Die Katastrophe im Netz

13. Juli 2010 · von Benjamin Borgerding

Im Golf von Mexiko entscheidet sich derzeit, ob der aktuellen Rettungsmaßnahme von BP größerer Erfolg beschieden ist als den letzten Rettungsmaßnahmen von BP:

Dem britischen Ölkonzern ist es nach eigenen Angaben offenbar gelungen, einen besseren Absaugtrichter über das Bohrloch im Golf von Mexiko zu stülpen. Live-Bilder auf der BP-Website zeigten am Montag die Anbringung der als “Top Hat 10″ bezeichneten Apparatur in rund 1500 Metern Meerestiefe.

Live-Bilder aus den Tiefen des Golfs gibt es – und zwar nicht zu knapp und zu besichtigen auf der BP-Homepage: Ein zähneknirschendes Zugeständnis des Unternehmens an den Zeitgeist, „Transparenz“ lautet die Losung. Auch wenn BP (draußen in der Realität) verschleiert und verzerrt, was das Zeug hält: Keine andere Umweltkatastrophe war den Blicken der Öffentlichkeit jemals so umfassend ausgesetzt und ist so ausführlich dokumentiert worden wie diese – dem Internet sei dank.

Ein kleiner Überblick über die Katastrophe im Netz

Das Internet hilft nicht nur bei der Aufklärung und der Verbreitung von Informationen, es ermöglicht neben Anteilnahme auch neue Protestformen und ist gleichzeitig sprudelnder Kreativ-Pool. Um dieses Potential zu nutzen, hat Greenpeace UK kürzlich dazu aufgerufen, ein Update des BP-Logo zu entwerfen, das die jüngsten Ereignisse im Golf von Mexiko adäquat widerspiegelt:

Das nette grüne BP-Logo passt nicht mehr so richtig, deshalb haben wir einen Wettbewerb gestartet, um ein Logo zu finden, mit dem wir BP ein neues Gesicht verpassen können (“to rebrand BP”).

Ein voller Erfolg: 1.926 fantasievolle Logo-Vorschläge sind auf dem dafür eingerichteten flickr-Set „Behind the logo“ eingegangen, für jedermann einsehbar. Der Wettbewerb ist mittlerweile beendet, der Gewinner des Rebranding aber noch nicht gekürt worden. (Apropos flickr: Auch Greenpeace USA nutzt den Service, um mit Bildern über das Ausmaß der Katastrophe zu informieren.) Protestaktionen wie die von Greenpeace UK könnten BP Imageschäden zufügen, mit denen sich BP – vorausgesetzt der Konzern kommt zunächst relativ (!) unbeschadet aus dem Desaster – noch lange wird herumschlagen müssen. Einmal in Umlauf, brennen sich starke Bilder (wie das “neue” BP-Logo) in das kollektive Gedächtnis, und sind daraus nicht mehr so leicht zu entfernen – genausowenig wie aus dem Netz. Der Meinung ist jedenfalls Richard Telofs:

Weil es diese Bilder weiterhin geben wird, wird es sehr schwierig für BP werden, die anhaltenden Auswirkungen auf das Konzern-Image zu überstehen. Diese Auswirkungen entstammen einem einfach handhabbaren Werkzeug, auf das fast jeder in den Industrieländern („the developed world“) zugreifen kann, das es vor sechs Jahren noch nicht gegeben hat und das mit der Zeit vermutlich noch an Wirkung gewinnen wird.

BP kann Sperrzonen errichten und unliebsamen Journalisten den Zutritt verweigern, BP kann auch unbemerkt Tierkadaver beseitigen, gesundheitliche Gefährdungen durch das Öl kleinreden und Leuten verbieten, Fotos mit ihren Handys zu machen – siehe Video oben. Weniger gut kann BP Mechanismen im Internet in den Griff bekommen. Zwar bemüht sich der Öl-Multi neue Kommunikationskanäle wie Twitter zu nutzen (Transparenz!!), um sie mit Updates rund um die Uhr (und das Unglück) zu füttern. Der Zuspruch bleibt aber verhalten: BP America hat nur knapp 17.000 Follower, der deutsche Account BP_energie gerade mal 615. BPGlobalPR dagegen folgen stolze 185.459 User. Das Problem (für BP) ist nur, BPGlobalPR ist eine Satireseite, der letzte Tweet ging zum Beispiel so:

BP Rule: Whoever smelt it, dealt it. Gulf coast residents, do you smell oil? THEN CLEAN UP AFTER YOURSELVES! #bpcares about 9 hours ago via web

Galgenhumor kommt auch auf YouTube zum Tragen: Satire-Videos versuchen dem Schrecken zumindest vorübergehend den Zahn zu ziehen. Aber bei dieser Katastrophe ist es wie bei Haien – der Zahn wächst rasch wieder nach.

