Cunningham-Gletscher in Kanada
Karsten Smid
25.11.2015

5 Irrtümer über die UN-Klimakonferenz

Zu spät, bringt nix, komplett unwichtig, letzte Chance: Was stimmt wirklich?

Von "bringt eh nix" bis zu "das ist unsere letzte Chance": In seinem Blogbeitrag untersucht Greenpeace-Klimaexperte Karsten Smid fünf hartnäckige Mythen, die sich um die UN-Klimakonferenz ranken.

1. Wenn wir das 2 Grad-Ziel einhalten, ist das Klima gerettet

Zwei Grad Temperaturerhöhung gegenüber dem vorindustriellen Niveau ist kein „Ziel“. Es handelt sich dabei um die absolute Obergrenze, die von Klimaforschern für notwendig erachtet wird. Nicht wenige Wissenschaftler halten bereits eine Erwärmung von 1,5 Grad für gefährlich. 
Auf der Erde ist es bereits jetzt etwa 1 Grad wärmer als vor der Industrialisierung. Wir sind mittendrin im Klimawandel und immer mehr Menschen bekommen die katastrophalen Folgen  schon heute zu spüren. Mit jedem Zehntel Grad Temperaturerhöhung, das wir verhindern, stoppen wir die Zunahme von Dürren, Überschwemmungen, Stürmen und anderer Folgen des Klimawandels. Bei einem Anstieg der Temperatur auf bis zu 2 Grad sind wir keineswegs auf der sicheren Seite, aber es ist das Mindeste was wir tun können. 

Wasserstand der Elbe in Dresden
Der Klimawandel wird auch in Europa immer häufiger zu extremen Wetterphänomenen führen. Nach einer längeren Trockenphase sank der Wasserspiegel der Elbe in Dresden im August 2015 auf ein Viertel seiner normalen Höhe ab.

2. Die 2 Grad-Obergrenze einzuhalten, ist komplett unrealistisch

Selbstverständlich können wir die Kurve kriegen. Um die Temperaturerhöhung auf unter 2 Grad zu begrenzen darf nur noch eine begrenzte Menge Treibhausgase in die Atmosphäre gelangen. Diese Menge kann genau bestimmt werden. Je weniger Treibhausgase wir ausstoßen, desto geringer ist der Temperaturanstieg. Statt wie der Hase vor der Schlange zu erstarren, müssen wir loslegen und die 2-Grad-Obergrenze in konkrete Reduktionsziele für den Ausstoß von Treibhausgasen übersetzen, Zwischenziele formulieren und die Treibhausgase bis zur Mitte des Jahrhunderts auf nahe null senken. Außerdem muss dafür gesorgt werden, dass die Treibhausgase in jedem einzelnen Land, in jeder Region und in jedem Sektor drastisch abgesenkt werden. Die Techniken sind mit den Erneuerbaren Energien vorhanden.

3. Wir sind schon auf dem richtigen Weg

Wenn es so weiter geht wie bisher, kriegen wir die Kurve nicht. Den Regierungen weltweit fehlt es an Mut und Entschlossenheit. Die Länder haben im Vorfeld der Pariser Klimakonferenz ihre angestrebten Beiträge (INDCs) zum Klimaschutz eingereicht. Alle nationalen Selbstverpflichtungen zusammen genommen reichen jedoch längst nicht aus, um unter der 2-Grad-Temperaturerhöhung zu bleiben. Die nationalen Selbstverpflichtungen bringen gerade mal 20 bis 30 Prozent von dem, was die Vereinten Nationen für notwendig erachten (siehe UNEP-GAP-Report 2015). Je länger die Länder so zögerlich handeln, umso schwieriger wird es, das Ziel noch zu erreichen.

Es gibt konkrete Maßnahmen, die ergriffen werden müssen: Dazu gehört der weltweite Ausstieg aus der Kohle und dazu gehört auch die internationale Übereinkunft, dass die Ölreserven in unberührten und sensiblen Regionen wie der Arktis dort bleiben, wo sie sind: im Boden. 

