Wovon Energieriesen nachts träumen

27. August 2010 · von Benjamin Borgerding

Heute schon herzhaft gelacht? Nicht? Na, dann wird’s aber Zeit:

“Die Bundesregierung verlangt von den Atomkonzernen laut einem Zeitungsbericht als Gegenleistung für längere AKW-Laufzeiten das Versprechen, in den Ökostrom-Ausbau zu investieren.”

Allerliebst, eine famose Idee, Frau Bundeskanzlerin! Wie schön, dass Sie den Mut zu mehr Vertrauen in die Menschheit aufbringen! “Ihr versprecht mir, auch artig zu sein?” Ich bin mir sicher, die Herren Großmann, Teyssen, Hatakka und Villis nicken da selig wie ein Rudel Wackeldackel. “Eine Selbstverpflichtung wäre für uns nicht schlecht”, frohlockt bereits ein hörbar aufatmender EnBW-Chef Villis.

Ich beneide die Kanzlerin um ihr Vertrauen – aber muss sie es ausgerechnet an die vier Energiekonzerne verschwenden? Sollte es zu einer Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke kommen, wäre eine Selbstverpflichtung der Atomkonzerne zum Ausbau der Erneuerbaren ungefähr soviel wert wie das Keuschheitsgelübde eines Schimpansen. Zweifel an der Aufrichtigkeit der Strombosse sind aus folgenden Gründen angebracht:

1) Die Herren stehen profitorientierten DAX-Unternehmen vor, “Profiteinbußen hinnehmen” rangiert auf ihrer To Do-Liste noch weit unter “Weihnachtskarten an Kunden schicken”. Die Made im Speck interessiert sich nicht für das leckere Obst, das daneben liegt. Will meinen: Die Stromkonzerne werden das System Atomkraft solange wie möglich am Leben und damit am Netz halten. Ist die Laufzeitverlängerung erst beschlossen, ist es nur eine Frage der Zeit bis der Erste den Satz “Der Neubau von Kernkraftanlagen darf kein Tabuthema sein” in eine bundesdeutsche Kamera fabuliert.

2) Die erwartbare Zurückhaltung der Atomkonzerne beim Ausbau der Erneuerbaren hat simple arithmetische Gründe: Solange in diesem Land AKW brummen, blockieren sie die Netze mit ihrem Strom. Wenn der Anteil der Erneuerbaren am Strommix eine bestimmte Größe erreicht, müssten Atomkraftwerke hoch- und runtergefahren werden, damit nicht zu viel Strom in Netz eingespeist wird. Das wäre schlecht für die Atomkonzerne, denn stillstehende Reaktoren bedeuten Profiteinbußen in zweistelliger Milliardenhöhe. Die Atomkonzerne haben es nicht allzu eilig, es soweit kommen zu lassen.

Zwei Energieriesen: RWE-Werbemonster und RWE-Boss Jürgen Großmann, Foto rechts: (c) Michael Gottschalk DDP

Zwei Energieriesen: RWE-Werbemonster und RWE-Boss Jürgen Großmann, Foto rechts: (c) Michael Gottschalk DDP

3) Großmann & Co sind zwar stets bemüht, als glühende Verehrer der Erneuerbaren rüber zu kommen – die Bilanzen der Energiekonzerne sind jedoch stumme Zeugen eines eigentlich mageren Interesses. Die Konzerne produzieren zwischen 80 und 90 Prozent des Gesamtstroms in Deutschland. Der Anteil aus Wind, Biomasse, Erdwärme und Solarstrom ohne alte Wasserkraftanlagen an ihrem Kraftwerksmix liegt aber nur bei 0,1 bis 1,7 Prozent. Auf den ersten Blick beeindruckende Pläne für Milliardeninvestitionen in die Erneuerbaren erweisen sich bei näherem Hinsehen als Peanuts: In den Planungen spielen die Erneuerbaren mit maximal 10 bis 15 Prozent Anteil an den Gesamtinvestitionen eine Komparsenrolle.

4) Die Erfolgsaussichten von Selbstverpflichtungen der Industrie sind grundsätzlich bescheiden. Was wurde doch schon alles versprochen: mehr Kraft-Wärme-Kopplung versprach die Industrie, weniger CO2 die Automobilwirtschaft und deutlich mehr Klimaschutz alle zusammen im Chor. Dass es bei der Umsetzung der Versprechen bislang  immer gewaltig gehakt hat, hängt dabei widerum sehr eng mit Punkt 1) zusammen.