Facebook-Gruppen bieten eine Mischung aus Aufklärung und Protest. Während etwa die Gruppe „Save the Gulf Of Mexico“ mit vielen Infos aufwartet (110.241 Fans), fordert die Protestseite „Boycott BP“ seine Fans (817.389) dazu auf, BP zu bo– nun ja. Eine andere Protestseite hat eine ganz konkrete Idee, wie man das Loch doch noch stopfen könnte, und trägt den schönen Namen „Stop the oil spill by stuffing BP executives into the leaking pipe“ (298.551 Fans).

Auch Greenpeace Deutschland fordert in einer Online-Petition eine Ende der Tiefseebohrungen!

Kommentare

  • Ulrike Wallace

    Warum gibt es in den Betroffenen Regionen von Greenpeace keine Aktionen?
    Greempeace USA hat diese Frage auch noch nicht beantwortet.
    Wir brauchen Aufklaerung fuer die Oeffentlichkeit.

    15.7.2010 um 15:40 Uhr · Antworten

  • Michelle Bayona

    Hallo Ulrike,
    Greenpeace ist seit Beginn der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko vor Ort und betreibt dort aktiv Aufklärungsarbeit: Gemeinsam mit externen Wissenschaftlern dokumentieren die Kollegen von Greenpeace USA und International das Ausmaß der Ölpest und unterstützen die Medien bei der Einschätzung der Situation. Einer dieser Wissenschaftler ist Rick Steiner, der das Unglück der Exxon Valdez in Alaska untersucht hat. Seit einigen Wochen startet Greenpeace in verschiedenen Ländern Aktionen für einen Stopp der Tiefseebohrungen.

    15.7.2010 um 18:20 Uhr · Antworten

  • Petra Luthardt

    Möchte einfach auch mal was zu diesem Thema schreiben…Die Organisation Greenpeace kann doch nicht alles alleine schaffen, denn diese Leute, die in der ganzen Welt tätig sind, sich einsetzen für den ganzen Planeten, und das Rund um die Uhr, Hut ab für das was sie tun… Nur Sie könenn das nicht alleine schaffen!!! Jeder von uns wird aufgerufen,auf all die Produkte zu verzichten, wie sie hier in einem Bericht aus dem Internet von einem Greenpeace Aktivisten beschrieben werden… ( Es klingt immer profan, aber wir müssen unseren Ölkonsum so weit wie irgend möglich reduzieren, uns von der Abhängigkeit von Öl lösen. Das geht zunächst mal über die Einsparung von Öl (und den aus Öl bestehenden Produkten). Hier einige Vorschläge zur Einsparung von Öl:

    • Vor jeder Autofahrt müssen wir überlegen, ob sie wirklich notwendig ist. Warum nicht Fahrgemeinschaften, Fahrrad oder öffentliche Verkehrsmittel nutzen, um zur Arbeit oder zum Einkauf zu kommen?

    • Möglichst Produkte ohne Plastik-/Folienverpackung kaufen. In den Geschäften darauf hinweisen, dass wir kein Plastik/keine Folien mehr wollen. Einkäufe in Baumwolltaschen o.ä. transportieren.

    • Bio-Lebensmittel verzehren (Düngemittel und Pestizide basieren häufig auf Ölprodukten). Produkte aus der Region bevorzugen, beim Bauern, Gärtner, Winzer vor Ort einkaufen (weniger Transport, weniger Ölverbrauch).

    • Pflege- und Reinigungsprodukte (Shampoo, Seife, Make-Up, Wasch-/Spülmittel etc.) auf natürlicher – und nicht auf Ölbasis verwenden.

    • Kleidung aus organischer Baumwolle/Hanf kaufen. Keine Plastik-Klamotten mehr!

    • Kein Wegwerfgeschirr bei Picknicks, beim Grillen, in Imbissbuden u.ä. nutzen.

    • Auf Plastikflaschen verzichten.

    • Keine Fun-Flüge mehr.

    • Die Regierung/-en und Politiker bei jeder Gelegenheit auffordern, schnellstmöglich in allen Wirtschafts- und Lebensbereichen auf erneuerbare Energien umzustellen.

