Stephie Töwe
02.06.2016

Glyphosat: Drogenbosse, Komplizen, Opfer

Am 6. Juni wird in der EU abgestimmt, ob das umstrittene Totalherbizid Glyphosat weiterhin in der Umwelt ausgebracht werden darf oder nicht. Was auf dem Spiel steht, warum die Politik keine Verantwortung übernimmt und was das mit Drogen zu tun hat.

Sie hängt an der Spritze, schon lang, schon viel zu lange. Ihr buntes Kleid hat sie verloren, ausgelaugt ist sie, kaputt, ohne Zukunft. Die konventionelle Landwirtschaft ist abhängig von chemisch-synthetischen Spritzmitteln.

Fordere: Essen ohne Pestizide

Viele der chemisch-synthetischen Giftstoffe, die in der industrialisierten Landwirtschaft tagtäglich eingesetzt werden, haben mal mehr, mal weniger Auswirkungen auf unsere Umwelt und unsere Gesundheit. Aber, dass sie Auswirkungen haben, streitet kaum einer ab. Immerhin sollen sie „schützen“, in dem sie „töten“: Allein in Europa werden pro Jahr in etwa 270.000 Tonnen unterschiedlichster Pestizide ausgebracht, um Wildpflanzen zu vernichten, Schädlinge zu bekämpfen oder die Austrocknung der Nutzpflanzen zur Erntezeit zu steuern. Der Einsatz der Spritzmittel in der industrialisierten Landwirtschaft nimmt weltweit zu.

 

Glyphosat und die Systemfrage

Die seit Monaten tobende Debatte, ob das Totalherbizid Glyphosat in Europa verboten werden soll oder nicht, macht deutlich, dass es um mehr geht, als nur um einen einzigen Pestizid- Wirkstoff und die Frage, ob dieser möglicherweise krebserregend ist oder nicht


Glyphosat könnte der sogenannte „Weichensteller“ werden, was für eine Landwirtschaft wir in Zukunft haben werden und wollen. Sprich ein Verbot könnte die von Pestiziden abhängige industrielle Landwirtschaft massiv und positiv verändern. Den „Drogenentzug“ will nicht jeder. Denn mit den Agrar-Giften lässt sich viel Geld verdienen. Allein 2015 setzten deutsche „Pflanzenschutz“-Unternehmen knapp 1,6 Milliarden Euro um. Das ist die eine Seite. 

Auf der anderen Seite stehen weit mehr als 1,6 Milliarden Euro auf dem Spiel: unsere Artenvielfalt, das europäische Vorsorgeprinzip sowie der Verbraucher- und Gesundheitsschutz. Das allerdings lässt sich monetär schlecht beziffern und das dicke Geld kann man damit auch nicht machen. Im Gegenteil: Eine Landwirtschaft die „clean“ ist, also ohne Pestizide auskommt, würde auf den ersten Blick mehr kosten. Sie würde einen Umbau des Systems erfordern, eine Verschiebung von Subventionen, weg von den Milliarden für Agrarunternehmen und -fabriken hin zu mehr Förderung für alternative und ökologische Anbaumethoden und deren weitere Erforschung.

  • Die „Drogenbosse“: Chemieunternehmen wie Monsanto, Bayer, Dow, Syngenta, usw. 
  • Die „Dealer“: Der Agrarhandel wie Raiffeisen, Baumärkte wie Dehner, Hagebau und Hellweg, usw.
  • Die „Komplizen“: EU-Kommissar für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit Vytenis Andriukaitis, Bundeskanzlerin Angela Merkel, Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt und Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe sowie der deutsche Einzelhandel, der weiterhin Produkte aus einer billigen und giftigen Erzeugung abnimmt.
  • Die „Süchtige“: Die konventionelle Landwirtschaft
  • Die Opfer: Die Artenvielfalt, das Vorsorgeprinzip, der Umwelt-, Verbraucher- und Gesundheitsschutz

Im Gegensatz zu echten Drogenbossen, können Monsanto, Bayer, Dow, Syngenta und Co ganz legal ihre „Drogen“ wie Glyphosat auf den Markt bringen. Es wird so getan, als würden Pestizide zur Landwirtschaft gehören wie der Deckel zum Topf. Gesellschaftliche Akzeptanz ist wichtig. Die wird mit der Glyphosat-Debatte in Frage gestellt. 64 Prozent der Menschen in den fünf größten EU-Mitgliedsländern fordern ein Verbot von Glyphosat, wie eine repräsentative Umfrage des britischen Meinungsforschungsinstituts YouGov zeigt. In Deutschland wollen 73 Prozent der Bevölkerung laut einer Emnid-Umfrage den Wirkstoff verboten sehen.

