26.01.2016

Der Ölpreis und der Klimawandel

Ist ein niedriger Ölpreis Grund zur Freude? Er könnte schlimme Folgen haben. Ein Kommentar von Jörg Feddern.

Derzeit gibt es zwei Gruppen von Menschen, die sich über die niedrigen Ölpreise freuen – die Autofahrer und die Besitzer von Ölheizungen. Innerhalb eines halben Jahres hat sich der Preis für einen Barrel Rohöl (159 Liter) beinahe halbiert, damit setzt sich der anhaltende Ölpreisverfall weiter fort. Dieser Rückgang schlägt auch auf die Benzin- und Heizölpreise durch.

 

Weiterlesen: Greenpeace Öl-Report 2016

Doch dieser Einbruch des Ölpreises hat noch weitere Facetten. Während sich die einen freuen, zahlt auf der anderen Seite die Umwelt die Zeche. Denn niedrige Ölpreise führen zwangsläufig zu einer erhöhten Nachfrage: Es wird mehr verbraucht und damit mehr Öl verbrannt. Die Zulassungszahlen für sogenannte SUV (Sinnlose Und Verbrauchsstarke Fahrzeuge) schnellen in die Höhe, während Elektroautos und verbrauchsarme Fahrzeuge zu Ladenhütern verkommen.

Verkehrsstau
Günstige Kraftstoffpreise fördern die individuelle, motorisierte Verkehr und verzögert den Ausbau vom klimafreundlichen, zukunftsfähigen Mobilitätsstrukturen.
Protest von Greenpeace-Aktivisten gegen gefährliche Ölbohrungen in der Arktis. Die letzten Ölreserven unseres Planeten sind immer schwieriger zugänglich. Die Förderung ist mit hohen Risiken für Menschen und Umwelt verbunden.

Besitzer von Ölheizungen überlegen es sich zweimal bei diesem niedrigen Preis in eine neue hocheffiziente Gas-Heizungsanlage zu investieren und so wird Deutschland wohl weiterhin der weltweit führende Markt für Heizöl bleiben (in einem Kopf an Kopf Rennen mit den USA).

 

Gleiches gilt für Luft-und Schifffahrt: Bei den niedrigen Preisen sind die Anreize gering, sich Gedanken über effizientere Turbinen oder alternative Treibstoffe zu machen. Vermutlich werden viele Investitionsentscheidungen auf die lange Bank geschoben.

Temperaturentwicklung zwischen 1880 und 2015 (Quelle: NASA)

All diese Entwicklungen haben eines gemeinsam; sie sind schlecht für unser Klima! Erst in der vergangenen Woche hat die NASA offiziell bekannt gegeben, dass 2015 das wärmste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen gewesen sei. Hauptschuld an dieser dramatischen Entwicklung trägt der Mensch, indem er viel zu viel Treibhausgase in die Luft pustet, beispielsweise durch die Verbrennung des billigen Öls.

 

Dabei lässt sich die Entwicklung auch anders betrachten: Bedingt durch den niedrigen Ölpreis sparen Benutzer definitiv Geld. Dieses Geld zu nehmen und in hocheffiziente Autos, Heizungen und  Antriebstechniken zu investieren, zahlte sich auf lange Sicht aus. Denn eines ist sicher: Der Preis für Öl wird auf lange Sicht wieder steigen.

2002 dokumentierte Greenpeace den Rückgang des Gletschers "Blomstrandbreen" in Norwegen. Seit 1928 (Foto) hat sich das Eis zwei Kilometer zurückgezogen. Die Verbrennung fossiler Rohstoffe wie Öl und Kohle befeuern den Klimawandel.
50.000 Liter Rohöl flossen bei Ko Samet in Thailand ins Meer. Freiwillige Helfer versuchen die Folgen zu begrenzen. Ölaustritte wie dieser sind keine Seltenheit. Kleine Austritte sind alltäglich.

Und die Ölindustrie? Die Konzerne versuchen dem Preisverfall des Rohöls und den rückläufigen Gewinnen zu begegnen, indem sie all ihre Vorhaben auf den Prüfstand stellen. Aus Umweltsicht gibt es auch hier zwei Seiten einer Medaille: Teure Vorhaben werden eingestellt. So hat sich Shell im vergangenen Jahr aus der Arktis zurückgezogen und bis auf Weiteres die besonders umweltschädliche Gewinnung von Öl aus Teersände in Kanada eingestellt. Auch die Gewinnung von Öl mithilfe der Fracking-Methode – Öl wird mit hohem Druck, viel Wasser, Sand und Chemikalien aus dem Gestein gewonnen – wird wegen der hohen Kosten immer unrentabler und die ersten Firmen in den USA stellen den Betrieb ein. Soweit gut für Umwelt und Klima.

Greenpeace Aktivisten protestieren gegen gefährliche Ölbohrungen und fordern ein Umdenken in der Energiepolitik. Nicht nur unser Klima ist bedroht, auch die Arktis und andere sensible Ökosysteme auf unserem Planeten.
Plattformen von Shell im Brent Feld in der Nordsee. Ölfirmen verschmutzen die Nordsee beim alltäglichen Förderbetrieb.

Auf der anderen Seite steht zu befürchten, dass aufgrund des Kostendrucks die Firmen bei Sicherheit und Instandhaltung der Bohr- und Fördereinrichtungen sparen und im Zuge dessen die Gefahr von Ölunfällen zunimmt. Schon jetzt wird die Nordsee, eine der weltweit größten Offshore-Förderregionen der Welt, jährlich mit ca. 10.000 Tonnen Öl durch den alltäglichen Betrieb verschmutzt. Die Technik, um diese Verschmutzungen zu unterbinden, ist vorhanden, kostet jedoch Geld. Angesichts des Ölpreises wird es schwer werden, die Ölmultis zu diesen äußerst sinnvollen Investitionen zu überzeugen.

 

Mit diesen Überlegungen im Hinterkopf fällt die Freude über die niedrigen Benzinpreise beim nächsten Besuch an der Tankstelle wohl etwas geringer aus.


Jörg Feddern

Jörg Feddern, Meeresbiologe, ist Task-Force- und Meeres-Campaigner sowie Experte für Öl.


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