Gemüse auf dem Raspail-Biomarkt in Paris
Portrait Martin Hofstetter
13.10.2016

Was Deutschland gegen den weltweiten Hunger tun muss

Am 16. Oktober ist internationaler "World Food Day"

Auf unserem Planeten läuft einiges schief. Der internationale Welternährungstag am 16. Oktober rückt das erneut ins Bewusstsein. Rund 800.000.000 Menschen leiden Hunger, obwohl weltweit genug Essen produziert wird. Wir leisten es uns sogar, dass rund ein Drittel aller produzierten Nahrungsmittel im Müll landen oder nach Angaben der UN-Ernährungsorganisation FAO an anderer Stelle im Produktionsprozess "verloren gehen".

Hunger ist oft das Ergebnis von Armut, fehlenden Bildungsmöglichkeiten und sozialer Ungerechtigkeit. Zum "World Food Day" kommen überall auf der Welt Aktivisten und Bürger zusammen, um eine Welt ohne Hunger zu fordern. "Because when it comes to hunger, the only acceptable number in the world is zero", heißt es treffend auf der amerikanischen WFD-Homepage.

Raspail-Markt in Paris
Gemüsestand auf dem "Raspail"-Markt, einem der größten Märkte mit Bio-Lebensmitteln in Paris.

Fortschritte und die Herausforderung Klimawandel

Es gibt durchaus Fortschritte: In vielen Ländern ist in den vergangenen Jahren die Ernährungssituation besser geworden. Seit der Ernährungskrise vor zehn Jahren mit Hungerrevolten in Mexiko, Nordafrika und weiteren Regionen achten UN, FAO und viele Regierungen darauf, die Landwirtschaft zu fördern, Lebensmittel für Krisen einzulagern und mehr in Agrarforschung und Ausbildung der Landwirte zu investieren. Zugleich wird der Anbau von Agrospritpflanzen wie Ethanolmais und Biodiesel aus Raps und Palmöl deutlich kritischer beurteilt als noch vor zehn Jahren. 

Der Klimawandel erfasst den gesamten Globus, doch für viele Menschen in armen Ländern ist er zu einer existenziellen Bedrohung geworden. In Regionen, wo ungerechte Verteilung von Land und Einkommen ohnehin für Hunger und Elend sorgen, ist die Bevölkerung den katastrophalen Folgen des Klimawandels oft besonders schutzlos ausgeliefert. Haiti ist dafür ein aktuelles Beispiel: Opfer der immer schwerer wütenden Stürmen sind vor allem Bewohner einfacher Hütten und Baracken. Auch in Äthiopien, im Sudan, in Malawi und auf den Philippinen kam es in diesem Jahr in der Folge von Dürren und Wirbelstürmen zu Hungerkrisen.   

Was können wir von Deutschland aus dagegen tun?

1. Vorreiter im Kampf gegen den Klimawandel werden 

Während Themen wie Brexit, IS, Flüchtlings- oder Rentendebatten die Nachrichten dominieren, schwächeln die EU und Deutschland beim Klimaschutz. Krasses Beispiel: der zusammengekürzte deutsche Klimaschutzplan, der nach Intervention der Industrie nur noch vage Maßnahmen und kaum konkreten Ziele beinhaltet. Dabei ist klar, dass Deutschland so schnell wie möglich aus der Braunkohleverstromung aussteigen und das Ende des Verbrennungsmotors einleiten muss. Außerdem braucht das Land eine drastische Agrarwende - aus ethischen Gründen - Bilder aus Massentierhaltungsanlagen machen das überdeutlich - aber auch um das Klima zu schützen. 

2. Uns unserer internationaler Verantwortung stellen 

Deutschland ist eines der reichsten Länder der Welt. Statt Agrarprodukte, Schweinefleisch, Hühnerteile und Milchpulver zu exportieren und damit regionale Märkte und eine Vielzahl bäuerlicher Existenzen in den Ländern des Südens kaputt zu machen, sollten wir lieber Windräder, Wechselrichter und unser Know-How in Sachen Energiewende exportieren. Und uns international für besseren Waldschutz und gegen die Bodendegradierung engagieren.  

3. Ökologie, Klimaschutz und gesunde Ernährung zusammenbringen

Jeder von uns kann einen Beitrag leisten: Weniger Fleisch essen, weniger Lebensmittel wegschmeißen, mehr Bio-Lebensmittel und möglichst lokal produzierte und fair gehandelte Produkte kaufen - und das zu gerechten Preise. Die Wahrheit ist: Lebensmittel hierzulande sind zu billig. Die niedrigen Preise sind nur möglich, weil Umwelt, Bauern und Nutztiere systematisch ausgebeutet werden z.B. in der Massentierhaltung und durch hohen Pesitizideinsatz. Wer dieses System nicht unterstützen will, kann sich beim Einkauf täglich dagegen entscheiden. 

4. Für Klimaschutz, Frieden und soziale Gerechtigkeit engagieren

Wir sollten global für unsere demokratischen Werte streiten und nicht den dumpfen Parolen der Populisten das Feld und die Straßen überlassen. Hunger entsteht auch dort, wo Länder schlecht regiert werden, Eliten sich ungeniert bereichern können und Korruption die Wirtschaft kaputt macht. Wir müssen unsere Politiker drängen, sich um die wirklichen Zukunftsaufgaben dieses Planeten zu kümmern und ihre Zeit nicht auf Nebenschauplätzen zu verschwenden. 

Bio-Famer Chris Hay von der Say Hay Farm in Kalifornien
Öko macht glücklich! Bio-Farmer Chris Hay aus Kalifornien sagt: "Mich reizt an der ökologischen Landwirtschaft, dass ich den Boden im Vergleich zu vorher in einem besseren Zustand hinterlasse und ich gleichzeitig dasselbe Ziel habe wie konventionelle Farmer - die Welt zu ernähren!"

In was für einer Welt wollen wir leben?

Als Ursprungsland der ökologisch-sozialen Marktwirtschaft sollte Deutschland darauf achten, dass ein fairer Wettbewerb Vorrang vor den Interessen der Agrarindustrie hat. Die Konzentration im Agrarsektor mit der Fusion zwischen Monsanto und Bayer sowie Zusammenschlüssen von Schlachthöfen, Molkereien und im Lebensmittelhandel sorgen dafür, dass sich zunehmend oligopole Strukturen etablieren. Landwirte werden zu Spielbällen der Konzerne, in deren Zentralen gefährliche Allmachtsphantasien gedeihen. Angestrebt wird die Kontrolle der Nahrungsmittelproduktion vom Acker bis zum Teller. 

Wir müssen uns entscheiden, welche Zukunft wir für uns und unsere Kinder wollen. Für das jetzige System der Billig-Lebensmittel zahlen wir einen hohen Preis: eine kaputte Umwelt und zerstörte Ressourcen - wie zum Beispiel verschmutztes Wasser. Wir können uns heute für ein Leben entscheiden, das zukunftsfähig ist und international auf fairem Handel und gerechten Preisen aufbaut. Dafür müssen wir in den Industriestaaten vielleicht etwas tiefer ins Portemonnaie greifen. Auf Dauer aber lohnt sich das auch für uns. 
 



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