Jedes Frühjahr werden Herbizide mit dem Wirkstoff Glyphosat auf den Äckern ausgebracht, bevor gesät werden kann. Man kann mit bloßem Auge erkennen, wo.

Glyphosat wird in über 130 Ländern an mehr als 100 verschiedenen Kulturpflanzen angewendet. Besonders häufig wird es beim Anbau gentechnisch veränderter Soja genutzt, denn diese ist so genmanipuliert worden, dass sie gegen das Herbizid resistent ist. Inzwischen gibt es auch eine große Anzahl sogenannter Superunkräuter, die Glyphosat vertragen. Ein Teufelskreislauf, der dazu führt, immer mehr und immer gefährlichere Mittel einzusetzen. Und ein weiterer Beweis, dass Pestizide nicht nur dem Ökosystem schaden, sondern auch der Landwirtschaft. (Weiterlesen: Glyphosat ein Pestizid im Fadenkreuz)

In Deutschland wird Glyphosat vor allen Dingen zur Vor- und Nachbereitung der Ackerflächen eingesetzt, um vor der Aussaat alles, was dort nicht wachsen soll tot zu spritzen. Auf 40% der deutschen Ackerflächen wird Glyphosat verwendet, umgerechnet also auf 4,4 Millionen Fußballfeldern oder einer Fläche in der Größe von Brandenburg.

Entdeckt und entwickelt wurde Glyphosat 1970 von Monsanto, ab 1974 vermarktete das Unternehmen den Wirkstoff unter dem Produktnahmen „Round up“ kommerziell. Die Landwirte wurden angefixt. Glyphosat macht die Unkrautbeseitigung bequem und ist zudem im Vergleich zu anderen Mitteln auch noch extrem billig. Dass es vorher ohne diese „Droge“ ging und, dass es, wie der Öko-Landbau vormacht, auch immer noch geht, wird in der Diskussion gerne mal vergessen. 

 

Die Komplizen der Chemieindustrie

Die Zulassung für Glyphosat lief bereits im Jahr 2012 offiziell aus, seitdem wird sich von einer kruden Verlängerung zur nächsten gehangelt. Seit vier Jahren veranstalten die Verantwortlichen einen Eiertanz. Die EU-Kommission will nun weiter herumeiern und schlägt eine „technische Verlängerung“ der Zulassung für die nächsten zwei Jahre vor.

Bis dahin soll es dann eine weitere Neubewertung des Wirkstoffes durch die Europäische Chemikalienagentur geben. Außerdem wird diskutiert, dass die Mitgliedsstaaten selbst entscheiden können, ob auf ihrem Territorium Glyphosat eingesetzt werden darf oder nicht. 

Die Politik macht sich zum Komplizen, anstatt Verantwortung zu übernehmen. Die deutsche Koalition ist zerstritten. Der verantwortliche Bundeslandwirtschaftsminister Schmidt (CSU) ist für eine Glyphosat-Zulassung. Er muss sich allerdings mit seinen Kollegen, der Bundesumweltministerin Hendricks und dem Bundeswirtschaftsminister Gabriel abstimmen. Und die sind dagegen.

Deutschland wird sich bei der Abstimmung enthalten müssen. Sollten die Mitgliedsstaaten in Zukunft selbst über ein Verbot entscheiden können, muss Schmidt beweisen, dass das Vorsorgeprinzip in Deutschland nicht aufgeweicht wird und ein Verbot unverzüglich umsetzen. Das ist auch im Hinblick auf die TTIP-Verhandlungen extrem wichtig. In deren Rahmen die Bundesregierung immer wieder beteuert, dass das europäische Vorsorgeprinzip nicht verscherbelt wird. Am Beispiel Glyphosat wird sich zeigen, wie es darum bestellt ist. 

Am kommenden Montag wird es also um weit mehr gehen, als um den Wirkstoff Glyphosat. Es wird auch darum gehen, wie die EU ihr eigenes Zulassungssystem für Pestizide aushöhlt und vor einer Industrie in die Knie geht, der das europäische Vorsorgeprinzip schon lange ein Dorn im Auge ist. Nehme die Politik das Vorsorgeprinzip ernst, dürften Wirkstoffe wie Glyphosat, die im Verdacht stehen gesundheitsschädlich zu sein, keine Zulassung erhalten bis ihre Unschädlichkeit nachgewiesen ist.
 


Stephie Töwe

Stephanie Töwe

Stephanie Töwe arbeitet seit 1999 bei Greenpeace Deutschland als Campaignerin im Bereich Nachhaltige Landwirtschaft.


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