Rede von Kumi auf der Sicherheitskonferenz in München

03. Februar 2012

Der Autor Kumi Naidoo ist Geschäftsführer von Greenpeace International. Die Rede zu dem nachfolgenden Manuskript hat Kumi am Freitag auf der Sicherheitskonferenz in München gehalten.

Guten Abend, meine Damen und Herren, ich muss zugeben: trotz all meiner öffentlichen Redetermine ist es merkwürdig für mich, hier zu sein – noch merkwürdiger als in Davos, von woher ich gerade komme. Ich weiß, dass das, was ich zu sagen habe, hier nicht so gut ankommen wird. Aber meine Mutter, möge sie in Frieden ruhen, sagte mir, als ich fünfzehn Jahre alt war, dass “es besser ist, ehrlich und unbeliebt zu sein als unehrlich und beliebt”. (…)

Was kann ich ihnen über Sicherheit erzählen, das sie nicht schon wüssten? Was kann ich Ihnen sagen, dass nicht schon dafür benutzt worden wäre, die weltweit 1,6 Billionen Rüstungsausgaben jährlich zu rechtfertigen. Was kann ich ihnen über die Ursache von Konflikten erzählen, die Kämpfe um natürlich Resourcen wie Wasser, Öl und Nahrung. (…) Diese Konflikte könnten teilweise dadurch vermieden werden, indem wir die Definition von Sicherheit überdenken. (…)

Was heute in der Welt passiert, all die Kriege und Konflikte, resultiert aus einer starken Fokussierung auf nationale Sicherheit und einer Vernachlässigung humanitärer Sicherheit (“Human Security”). Selbst die CIA hat in einem Report für Präsident George Bush im Jahre 2003 festgestellt, dass der Klimawandel die Welt mehr bedroht als Terrorismus und sie an den Rand der Anarchie bringen könnte, weil Länder dazu bereit sind, ihre schwindenden Nahrungs-, Wasser- und Energievorräte mit atomaren Drohgebärden verteidigen.

Meinen Freunde aus den USA möchte ich daher einen einfachen Vorschlag machen, den ich auch neulich bei der Klimakonferenz in meiner Heimatstadt Durban unterbreitet habe: Wie wäre es die Differenz zwischen dem us-amerikanischen und dem chinesischen Militärbudget um 100 Milliarden Dollar jährlich zu verringern? Es bliebe immer noch ein Unterschied von einer halben Billion Dollar. Mit diesen 100 Milliarden könnten wir das Versprechen der Weltgemeinschaft einlösen, eine solche Summe in Entwicklungsländer zu stecken, um damit Maßnahmen gegen den Klimawandel und seine Folgen zu ergreifen. Dadurch würde die Sicherheit für Länder erhöht werden, die am wenigsten zum Klimawandel beigetragen, aber am stärksten von ihm betroffen sind. Sie alle wissen, dass sich Klima-Konflikte in Afrika allmählich ausbreiten, sie kennen auch den Hintergrund zur Gewalt in Darfur. (…)

Seit langem hängen Kriege eng mit natürlichen Ressourcen zusammen. Historisch betrachtet hat die Nachfrage aus Europa vorgegeben, welche Güter produziert und welche natürlichen Ressourcen der Erde entrissen werden. Heute hat der Konsum der Menschen – der direkte Auswirkungen auf die Fähigkeit unseres Planeten hat, sich selbst instandzuhalten und zu regenerieren – einen beispiellosen Höhepunkt erreicht – ohne jedes Anzeichen von Abschwächung. Die weltweite Nachfrage nach Energie, Wasser, Nahrung und Wohnraum übersteigt die Fähigkeiten des Planeten, sie zu befriedigen. Beinahe 1,3 Milliarden Menschen bekommen die Folgen von landwirtschaftlichem Raubbau, Abholzung und Überfischung direkt zu spüren. Noch viele Millionen Menschen mehr werden betroffen sein, wenn der Meereswasserspiegel aufgrund der globalen Erwärmung ansteigt, für weitere Millionen wird Wasser wertvoller als Gold, weil ihre Flüsse und Seen vertrocken – und damit ihre Lebensgrundlagen verschwinden. (…)

Den Repräsentanten des Militärs auf dieser Konferenz möchte ich mit auf den Weg geben, dass der Militärsektor vielleicht einer der größten Mitverursacher des Klimawandels ist. Es handelt sich um eine riesige Industrie, die sich vor allen anderen Erwägungen ganz der sogenannten “Sicherheit” verschrieben hat. Diese Industrie ist demokratischer und öffentlicher Einflussnahme weit weniger stark ausgesetzt als beispielsweise die Wirtschaft. Sie bleibt oft sowohl von umweltpolitischen als auch menschenrechtlichen Standards verschont. Sofern der Militärsektor bei nationalen, transnationalen und internationalen Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels nicht berücksichtigt wird, könnten all diese Maßnahmen auf einer globalen Ebene nur marginale Effekte zeitigen. (…)

