Was hat die Nestlé-Kampagne gebracht?

10. August 2010 · von Michelle Bayona

Diese  Frage erreichte uns kürzlich öffentlich über den Kurznachrichten-Dienst Twitter. Was war los? Anlass war ein neuer Greenpeace-Bericht, der aufdeckt, wie der indonesische Papier- und Palmölproduzent Sinar Mas  entgegen seiner Zusagen weiterhin den Regenwald zerstört.

Wieso gerade Nestlé?

Unsere Nestlé-Kampagne Anfang des Jahres hat die Gemüter (vor allem der Internet-Gemeinde) gespalten: Warum gerade Nestlé angehen, wenn es doch um den kriminellen Sinar Mas-Konzern und den indonesischen Urwald geht? Laura, eine Kollegin von Greenpeace International hat zu diesem Thema einen lesenswerten Aufschlag gemacht. Sie hat gestern noch einmal im Blog zusammengefasst, welche Rolle Nestlé in unserer langjährigen Arbeit zum Schutz des indonesischen Regenwaldes und der kohlestoffreichen Torfwälder spielt.
Nestlé verwendete für seine Produkte Palmöl, für dessen Herstellung Produzenten wie Sinar Mas den indonesischen Regenwald zerstören. Unser Ziel: Nestlé sollte Sinar-Mas-Palmöl aus Urwaldzerstörung aus seiner Lieferkette streichen und so ein deutliches Signal an Sinar Mas setzen, so wie es Unilever auch schon getan hat.
Los ging es am 17. März: Nestlés Facebook-Seite stand unter verbalem Beschuss; ein virales Kitkat-Video machte die Runde, Greenpeace-Aktivisten arbeiteten in 24 Ländern zu dem Thema und organisierten zahlreiche Online- und Offline-Protestaktionen. Kritische Protestmails, -briefe und -anrufe von Verbrauchern gingen weltweit bei Nestlé ein. Wir sind seit Jahren mit Nestlé im Gespräch, aber erst die zahlreichen Verbraucherkritiken sowie die Empörung über die Sperrung unseres Kitkat-Spots haben Nestlé zum Handeln bewegt. Am 17. Mai die Erfolgsmeldung: Nestlé hat sich nach einigen Wochen des Verneinens und Zögerns überzeugen lassen, dass man sehr wohl eine Mitverantwortung für die Regenwaldzerstörung seines Zulieferers trägt. Der Lebensmittelkonzern hat daraufhin neue Einkaufsrichtlinien formuliert, an deren Umsetzung man jetzt arbeitet.

Nestlé nicht der „einzige Buhmann“!

Greenpeace wendet sich mit dem gleichen Anliegen seit Jahren an zahlreiche Unternehmen. Kraft und Unilever haben bereits Konsequenzen gezogen und setzen sich für ein indonesisches Moratorium ein. Kurz nach dem Nestlé-Erfolg hat Greenpeace in einem neuen Bericht „How Sinar Mas ist pupling the planet“ neue Vergehen der Sinar Mas-Tochterfirma Asian Pulp and Paper (APP) veröffentlicht: Kentucky Fried Chicken, Carrefour (größtes europäisches Einzelhandelsunternehmen) oder Walmart – sie alle beziehen Produkte aus Urwaldzerstörung. Als Reaktion auf den Report haben die ersten Konzerne ihre Verträge mit dem Umweltzerstörer bereits gekündigt.
Auch Banken stehen in der Verantwortung. Greenpeace kritisiert die Kreditvergabe der KfW-Tochter DEG an Sinar Mas und fordert die vorzeitige Kündigung des 32 Millionen US-Dollar Kredits. Auch die HSBC-Bank, größtes Finanzdienstleistungsunternehmen der Welt, reagierte zügig auf eine ähnliche Greenpeace-Kampagne. Greenpeace hatte aufgedeckt, dass HSBC-Bank Sinar Mas in ihren Anlagefonds gelistet hatte. Der virale Video-Spot eines Greenpeace-Unterstützers tat sein Übriges: Über 10.000 empörte Kunden schrieben direkt an die Bank, die mittlerweile seine Anteile an der Sinar Mas Gruppe verkauft hat.

