Säcke mit strahlenbelastetem Material in Iitate
Heinz Smital
07.03.2016

Iitate: Zurück ins verstrahlte Zuhause

Durch eine hügelige Landschaft, vorbei an Geisterdörfern mit leergeräumten Supermärkten und verhängten Fenstern fahren wir von Fukushima City nach Iitate, um uns mit Opfern der Atomkatastrophe zu treffen. Auf Feldern und Plätzen an der Straße liegen überall meterhohe Berge schwarzer Plastiksäcke. Hunderttausende. Schwarzer Atommüll, zusammengekehrt aus Vorgärten und von Dächern, abgetragene Erde, Blätter, Äste und Gras. 9 Millionen schwarze Säcke lagern im Jahr fünf nach der Atomkatastrophe in den verseuchten Regionen rund um das Kraftwerk Fukushima Daiichi.

Vor Toru Anzais Haus in Iitate
Mit Toru Anzai (rechts) vor seinem Haus in Iitate.

Wohin mit dem radioaktiven Material?

Die Säcke sind ein sichtbares Zeichen für das Evakuierungsgebiet, in dem wir uns befinden. Fieberhaft suchen Verantwortliche nach einem Lagerort für die nächsten Jahre. Vielleicht soll all dieser Atommüll einmal rund um das AKW in der dauerhaft verlassenen 20 Kilometer-Zone aufgestapelt werden. So sollen würden sie aus den Augen der Menschen geschaffen werden, wie möglichst alle Folgen der Atomkatastrophe. Doch noch gibt es dafür zahlreiche Hürden und die Säcke bleiben dort, wo sie sind.

Wir besuchen ein kleines Häuschen am Berghang - mit Garten, Geräteschuppen und Gewächshäusern: Das ehemalige Zuhause von Toru Anzai. Die Dekontaminierungsarbeiten sind abgeschlossen. Tagsüber darf Anzai hierher zurückkehren. Im März 2017, so möchte es die japanische Regierung, soll er sogar endgültig zurückziehen - wie tausende weitere Einwohner des stark verstrahlten Iitate. Für Anzai unvorstellbar. Es geht ihm nicht gut, fünf Jahre nach der Katastrophe klagt er über verstärkte Kreislaufstörungen und Kopfschmerzen. Dennoch will die Regierung ein Jahr später sämtliche Ausgleichszahlungen einstellen. Im März 2018 müssen sich die Menschen von Iitate endgültig für oder gegen ihre Heimat entscheiden. Viele werden zurückkehren, so hören wir, denn sie glauben den Beteuerungen, jetzt sei alles wieder sicher. Und sie möchten es glauben.

Verordnetes Vergessen

Strahlenexperten von Greenpeace haben Toru Anzai seit 2011 immer wieder besucht und die Kontamination seines Hauses geprüft. Trotz Säuberung messen die Experten auch heute wieder viel zu hohe Cäsium-Werte. Aus dem darüberliegenden Wald wäscht der Regen die Radioaktivität weiter in das Haus und auf das Grundstück.

Greenpeace kontrollierte von Juli bis Oktober 2015 drei Monate lang die radioaktive Belastung des Hauses mit Flachglasdosimetern. Das Ergebnis: In 117 Tagen Expositionszeit ergibt sich bereits eine Dosis von 4,35 mSv. Hochgerechnet auf ein Jahr sind das ca. 13,2 mSv im Badezimmer des Hauses. Eine radioaktive Belastung, die bei uns in Deutschland die Einrichtung eines Kontrollbereichs zur Folge hätte, mit zahlreichen Einschränkungen, wie Zutrittsbeschränkungen und strahlentechnischer und medizinischer Überwachung. Doch Japan will zurück zur Normalität, zurück zur Atomkraft. Nur noch wenig soll an den Ausnahmezustand im Jahr 2011 erinnern.

Verstrahltes Heim: Die Belastung in Toru Anzais Haus ist immer noch hoch
Verstrahltes Heim: Die Belastung in Toru Anzais Haus ist immer noch hoch.

Nicht einmal die Kinder wurden geschützt

"Im März 2011 konnte ich den Lärm der Explosion im Atomkraftwerk hören“, erzählt Anzai. "Danach kam schwarzer Regen herunter. Doch niemand hat uns gewarnt." Nach den drei Kernschmelzen in Fukushima Daiichi und der erheblichen Freisetzung von Radioaktivität wohnte er noch drei weitere Monate hier. Wie die meisten Einwohner Iitates atmete er radioaktives Jod ein, aß selbst gezüchtetes Gemüse und trank verseuchte Milch. Obwohl Iitate schon am 22. April 2011 von der Regierung zur Evakuierungszone erklärt worden war, wurden die Einwohner von ihrem Bürgermeister darüber nicht informiert. Dabei ist unbestritten, dass Iitate schwer betroffen wurde und schon geringe Mengen radioaktiver Teilchen den Zellen des menschlichen Körpers schaden.

Anzai berichtet wütend, dass Bürgermeister Norio Kanno als Reaktion auf den Evakuierungsaufruf der Regierung eine eigene Kampagne für Atomkraft startete. Ein Professor der Universität Tokio kam, um die Befürchtungen der Menschen zu zerstreuen. "Alles sei ganz ungefährlich hier, sagte er", so Anzai. "Wir sollten ihm vertrauen." Nicht einmal die Kinder hat Bürgermeister Kanno evakuieren lassen. Toru Anzai ist noch immer fassungslos. "In andere Orte wurden Busse geschickt, um die Menschen abzuholen. Zu uns kam niemand." Und nun sollen die Menschen von Iitate ein zweites Mal für die Pläne der Politik bezahlen und als Beweis herhalten, dass sich niemand mehr vor der Radioaktivität fürchten muss. 

Topic
Energiewende
Format
Analyse

Heinz Smital

Heinz Smital

Heinz Smital (49) studierte Kernphysik an der Universität in Wien.


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