Arktis-Putzaktion auf Prins Karls Forland, Spitzbergen
Larissa Beumer
05.07.2016

Müll in der Arktis: Putzaktion im hintersten Winkel der Erde

Auf der Arctic Sunrise unterwegs vor Spitzbergen - Teil 2

Mit 15 Jahren hatte ich meine erste literarische Begegnung mit Spitzbergen. Ich las das Buch „Eine Frau erlebt die Polarnacht“ von Christiane Ritter. Ihr Mann Hermann Ritter war Trapper und sie entschloss sich, ihn für einen Winter nach Spitzbergen zu begleiten. Gemeinsam mit einem norwegischen Trapper verbrachten sie den Winter 1934/35 in einer winzigen Hütte am nördlichen Ausgang des Woodfjords.

Zu jener Zeit gab es weder moderne Kommunikationsmittel noch Schneemobile: Die Ritters wurden im Sommer von einem Schiff in der Gegend abgesetzt. Ohne Kontakt zu anderen Menschen waren sie ganz auf sich allein gestellt, bis das Schiff im nächsten Sommer zurückkam, um sie wieder abzuholen. Oft blieb Christiane Ritter tagelang in der Hütte alleine zurück, während die Männer auf die Jagd gingen. Ihre Schilderungen zeugen von einer wilden und gefährlichen, aber ebenso reinen und unberührten Natur. Die Beschreibungen ihrer Erlebnisse und der arktischen Landschaften faszinierten mich tief. Ich hätte jedoch nicht gedacht, dass ich selbst einmal so in den Bann Spitzbergens geraten würde.

Südwestküste Spitzbergens von der Esperanza aus 2014 fotografirt
Kühle Schönheit: Spitzbergen, hier die Südwestküste.

Spuren der Menschen

Seit damals hat sich jedoch viel verändert. Nach wie vor ist Spitzbergen wild und gefährlich und wunderschön. Aber "unberührt" kann man es nicht mehr nennen.

In den letzten Tagen waren wir mit der Arctic Sunrise an der Westküste Spitzbergens unterwegs, um Strände aufzuräumen und Müll zu sammeln. An Land stießen wir auf zahlreiche Spuren von Einheimischen: Abdrücke von Eisbärtatzen im Sand, Rentiergeweihe, alte Knochen von Walskeletten, Seetang, gestrandete Krebse. Auf den ersten Blick sieht es gar nicht so schlimm aus. Doch der erste Eindruck täuscht. Zwischen dem Treibholz leuchten uns haufenweise Plastik-Bojen in bunten Farben entgegen. Wir können kaum einen Schritt tun, ohne auf kleine oder große Plastikteile und anderen Müll zu stoßen. Es ist befremdlich und erschreckend, welche Spuren wir Menschen selbst in den entlegensten, nahezu unbesiedelten Regionen der Erde hinterlassen.

Arktis-Putzaktion mit Émile Maheu aus Kanada
Mit an der Putzaktion beteiligt war auch Émile Maheu aus Kanada, der beim Greenpeace-Posterwettbewerb für den Schutz der Arktis gewonnen hat und uns auf der Expedition in die Arktis begleitet.

Mit Müllsäcken bewaffnet durchkämmen wir den Strand. Früher kamen die Menschen bei Strandspaziergängen nicht voran, weil sie sich alle paar Meter nach schönen Steinen oder Muscheln bückten. Heute gilt unsere Sammelleidenschaft herumliegenden Müllstücken. Wir wollen den Strand so sauber wie möglich verlassen.

Nach etwa drei Stunden haben wir einen riesigen Berg Müll gesammelt: Plastik- und Glasflaschen, Feuerzeuge, Glühbirnen, haufenweise Schuhe – die Liste kurioser Fundsachen ist lang. Am häufigsten finden wir jedoch Überbleibsel der Fischereiindustrie: Boien, Fischernetze, Kisten, Seile. Die Verwaltung Spitzbergens schätzt, dass etwa 80 Prozent des hier angeschwemmten Mülls aus der industriellen Fischerei stammen.

Zwei Tage später bitten uns die Feldinspektoren der Verwaltung Spitzbergens über Funk um Hilfe: Sie haben ein großes Fischernetz am Strand gefunden, aber schaffen es nicht alleine, es auszubuddeln. Gemeinsam verbringen wir die folgenden Stunden damit, das Netz freizulegen: Alle packen mit an, sogar unsere Schlauchboote und die Arctic Sunrise! Es ist ein tolles Gefühl, als wir es am Ende geschafft haben. Doch wie viele Netze liegen hier an den entlegenen Stränden, ohne gefunden zu werden?

Bergung eines Fischernetz am Strand auf Spitzbergen
Das ist das Fischernetz, das wir ganz in der Nähe einer Walrosskolonie ausgebuddelt haben. Wer weiß, wie viele von diesen Netzen noch im Sand verborgen sind?

Die Schäden, die die Grundschleppnetze am Meeresboden anrichten, sind gravierend. Doch auch angeschwemmt an Land ist der Plastikmüll der Fischereiindustrie gefährlich. Eisbären, Rentiere und Robben verheddern sich in den Seilen und Netzen und verenden elendig. Durch die UV-Strahlung und Wellen werden große Plastikteile in immer kleinere Stücke gebrochen. Plankton, Fische und Seevögel verwechseln diese mit Nahrung, wodurch das Plastik in der Nahrungskette landet.

Walrosskolonie auf Prinz-Karl-Vorland Spitzbergen
Die Walrosskolonie auf Prinz-Karl-Vorland, einer langgestreckten Insel an der Westküste Spitzbergens. Die Tiere können sich in den Seilen und Netzen verheddern und elendig verenden.

Tropfen auf den heißen Stein

Unsere Strandreinigungen hier sind natürlich nicht mehr als ein Tropfen auf dem heißen Stein. Doch wir hoffen, damit viele Menschen auf das Problem aufmerksam zu machen und dazu zu bringen, ihren Plastikkonsum zu reduzieren. Ein konkreter Schritt für diese Region, die nördliche Barentssee in der norwegischen Arktis, muss jedoch sein, die Ausweitung der industriellen Fischerei in bislang unbefischte, unberührte Gewässer zu stoppen. Einige Unternehmen haben bereits einen ersten Schritt in die richtige Richtung unternommen, nun muss die norwegische Regierung folgen.

Helft uns! Unterschreibt die Petition für den Schutz der Arktis und erhöht den Druck auf die norwegische Regierung, in den Gewässern rund um Spitzbergen ein Meeresschutzgebiet einzurichten!

Mehr Infos zum Thema: Briefing zu Plastik in der Arktis

Larissa Beumer ist vor der Küste Spitzbergens unterwegs auf der Arctic Sunrise, um dort die Bedrohungen eines einzigartigen Lebensraums zu dokumentieren. Dies ist ihr zweiter Blogbeitrag von der Expedition (hier geht's zu Teil 1, 3 und 4).

Topic
Arktis
Format
Analyse

Larissa Beumer

Larissa Beumer

Larissa Beumer (*1987) hat Geographie in Berlin und Global Change Management in Eberswalde studiert.


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