzug, in anderen Ländern werden die Gesetze nicht effektiv angewendet. Ein Report der EU-Kommission zu dieser Thematik soll im Januar 2016 veröffentlicht werden.
  • Die EU hat mit sechs Ländern Partnerschaftsabkommen geschlossen um den illegalen Holzeinschlag zu bekämpfen und ist mit neun weiteren Ländern in Verhandlungsprozessen. Bedauerlicherweise gehen viele Verhandlungen nur schleppend voran und werden durch mangelnden politischen Willen und schwache Governance-Strukturen behindert.
  • Das Ziel ist, dass die Partnerländer Lizenzen vergeben dürfen, die garantieren sollen, dass in die EU importiertes Holz aus legalem Einschlag stammt. Der steigende Druck, Fortschritte nachzuweisen, darf jedoch nicht dazu führen, dass die EU den Partnerländern grünes Licht gibt, bevor die entsprechenden Strukturen geschaffen sind, die den Schutz und Erhalt der Wälder sowie die Wahrung der Rechte der lokalen Bevölkerung gewährleisten.
  • Obwohl die EU und China seit 2009 zum illegalen Holzhandel kooperieren, erschwert die außerordentliche Trägheit Chinas beim Kampf gegen illegalen Holzhandel entsprechende Fortschritte.

Auch vor der eigenen Haustür kehren

 

Doch das Problem besteht nicht nur in den großen Tropenwaldregionen. Auch innerhalb der EU liegt einiges im Argen beim Umgang mit dem Wald. Selbst die wenigen europäischen Urwälder, die in den letzten Jahrhunderten nicht intensiver Holznutzung und Umwandlung in Ackerland zum Opfer fielen, sind nicht ausreichend geschützt. Ein kürzlich veröffentlichter FERN-Report zeigt, dass auch in europäischen Nationalparken Wälder der Säge zum Opfer fallen – sogar, um unter dem Deckmantel des Klimaschutzes in Biomassekraftwerken verfeuert zu werden.

In Rumänien ist der illegale Holzeinschlag eins der gravierendsten Probleme in den Wäldern. Eine aktuelle Auswertung behördlicher Daten durch Greenpeace zeigt, dass die dadurch entstehenden ökologischen und wirtschaftlichen Schäden enorm sind. Mehr als eine Million Kubikmeter Holz betrug der illegale Schwund der Jahre 2013 und 2014. Und das ist lediglich jene Menge, die behördlich registriert wurde. Betrachtet man nur den Verkaufswert, so entspricht der etwa 52,1 Millionen Euro. Noch viel schwerer wiegt die weitgreifende Zerstörung eines für Mensch und Tier wertvollen Ökosystems. All dies geschieht, obwohl die europäische Gesetzgebung nicht nur von Importhölzern Legalität verlangt – auch innerhalb der EU geschlagenes Holz muss aus legalen Quellen stammen.

Diese Beispiele zeigen: wenn noch nicht einmal die EU-Länder in der Lage sind, ihre Wälder hinreichend zu schützen und die Gesetze einzuhalten, wie soll dies erst in politisch instabilen Regionen mit hoher Korruption wie beispielsweise dem Kongobecken geschehen?

Palmölplantage in Kamerun
Palmölplantage in Kamerun: In Europa ländet Palmöl in Dieseltanks, Tiefkühlpizza, Shampoo und vielen anderen Produkten.

Was ist also zu tun? Und welche Weichenstellungen sind konkret notwendig, um Europa zu einem Vorbild für Waldschutz und eine ökologisch nachhaltige und sozial zuträgliche Waldnutzung zu machen?

 

Die geplanten Maßnahmen des EU-Aktionsplans gegen illegalen Holzeinschlag sind auch mehr als 10 Jahre nach seiner Einführung höchst aktuell und müssen dringend umgesetzt werden. Europas Glaubwürdigkeit beim Kampf gegen illegalen Raubbau auf Kosten der letzten Urwälder und der Menschen und Tiere, die auf sie angewiesen sind, steht auf dem Spiel.

Und doch reichen diese Maßnahmen allein nicht aus, um Europas „Entwaldungs-Fußabdruck“ zu verringern und der Waldzerstörung weltweit Einhalt zu gebieten.

Die Umweltauswirkungen des Forstsektors sind beachtlich, vor allem bei der ökologischen Verschlechterung von Wäldern, die vielfach der flächendeckenden Zerstörung vorangeht. Dabei stehen rund 80 Prozent der weltweiten Entwaldung im Zusammenhang mit der Erschließung neuer landwirtschaftlicher Flächen. Die EU verschärft dieses Problem, in dem sie Waren wie Palmöl, Rindfleisch, Soja, Kakao, Leder sowie Holz- und Papierwaren aus Kahlschlägen importiert. Die EU Kommission wies auf diese Problematik bereits 2008 hin. Gleichwohl dauerte es weitere fünf Jahre bis die EU – mit der Annahme des EU Umwelt-Aktionsprogramms – die Notwendigkeit eines Aktionsplans zur Bekämpfung von Entwaldung und ökologischer Verschlechterung von Wäldern erkannte. Vergangenen Monat kündigte EU-Umweltkommissar Karmenu Vella an, dass die Kommission endlich entsprechende zusätzliche Maßnahmen erwägt.

Stoppt die Ressourcen-Verschwendung!

Die Europäische Union muss umgehend handeln, wenn sie eine Vorreiterrolle beim Schutz und der nachhaltigen Nutzung von Wäldern einnehmen möchte. Die Staatengemeinschaft muss sicherstellen, dass ihre Lieferketten und Investitionen nicht länger mit Waldzerstörung und illegalem Holzeinschlag in Verbindung stehen – außerhalb und innerhalb Europas. Dies bedeutet auch, den maßlosen Verbrauch und die Verschwendung von Ressourcen der reichen Industrieländer drastisch zu senken. Gleichzeitig muss die EU Entwicklungs- und Schwellenländer dabei unterstützen, Maßnahmen zu ergreifen, um Governance-Strukturen zu verbessern, den Schutz von Wäldern und Torfmooren voranzutreiben, die Rechte der lokalen Bevölkerung, insbesondere indigener Gemeinschaften zu achten und ökologisch nachhaltige Land- und Forstwirtschaft auszuweiten.

Die EU hat sowohl das wirtschaftliche als auch das politische Gewicht, maßgeblich das Schicksal der Wälder mitzubestimmen. Sie muss dieses mit aller Kraft in die Wagschale werfen.

Der Blogbeitrag orientiert sich an dem Beitrag "Will Europe lead the way towards 'zero deforestation'?" von Sébastien Risso, Forest Policy Director der Greenpeace EU Unit.  

 

Topic
Wälder
Format
Analyse

Gesche Jürgens

Gesche Jürgens

Gesche Jürgens (*1979) ist studierte Politikwissenschaftlerin und arbeitet seit Juni 2011 bei Greenpeace als Kampaignerin für Wälder.


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