Diese Animation der amerikanischen Weltraumbehörde NASA bildet den globalen CO2-Ausstoß aus Bränden und Megacities ab. Sie zeigt einen Zeitraum von fünf Tagen im Juni 2006. Aus dem Modell, das auf tatsächlichen Emissionswerten basiert, können Forscher Rückschlüsse über das Verhalten von Treibhausgasen in der Atmosphäre ziehen.

4. Entweder gibt es in Paris einen Weltklimavertrag oder die Welt wird untergehen

Es wird kein "Top!" oder "Flop!" geben: Die möglichen Erfolge der Klimakonferenz in Paris werden überschätzt. Paris wird die Welt nicht retten! Ein Grund: Den Vereinten Nationen mangelt es an Durchsetzungskraft, um glaubwürdige Klimaabkommen gegenüber Blockierern umzusetzen. Das UN-Prinzip der Einstimmigkeit führt hier leider zu einer Politik des kleinsten gemeinsamen Nenners.  
Wir müssen selbst aufstehen für unsere Überzeugung, wir müssen die Richtung vorgeben: Bis spätestens zum Jahr 2050 sollten wir auf 100 Prozent Erneuerbare Energien setzen. Die Klimakonferenz ist nicht das Ende, sondern kann nur der Anfang von einem Prozess sein. Die Transformation der Weltwirtschaft muss von den einzelnen Nationalstaaten angepackt werden. 

5. Als einzelnes Land stehen wir ohnmächtig vor den globalen Entwicklungen

Nein – wir sind nicht ohnmächtig. Aber wir sollten wütend sein. Wütend auf Politiker, die vor den Interessen der Energielobby einknicken, wütend auf Industriebosse, die sich aus Eigeninteresse gegen Veränderungen sperren, wütend auf einen deutschen Wirtschaftsminister, der sich dem Ausstieg aus der Kohle verweigert und dabei ist, die Energiewende „Made in Germany“ an die Wand zu fahren. 
Gerade beim globalen Klimaschutz gilt das Credo der Umweltschutzbewegung: Global denken – lokal handeln. Das 21. Jahrhundert hat mit einem Kohlejahrzehnt begonnen, doch es kann sich in das Jahrhundert der Erneuerbaren Energien wandeln – wenn WIR es durchsetzen. 

Topic
Klimawandel
Format
Analyse

Karsten Smid

Karsten Smid

Karsten Smid hat ein ingenieurwissenschaftliches Studium und Aufbaustudium Umweltschutztechnik an der TU München abgeschlossen.


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Wir hatten 2014 erstmals 5 Milliarden Flugpassagiere ! Auch 2015 boomen Flugreisen und die durch Schwerölverbrennung besonders umweltschädlichen Kreuzfahrten wieder. Nur die fünf größten Kreuzfahrtschiffe der Welt emittieren so viel CO2 wie der gesamte deutsche Autoverkehr. Zwar gibt es jetzt für Frachtschiffe Abgasverordnungen, die Kreuzfahrten wurden jedoch wieder ausgeklammert, Flugverkehr und Schiffsverkehr spielen auch in Paris wieder eine untergeordnete Rolle. Die entsprechenden Lobbyvertreter sind übermächtig.
Was hier für Geld im Spiel ist, hatte ja Greenpeace aufgedeckt und die Zahlungen der Großindustriellen Koch-Brüder mit über 50 Millionen Dollar für eigene "Klimaversionen " an die Öffentlichkeit gebracht. Da kann man sich in etwa vorstellen, um welche Summen insgesamt es geht.
Durch neue Forschungsergebnisse zum "Oberflächenfilm" der Weltmeere stehen alle Klimamodelle gerade wieder recht dumm da.
Dazu kommt der Klimaclown Putin, dem die Erderwärmung immer wieder lustige Sprüche entlockt. Mit mächtig Müll hat er die Atommüllkippe ARKTIS und seine riesigen "Naturschutzgebiete" dort gesichtert - sicher nicht wegen der Eisbären! Überhaupt das Militär: Die Bundeswehr hat zwar Umweltbeauftragte, aber den Schaden den das Militär weltweit anrichtet, kann man nur erahnen.
Nach 20 erfolglosen Klimagipfeln wird man die Zeit zwischen dem 21. und 22. so wieder mit Spendensammeln überbrücken müssen.