Greenpeace-Campaigner Michael Meyer-Krotz
25.09.2017

Zero Waste – eine Lösung für das Fischerdorf Kanluran?

Gegen die Plastikflut in Manila - Teil 4

Müll, soweit das Auge reicht: Die Strände der philippinischen Hauptstadt Manila sind übersät mit Plastik. Mit lokalen Gruppen startet Greenpeace ein Projekt gegen die Müllflut. Michael Meyer-Krotz, Campaigner bei Greenpeace Deutschland, unterstützt die Kolleg*innen vor Ort und berichtet hier im Blog. Teil 4

 

Fast schon wie alte Freunde werden wir begrüßt. Es ist mein vierter Besuch in Rosario, Cavite; genauer gesagt im „Barangay Kanluran“. Wieder steht ein Termin beim Barangay-Captain an, einer Art Gemeindevorsteher. Hier auf den Philippinen ist ein „Barangay“ die kleinste Verwaltungseinheit, vergleichbar in etwa mit einem deutschen Bezirk. Das  Fischerdorf liegt im Süden der Bucht von Manila, Luftlinie etwa 20 km südwestlich von der Mündung des Pasig Flusses. Kanluran ist sehr lebendig. Menschen tummeln sich auf den engen Straßen; Fahrradtaxis suchen sich ihren Weg; aus einem offenen Gebäude tönt Musik. Im Gespräch mit dem Barangay-Captain geht es dennoch um ein ernstes Thema, denn die Menschen hier sind in vielfacher Weise von Plastikmüll betroffen.

Als Fischer müssen sie mit ansehen, wie sich der Anteil des Fischs in den Netzen stetig verringert und der des Plastiks steigt. So wie in Freedom Island werden auch an ihrem Strand große Mengen von Plastikmüll angeschwemmt. Zusätzlich hat das Dorf noch eine Müllumschlagsstation. Ursprünglich diente zum Ausladen, Umsortieren und Wiederverladen eine Halle. Die ist aber abgebrannt und im Wiederaufbau begriffen. Trotzdem  kommen regelmäßig Mülllaster aus der Region, kippen den gesammelten Abfall vor die Halle, wo er dann von Menschen und auch von Kühen durchpflügt und „verarbeitet“ wird. Bei jedem meiner Besuche war diese Halde größer, der Gestank beißender und der Matsch, durch den man an dem Berg vorbei muss, um zum Strand zu kommen, tiefer.

 

Darf es etwas weniger sein?

Mit dem Barangay-Captain haben wir mehrfach über Lösungen gesprochen. Seit 2000 gibt es auf den Philippinen den Republic Act 9003, ein Gesetz zur Handhabung von Abfall. Meine Kolleg*innen von Greenpeace Philippinen beschreiben dieses Gesetz als einen guten Ansatz. Leider wird es nur sehr ungenügend angewendet. Und so sind aus dieser Not heraus von einigen Nichtregierungsorganisationen Zero Waste-Projekte ins Leben gerufen worden. So etwas wäre auch für Kanluran passend, finden wir. Deshalb begleitet uns Ochi von der EcoWasteCoalition. Sie berät Barangays und trainiert Freiwillige, durch Mülltrennung ihre  Abfallmenge deutlich zu senken.

Das Zero-Waste-Projekt ist denkbar einfach; es ähnelt ein wenig der Mülltrennung in Deutschland. Zentral ist, dass die Müllbearbeitung auf Ebene des Bezirks geschieht. Die Bewohner eines solchen Bezirks (zwischen 5.000 und über 30.000) werden extra geschult, Müll in ihrem Haushalt in kompostierbar, nicht kompostierbar und Letzteres in Plastik, Glas, Papier zu trennen. Einmal am Tag sammeln Müllarbeiter an der Haustür den getrennten Müll ein. Der Abfall wird dann in eine Müllsortieranlage im Viertel gebracht und weiter verarbeitet. Kompostierbares geht auf den Kompost, Glas und Metall  werden weiterverkauft. Plastik wird weiter getrennt und ebenfalls teilweise an Recycler weiterverkauft. Der Rest landet auf der Deponie.

 

Mehrwert aus Mülltrennung – das Beispiel Fort Bonifacio

Ich hatte bei einem meiner Besuche die Gelegenheit, mir eine solche Anlage im Barangay Fort Bonifacio anzusehen. Das ZeroWaste-Projekt dort wird von der Mother Earth Foundation ins Leben gerufen. Von ihr stammen auch die nachfolgenden Photos. Bevor die Müllsortieranlage dort eingerichtet wurde, war dies eine unkontrollierte Deponie:

 

Das Ergebnis in Fort Bonifacio kann sich sehen lassen:

 

  • Nach umfangreicher Schulung werden 98% des Mülls bereits in den Haushalten getrennt.
  • 100% der Haushalte beteiligen sich, und das in einem Bezirk mit 21.000 Einwohnern mit mittleren und unteren Einkommen!
  • Fünfzehn Müllarbeiter, die zuvor informell als Müllarbeiter tätig haben, erhielten feste Anstellungen.
  • Die Anzahl der Müllwagen, die pro Tag von San Bonifacio abgeholt werden ist von vier auf nur noch einen zurückgegangen. Das spart Kosten in Höhe von etwa 10.000 Philippinische Pesos pro Tag für die Stadt ein (entspricht etwa 165 EUR).
  • Gleichzeitig hat sich das Einkommen der Müllarbeiter verglichen mit ihrer informellen Tätigkeit vorher mehr als verdoppelt.
  • Aus diesem Pilotprojekt sind weitere entstanden, die alle zwischenzeitlich eigenständig funktionieren.

 

Wie geht es weiter?

Für heute ist unser Gespräch mit dem Barangay-Captain in Kanluran beendet. Noch konnten wir ihn tatsächlich nicht überzeugen. Weitere Gespräche werden nötig sein. Als wir die Gemeinde verlassen, weht erneut dieser beißende Gestank vom Strand aus zu uns.

Mit diesem Besuch klingt mein vierwöchiger Aufenthalt hier an der Bucht von Manila aus. Morgen Abend geht es zurück nach Hamburg ins deutsche Greenpeace-Büro. Damit geht für mich ein sehr bewegendes und intensives Projekt zu Ende – auch wenn die Arbeit hier weiter gehen wird. Wir sind dem Strom des Mülls vom Pasig Fluss über Freedom Island bis in den Süden nach Rosario gefolgt. Wir haben Müll gesammelt, gezählt und ausgewertet und u.a. Nestlé, Unilever und Procter & Gamble als Mitverantwortliche für die Plastikflut am Strand von Freedom Island identifiziert.

Das kann aber erste der Anfang sein. Seit Jahrzehnten haben sich die Unternehmen zu Lasten von Natur und zu Schaden der betroffenen Menschen bereichert. Jetzt, wo das Ausmaß der Vermüllung immer sichtbarer wird, müssen sie zu Konsequenzen gezwungen werden. Sie haben sich bei der Natur ungefragt ein Darlehen genommen und damit viel Schaden angerichtet. Nun müssen sie es zurückzahlen und endlich die Lösungen entwickeln und umsetzen, die nötig sind, um nachhaltig zu produzieren und die Produkte zu verteilen. Das wird anstrengend und teuer für die Unternehmen – und hart und ausdauernd für uns im Kampf gegen sie.

 


Greenpeace-Campaigner Michael Meyer-Krotz

Michael Meyer-Krotz

Michael Meyer-Krotz (*1961) – kurz genannt Mikro – ist als Campaigner für Sonderprojekte bei Greenpeace aktiv.


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