Um meine Rede mit einer positiven Botschaft zu beenden: Wir können die Krise des Klimawandels in eine Chance umwandeln. Der Klimawandel sollte die Menschheit zur Vernunft bringen. (…) Am wichtigsten ist es, dass wir in Zukunft auf eine Energieversorgung durch erneuerbare Energiequellen setzen: Auf diese Weise gewährleisten wir eine Unabhängigkeit in der Energieversorgung (“energy independence”), schaffen Millionen neuer Jobs, verringern Armut und verhindern letztendlich Katastrophen durch den Klimawandel. Nichts weniger ist es, was unsere Kinder von uns erwarten. Sie haben eine Anrecht auf eine friedlich und nachhaltige Zukunft. Die Zeit, diese legitimen Ansprüche zu erfüllen, läuft uns davon.

Das Greenpeace-Waldcamp im Spessart

03. Februar 2012

Während das Dschungelcamp gerade zu Ende gegangen ist, werden in einem kleinen bayrischen Dorf Zelte im Wald aufgebaut. In Heigenbrücken im Spessart trotzen Greenpeace-Aktivisten der klirrenden Kälte von minus 15 Grad. Ihre Mission: weder Mehlwürmer essen noch in Vogelspinnen baden, sondern den bedrohten Waldbestand kartographieren. Greenpeace dokumentiert den Bestand vor Ort, da die bayerische Landesregierung Informationen über öffentliche Waldflächen zurückhält. Ohne diese Informationen ist nicht erkennbar, welche Gebiete unter Schutz stehen und an welchen Stellen eingeschlagen wird. Die von den Aktivisten selbst erstellten Karten werden laufend aktualisiert und sollen auch veröffentlicht werden.

Der Tag im Camp beginnt um halb sieben in der Früh. Die Aktivisten ziehen sich im Zwiebellook immer mehr Kleidungsstücke übereinander an, frühstücken und packen ihre Ausrüstung zusammen. Um acht Uhr fahren sie in den Wald und beginnen mit der Arbeit.

Dazu sind die Aktivisten ausgerüstet mit GIS-Geräten (GeoInformationsSystem) zur Bestimmung des Standortes, mit Maßbändern und Kluppen zur Messung des Umfangs und mit Entfernungsmessgeräten. Mit diesen Werkzeugen wandern sie den ganzen Tag durch den Spessart auf der Suche nach alten Bäumen. Ab einem Durchmesser von 50 Zentimetern gehören die Bäume zu den “alten” Bäumen und werden in die Karten aufgenommen.

Jahr für Jahr fällen die bayerischen Staatsforsten im Auftrag ihres Vorstands die alten Buchen und Eichen des Spessarts und zerstören so schleichend unser nationales Naturerbe. Bis das erklärte Ziel der Bundesregierung, zehn Prozent der öffentlichen Wälder – also auch der bayrischen Landeswälder – aus der forstlichen Nutzung zu nehmen, erreicht ist, müssen die Fällungen in den alten Waldbeständen mit über 140-jährigen Bäumen eingestellt werden.

Während die meisten deutschen Wälder durch drastische Eingriffe des Menschen wenig mit ursprünglichen, natürlich gewachsenen Wäldern zu tun haben, ist im Spessart noch der größte Teil der Wälder in einem naturnahen Zustand. Damit das auch so bleibt, fordert Greenpeace einen sofortigen Einschlagstopp für die alten Laubwälder. Dieser soll so lange gelten, bis die Forstwirtschaft zehn Prozent des öffentlichen Waldes nicht mehr nutzt.

Die ehrenamtlichen Aktivisten setzen sich direkt vor Ort dafür ein, dass diese Gebiete weiter bestehen dürfen. Nach dem ersten Vermessen der teilweise bereits abgeholzten Fläche fahren wir weiter zu einem noch unberührten Teil des Waldes. Hier sieht man, wie der Wald aussieht, wenn er von Menschen ungestört wachsen darf. Rohrberg wurde bereits 1928 unter Schutz gestellt und gehört somit zu den ältesten Naturschutzgebieten in Bayern. Dort sollten die knorrigen Eichen geschützt werden, die diesem Bestand sein charakteristisches Bild gaben. Damals ging man bei diesem Waldbild von einem natürlichen Zustand aus. Heute zeigen die vorhandenen, wesentlich jüngeren Buchen jedoch, dass sie ohne das Zutun des Menschen im Rohrberg dominieren würden.
Obwohl es Winter ist und das typische Waldgrün noch auf sich warten lässt, wird deutlich, welch großer Unterschied zwischen den beiden Waldgebieten liegt. Dort Baumstümpfe und Stapel abgeholzter Bäume; hier jahrhundertealte Bäume wie aus einem Märchenbuch.

