Climate of Concern Screenshot
Benjamin Borgerding
01.03.2017

Shell-Film aus den Neunzigern warnt vor Folgen des Klimawandels

1991 war die Welt noch in Ordnung, dachte ich jedenfalls. Ich ging in die dritte Klasse und im Sommer spielte ich an jedem Nachmittag auf dem Bolzplatz Fußball mit meinen Freunden. Im Winter froren die Fischteiche zu und wir spielten Eishockey.

Der Ölkonzern Shell wusste da bereits, was mir noch verborgen geblieben war: Die Welt war nicht in Ordnung, ganz im Gegenteil. Etwas war ganz gehörig aus dem Lot geraten und wenn die Menschheit es nicht bald in Ordnung brächte, würde es ein böses Ende nehmen.

Zu diesem Schluss kam der halbstündige Unterrichtsfilms "Climate of Concern", von Shell für Schulen und Universitäten produziert. Wäre ich woanders aufgewachsen, hätte ich ihn vielleicht im Erdkundeunterricht zu sehen bekommen (und hätte danach sicherlich freudloser auf Ball oder Puck eingedroschen).

"Climate of Concern": Zusammenfassung über den Film, editiert vom Guardian. Ganz unten findet ihr den kompletten Film.

Unterlassene Hilfeleistung für den Planeten

"Climate of Concern" klärt ziemlich umfassend über die globale Erwärmung und über die katastrophalen Schäden auf, die die Überhitzung anrichten könnte, wenn wir nicht sofort und entschlossen gegensteuern. Es ist ein kurioses Artefakt, das die niederländische Journalisten von The Correspondent da aufgetrieben haben: Ästhetisch bietet der Film formvollendete 90er-Jahre-VHS-Verwaschenheit, doch seine Kernaussage ist auch 25 Jahre später noch absolut spot on. Der Film endet mit den mahnenden Worten:

Jetzt zu handeln, ist die einzige Absicherung! Auf der Erde leben viele und sehr unterschiedliche Menschen. Doch die Probleme und Dilemmata der globalen Erwärmung betreffen uns alle!

Es verwundert nicht wirklich: Wie die Konkurrenz bei Exxon war auch Shell keineswegs entgangen, dass die Erderwärmung durch menschliche Aktivitäten hervorgerufen wurde. Die Macher von "Climate of Concern" hatten auch ganz offensichtlich keinen Zweifel an dem moralischen Imperativ, der aus dieser Erkenntnis erwuchs: Nicht zu handeln, wäre so etwas wie unterlassene Hilfeleistung für die Erde und für die Menschen, die auf ihr wohnen.

Ein moralischer Interessenskonflikt

Vor einiger Zeit wurde bekannt, dass Forscher bei Exxon die Konzernleitung schon in den 1970er Jahre über den Klimawandel informierten. Irgendwann in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gerieten die mächtigsten Konzerne der Welt folglich in einen krassen Interessenkonflikt: Entweder sie gehorchten den Interessen ihrer Anteilseigner, die kurzfristig Profite erwarteten, oder den Interessen der Menschen, die langfristig einen intakten Planeten zum Überleben brauchten.

Vielleicht waren sich beide Unternehmen zeitweise nicht sicher, wessen Interessen schlussendlich schwerer wogen, zumindest Shell hatte wohl ein schlechtes Gewissen. Warum sonst hätte der Konzern "Climate of Concern" überhaupt produzieren und an Bildungseinrichtungen verteilen lassen? Doch Shell und Exxon haben sich in moralischen Dingen eine gewisse Flexibilität angeeignet: Solange die Zerstörung des Planeten derart lukrativ ausfällt, sind ab und an auftretende Gewissensbissen tolerabel. Einige Beispiele dafür, dass der Shareholder Value bei Shell Vorrang hat:

  • Shell untergräbt nach Kräften Anstrengungen zum Klimaschutz - in jüngster Zeit etwa europäische Ausbauziele für die Erneuerbaren.
  • Shells Investitionen in Erneuerbare sind mickrig: 30 Milliarden Dollar steckte das Unternehmen im Jahr 2016 in fossile Brennstoffe, nur ein Prozent dieser Summe floss in Erneuerbare.
  • Shell war im Laufe der Jahrzehnte Mitglied mehrerer Lobbygruppen, deren Daseinszweck nicht zuletzt im Sabotieren von Klimaschutz bestand oder besteht, z.B. der berüchtigten Global Climate Coalition (GCC) und des American Legislative Exchange Council (Alec).
  • Shell hat ein Faible für besonders riskante, überflüssige und klimaschädliche Projekte: Der Konzern ist am Abbau von Teersanden beteiligt und hätte liebend gerne das Öl im arktischen Meeresboden angezapft, was eine weltweite Prostestbewegung und eine überaus kostspielige Pannenserie gerade noch verhindern konnten.

"Erst kommt das Fressen, dann die Moral" hat Brecht ja mal geschrieben. Am anderen Ende der Skala wird daraus: Erst kommt das Scheffeln, dann die Moral. Gut möglich, dass die Ölindustrie erst dann zur Vernunft kommt, wenn sich moralisches Fehlverhalten für sie finanziell nicht mehr lohnt. Wir können es uns nicht leisten, auf diesen Moment der Einsicht zu warten.

Mehr Infos über das wieder aufgetauchte Tape gibt's auf den Seiten von The Correspondent und Guardian.

Climate of Concern - der ganze Film

 

Tags
Erdöl, Shell
Topic
Klimawandel

Benjamin Borgerding

Benjamin Borgerding

Benjamin Borgerding (*1982) hat in Frankfurt am Main Anglistik und Medienwissenschaften studiert.


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