Wo kommt Sinar Mas ins Spiel?

Sinar Mas ist außerhalb Indonesiens nicht bekannt. Aber: Palmöl, Papier und Zellstoff aus Sinar Mas-Herstellung stecken in zahlreichen europäischen Produkten. Der Konzern teilt sich in zahlreiche Tochterfirmen – ein fast undurchschaubares Geflecht. Sinar Mas ignoriert oftmals  indonesische Gesetze und internationale Standards. Der Konzern legt für neue Industrieplantagen die Torfböden trocken, fackelt den Regenwald ab und gefährdet bedrohte Tierarten wie den Orang-Utan und den Sumatra-Tiger. Es könnte also schwierig für Präsident Yudhoyono werden, die CO2-Emissionen seines Landes wie geplant bis 2020 um 41 Prozent zu senken. Der Grund: Die Torfmoore speichern riesige Mengen Kohlenstoff, die bei der industriellen Trockenlegung in die Luft entweichen. Nach den USA und China belegt  Indonesien Platz drei der größten CO2-Verursacher weltweit.
Sinar Mas hat massive Expansionspläne. Mit Regenwaldzerstörung lässt sich eine Stange Geld verdienen – solange die Verbraucher nicht aufmucken. Greenpeace deckt die falschen Versprechungen und illegalen Geschäftspraktiken des Palmölgiganten auf und fordert seine Abnehmer auf, sich für den Schutz des Regenwaldes einzusetzen. Immerhin – wer mittlerweile über die gängigen Suchmaschinen Sinar Mas recherchiert, findet sofort zahlreiche Hinweise auf den kriminellen Hintergrund des Konzerns.

Reaktion auf das Audit

Heute hat die Sinar-Mas Gruppe ein Audit vorgestellt und damit Stellung zu den Greenpeace-Vorwürfen bezogen. Der Konzern hat Gutachter beauftragt, die belasteten Konzessionen zu überprüfen – eine Stein, der erst durch die Nestlé-Kampagne ins Rollen kam. Doch das Audit wurde ohne die Autoren vorgestellt und aus seinem Kontext gerissen. Im Wesentlichen belegt das Audit die Regenwaldzerstörung und illegalen Aktivitäten von Sinar Mas. Die Firma jedoch zieht sich willkürliche Textstellen aus dem Audit heraus und versucht damit zu belegen, dass sie verantwortlich und nachhaltig wirtschaftet. Dabei werden Begrifflichkeiten verwendet, die nirgendwo definiert sind und somit je nach Bedarf verwendet werden können, wie zum Beispiel “degradiertes Land”. Hilfe beim Greenwashing kommt dabei von der eingekauften PR-Firma Bell Pottinger.

Wie geht es weiter?

Für Greenpeace zählt nicht die neue Wortwahl, sondern was Sinar Mas in Zukunft in der Praxis tut. Wir werden weiterhin dokumentieren, wenn Regenwälder zerstört, Torfböden ausgetrocknet und Orang-Utan-Gebiete vernichtet werden. Und wir bleiben dran und werden weiterhin Unternehmen auffordern, ihre Verbindungen zu dem Urwaldkiller zu kappen. Greenpeace wird sich daher nun anderen Papier- und Palmölkunden von Sinar Mas zuwenden, um auch diese davon zu überzeugen, dass sie ihre Mitverantwortung für die Zerstörung der Regenwälder, des Klimas und des Lebensraumes der Orang Utans haben und sofort handeln müssen.

Der Weg in Sachen Urwaldschutz in Indonesien ist lang und es war klar, dass der Nestlé-Erfolg nur ein Schritt von vielen auf diesem Weg ist. Aber wir sind deutlich weitergekommen und immerhin wird es ein Moratorium auf Konzessionen geben, wie der indonesische Präsident angekündigt hat. Jetzt müssen wir den Druck aufrechterhalten, damit dieses Moratorium auch wirklich alle Konzessionen umfasst.

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