Buchenwälder im Spessart - (c) Oliver Soulas

Buchenwälder im Spessart - (c) Oliver Soulas

Mit Einbruch der Dämmerung geht es zurück ins Camp. Gegen 18.00 Uhr gibt es dann die erste warme Mahlzeit. Einer der Aktivisten sagt beim Essen nach drei Tellern Gemüseeintopf mit Nudeln, zwei Schalen Haferbrei mit Apfelmus und einer Schale Vanillepudding: “Nach einem Tag im Wald kommt es nicht darauf an, wie viel man isst, sondern in welcher Reihenfolge.”
Das warme Essen wärmt jedoch nur kurzzeitig, denn die Nächte werden ebenfalls draußen verbracht. Die kleine Waldhütte neben dem Camp dient nur zum Kochen, als Aufenthaltsraum beim Essen und als Lager für die Ausrüstung.

Bis zum Schlafengehen ist noch einiges zu tun. Es werden Brote vorgeschmiert und Pläne zur besseren Koordination im Wald besprochen. Dann wartet noch der Abwasch auf die Ehrenamtlichen, bevor sie ein wenig beim Kartenspielen entspannen können. Die Stimmung ist trotz viel Arbeit und Kälte super. Man merkt den Teamgeist und die Motivation, sich für den Schutz der Wälder einzusetzen. Gegen 22 Uhr macht sich der lange Tag bemerkbar. Die Augen werden kleiner und langsam machen sich alle auf den Weg ins Zelt.

Die nächsten Wochen werden sicher spannend. Tägliche Berichte  – auch von den Aktivisten verfasst – werden euch das Leben im Waldcamp zeigen. Und wer sich in der Nähe von Heigenbrücken aufhält, darf auch gerne mal vorbeischauen!

In unserem Podcast Greenbites erzählt euch Waldexpertin Gesche Jürgens, warum wir das Camp machen, was gegen kalte Füße hilft und warum sie die Wälder so liebt:

Nachtrag: Heute berichtet das Holz-Zentralblatt, die Zeitung der Forst- und Holzwirtschaft, über die Intranzparenz der bayrischen Staatsforsten: “Mittlerweile liegen für den Landeswald flächendeckend Daten vor. Die Daten aus den anderen Waldbesitzarten sind lückenhaft, wurden aber in Aussicht gestellt – einzige Ausnahme: Bayern. Die bayrischen Staatsforsten haben die Weitergabe der Daten rundweg abgelehnt und auch der Waldbesitzerverband ist nicht zur Kooperation bereit. Eine diesbezügliche Bitte seitens des niedersächsischen Forstministers Gerd Lindemann (CDU) an seinen bayrischen Kollegen Helmut Brunner (CSU) blieb ohne Erfolg. Auch der Appell von Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) an ihren Parteifreund Ministerpräsident Horst Seehofer half nicht weiter. Seehofer habe dem Präsidenten des bayrischen Waldbesitzerverbandes, Sepp Spann, in die Hand versprochen, dass kein Datensatz die Grenze des Freistaats passiere.”

Diese Geheimniskrämerei macht die Beteuerungen der bayrischen Staatsforsten, sie würden nachhaltig wirtschaften, wenig glaubwürdig – umso mehr Ansporn für uns, die Wahrheit zu entdecken.

GreenBites, der Podcast von Greenpeace: #22 – Camp zur Rettung alter Buchenwälder

03. Februar 2012

Wir prangern die Abholzung des Urwalds in Amazonien an – und sollten uns doch an die eigene Nase fassen. In Brasilien stehen 30 Prozent der Wälder unter Schutz – hierzulande sind es nichtmal 1 Prozent. Dabei war Deutschland einst zu 90 Prozent mit Buchenwäldern bedeckt – bewohnt von Luchs, Wolf und unzählig vielen anderen Tier- und Pflanzenarten. Greenpeace hat jetzt im Spessart ein Waldcamp errichtet. Warum? Das erzählt Greenpeace-Waldexpertin Gesche Jürgens.

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Weitere Infos über Buchenwälder findet ihr auf unserer Kampagnenseite www.greenpeace.de/buchenwaelder. Dort erfahrt ihr auch, wie ihr aktiv werden könnt.


Buche mit Markierung, Motorsaege, Axt – (c) Klaus Radetzki/Greenpeace

Buche mit Markierung, Motorsäge, Axt – (c) Klaus Radetzki/Greenpeace

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