    Es gibt bestimmt noch sehr viel mehr, was wir tun können. Jeder ist gefordert, damit wir nicht in nächster Zukunft im Öl ersaufen.

    Wenn es Euch schwer fällt, Euch umzustellen, seht Euch die Bilder der grausam umgekommenen Lebewesen an, die nichts, absolut nichts mit unserer Gier nach Konsum zu tun haben. Seht es Euch an und erinnert Euch bei jeder Kaufentscheidung. Z.B.: http://blog.greenpeace.de/die-katastrophe-im-netz/ !!!

    Beteiligt Euch bitte auch an Mitmachaktionen gegen die Tiefseebohrungen (z.B. Greenpeace) und an denen für erneuerbare Energien. Es ist höchste Zeit, dass wir alle etwas für unsere Mutter Erde tun. Denn sonst werden wir nicht mehr lange auf ihr leben können. Eine zweite Erde gibt es nicht!

    20.7.2010 um 10:22 Uhr · Antworten

    • Petra Luthardt

      Wenn Ihr von Erdöl hört, denkt Ihr wohl zuerst an eine schmierige Flüssigkeit, an reiche Ölscheichs, an riesige Tankschiffe und dann an die Ölheizung zu Hause. Sicher wißt Ihr auch, daß Benzin und Dieselkraftstoff aus Erdöl hergestellt werden; ohne Öl würde kein Auto fahren. Aber dieses Erdöl bedeutet noch viel mehr; es ist einer der wichtigsten Rohstoffe der Welt. In großen Raffinerien wird es zu zahllosen Chemikalien verarbeitet, aus denen man die unterschiedlichsten Dinge herstellen kann. Du brauchst Dich nur umzusehen, was um uns herum aus Plastik besteht: das Telefon, Spielzeug, das Gehäuse des Fernsehers, Haushaltsgeräte – alles aus Plastik. Und diese Kunststoffe werden aus Erdöl hergestellt. Ohne Öl gäbe aus auch keine Teppichböden, keine Gardinen am Fenster, keine Farbe an den Wänden und keine Plastiktüten. Aber das ist noch längst nicht alles. Öl wird auch für Körperpflege und Kosmetik verwendet, auch wenn sich das komisch anhört. Viele Seifen, Parfüms, Lippenstifte und Haarsprays sind Nebenprodukte der Erdölverarbeitung. Öl ist außerdem wichtig für den Straßenbau, zur Herstellung von Medikamenten und von Düngemitteln. Ich fühle mich mitschuldig an der Ölkatastrophe…

      22.7.2010 um 13:11 Uhr · Antworten

  • Foster Almsteadt

    Im Fernseher sah ich heute, dass es eine “kontrollierte Explosion” gab. Dabei wurden 11 Menschen verletzt. Da passt irgendwas nicht. Ich hoffe das diese endlich das aus für die industriell genutzte Kernenergie ist. Der Glaube an die Beherrschbarkeit einer Kettenreaktion ist erschüttert. Wir sehen in den Nachrichten, wie ein Block nach dem anderen unkontrollierbar wird. Jedoch sind unsere Kraftwerke sicher wenn es kein Menschliches Versagen gibt – wenn es kein Tsunami oder Hochwasser gibt und wenn es kein größeres Erdbeben gibt.

    14.3.2011 um 15:27 Uhr · Antworten

    • japanischGrün

      @ Foster: oh, ich glaube jetzt bist Du im Blog unter Wasser vor Mexico gelandet.
      Schau mal auf den Blog Fukushima oder “Mich packt die Wut”.
      Zur kontrollierten Explosion: Wer sich an die sogenannte “Knallgasreaktion” in Schulversuchen erinnert, weiß dass Wasserstoff sofort bei kleinsten Erschütterungen reagiert. D.h. wenn sie versucht haben mechanisch einen Druckausgleich herbei zu führen, weil kein Strom dafür vorhanden ist, dann werden die vorsichtigen Öffnungsversuche eine Knallgasreaktion verursacht haben. Wohl gemerkt: der Extrahülle, die in Deutschland, wenn ich das richtig verstanden habe, gar nicht gebaut wird. Daher “kontrolliert”.
      Allerdings viel beunruhigender ist die Tatsache, dass der Reaktor Nr.2 ohne Kühlmittel ist und die Japanische Regierung noch deutlichere Andeutungen gemacht hat, dass mit der Kernschmelze gerechnet wird.

      14.3.2011 um 16:11 Uhr · Antworten

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