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Greenpeace Gastautor
25.04.2016

Was ist ein Held?

Das Schicksal der Liquidatoren nach der Tschernobyl-Katastrophe im Jahr 1986

„Held der Sozialistischen Arbeit“ war eine der höchsten Auszeichnungen in der Sowjetunion. Die Chancen für den ehrgeizigen Viktor Brjuchanow, Direktor des AKW Tschernobyl, waren gut, diesen Orden verliehen zu bekommen und in den Genuss zahlreicher Privilegien zu kommen. Damals, im Frühjahr 1986. 

Nachhelfen sollte da eine Erfolgsmeldung über ein geglücktes Reaktor-Experiment, kurz vor dem 1. Mai-Feiertag. Trotz widriger und riskanter Bedingungen bestand Brjuchanow auf der Durchführung des Experiments – und es ging schief, gründlich schief. Ganz und gar andere Helden kamen zum Vorschein. Echte Helden. Tragische Helden.

Die Leistung des Reaktors schoss in die Höhe, Brennstoffkanäle platzten vor Hitze, der Dampfdruck im Reaktor stieg rasant an, bis es zu einer Dampf-Explosion kam, die den tausend Tonnen schweren Schutzdeckel vom Reaktorkern sprengte. Nur drei Sekunden später folgte eine Wasserstoffexplosion. Der Reaktorkern in Block 4 des AKW Tschernobyl war zerstört und schleuderte Brennstoff, brennenden Graphit und 400 mal mehr Radioaktivität als in Hiroshima in den Nachthimmel. Feuer brachen aus und drohten, auf die drei Nachbarblöcke überzugreifen.

Freiwillig, aus Pflichtgefühl und auf Befehl

Die Folgen von Tschernobyl sind erschütternd – und doch: Sie hätten noch schlimmer sein können, wenn es nicht Hunderttausende Menschen gegeben hätte, die mutig unter Einsatz ihres Lebens gehandelt hätten. Ihnen ist es zu verdanken, dass die Katastrophe nicht auf die drei anderen Blöcke übergriff. Ihnen ist zu verdanken, dass das Feuer gelöscht werden konnte, wenn auch erst nach 10 langen Tagen. Ihnen ist zu verdanken, dass Zehntausende Menschen evakuiert wurden, wenn auch später, als es hätte sein müssen. Ihnen ist zu verdanken, dass eine improvisierte Schutzhülle, der „Sarkophag“, gebaut werden konnte. Manche handelten als Freiwillige, andere aus Pflichtgefühl und wieder andere gegen ihren Willen auf Befehl. Ihnen gebührt unser tiefster Respekt – aber ich glaube, wir dürfen sie zu Recht als „Helden“ bezeichnen, auch wenn uns dieser Begriff merkwürdig fremd und wegen seines Missbrauchs verdächtig geworden ist.

Die Menschen, die wir in den Archiv-Aufnahmen aus dem Mai 1986 sehen, gehören zu den „Helden“ der ersten Stunden. Sie wurden wenige Tage nach den Explosionen in die Spezial-Klinik Nr. 6 in Moskau ausgeflogen. Zu spät. Kaum einer von ihnen hat überlebt.

Innerhalb von wenigen Monaten leisteten „Liquidatoren“ Aufräumarbeiten und bauten den Sarkophag, eine Hülle aus Stahl und Beton, die den explodierten Reaktor umschließt. Verstörende Bilder: „Liquidatoren“ in Lederschürzen rennen und schaufeln Trümmer-Teile vom Dach des Nachbarblocks. Wenige Sekunden nur und schon haben sie ihren Dosisgrenzwert überschritten. Ihre Gesichter sind durch Gasmasken unsichtbar, aber ihre grotesk abgehackten Bewegungen verraten Angst. Bis zu 800.000 Liquidatoren wurden durch Tschernobyl kommandiert, das ist eine ganze Armee. Wo sind sie heute? Wo sind ihre Kinder? Was wissen wir über deren Gesundheit? 

Dieses Video wurde Greenpeace vor einigen Monaten zugespielt. Die Bilder sind schwer erträglich und für Kinder und empfindliche Menschen zur Betrachtung ungeeignet. Allen anderen mögen Sie zur Warnung dienen, davor, welche Folgen ein Atomunfall haben kann:

Autor Tobias Münchmeyer ist Atomexperte bei Greenpeace Deutschland.

Topic
Energiewende
Format
Fundstücke

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Gastautoren aus der Greenpeace-Welt schreiben über die Kampagnen, für die sie sich in ihren Ländern einsetzen.


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