Statt auf die freiwillige Mitarbeit der Atomindustrie beim Ausbau der Erneuerbaren zu hoffen, sollte sich Kanzlerin Merkel – so leid es mir tut – auf die Muttersprache der Stromfürsten verlassen: die Sprache des Geldes.  Greenpeace fordert eine Erhöhung der für die Brennelementesteuer bisher veranschlagten 2,3 Milliarden Euro pro Jahr auf 3,5 Milliarden, um mit dem Geld den Ausbau der Erneuerbaren bis zum Ausstieg aus der Atomkraft tatkräftig zu unterstützen.

Kommentare

  • Energiesparfuchs

    Merken sie nicht, dass sie in den Blogs schreiben können, was sie wollen ? Auf Greenpeace kommt es gar nicht an, weil sie wegen der teuren Ökoenergie (für die Sie eintreten !!!) auf Betteltour gehen müssen. Bitte eine Subvention hier, bitte eine garantierte Vergütung da. Biowasserstoff http://www.bio-wasserstoff.de/ verabschiedet sich. Denken sie daran, 2,5 bis 3 cent/kWh Strom unsubventioniert für die Erzeugung von Ökostrom mit 8.000 Vollaststunden/Jahr werden sie niemals mit Wind- oder Solarkraftanlagen erreichen, sondern nur mit Biomassevergasung und INCOX-Anlagen oder Brennstoffzellen. In anderen Blogs zum Thema E-Auto, zum Erdöl und zur Atomkraft habe ich mich über für eine Umweltorganisation recht merkwürdige Haltungen nur gewundert. Freie Fahrt für Verbrennungsmotoren mit weniger Verbrauch, Plastetüten-/Zahnputzbürstenkampagne (als Antwort auf die BP-Katastrophe) und massiver Ausbau der Stromerzeugungskapazitäten auf Basis von fossilen Brennstoffen (Erdgas). Brücken für weitere 40 Jahre. Bloß gut, dass ich ihnen nie Geld in Form einer Spende anvertraut habe.

    27.8.2010 um 21:22 Uhr · Antworten

    • Bruno Straub

      Energiesparfuchs, Du sprichst von teurer Öko-Energie. Die ist aber doch garnicht teuer. Du bildest Dir das wahrscheinlich nur ein. Laß Dich mal von einem Greenpeacler aufklären!

      28.8.2010 um 00:10 Uhr · Antworten

      • Energiesparfuchs

        Nichts ist so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist
        Victor Hugo http://www.spot-ag.de/unternehmen.html

        28.8.2010 um 15:14 Uhr

      • cathy Roe

        Nehmen wir an es gäbe keine Atomkraft mehr und man würde Energie durch beispielsweise Erdgas gewinnen… wie steht es mit der Versorgung jedes Haushalts in Deutschland? Wird das Erdgas bzw. dessen Energie baterieartig angeschlossen an unsere Stromleitungen ? Kenne mich auf diesem Gebiet nicht aus…aber es interessiert mich!

        29.8.2010 um 22:03 Uhr

      • Energiesparfuchs

        Greenpeace will zentral 10 – 20 große Erdgaskraftwerke errichten und den damit gewonnenen Strom ins Netz speisen. Wirkungsgrad 60 Prozent. Die Abwärme wird in den meisten Fällen weggeworfen. Dazu sollen viele kleine erdgasbetriebene Blockheizkraftwerke (Kooperation VW/Lichtblick) verteilt werden, die als virtuelles (großes) Kraftwerk zusammenarbeiten (2.000 bis 3.000 MW) und stromgeführt ebenfalls ins Netz einspeisen. Die dabei erzeugte Wärme wird teilweise genutzt werden können (Winter) und teilweise weggeworfen (Sommer). 50 Prozent aller deutschen Haushalte und die meisten Industriekunden haben einen Erdgasanschluss. Eine Erweiterung des Erdgasnetzes auf neue Abnehmer ist in den meisten Fällen problemlos möglich. Wer einen Erdgasanschluss hat, kann dann auch einen Brennwertkessel (Wärme), Gaswärmepumpen (Wärme) oder Brennstoffzellen (Wärme/Strom) betreiben.
        Die Nutzenergie bei diesem System ist geringer als bei Anwendung von Wasserstoff, weil zuviel von der anfallenden Wärme ungenutzt bleibt (trotz Latentwärmespeicher vor Ort). Brennstoffzellen (erzeugen ca. zu je 50 Prozent Wärme und Strom) regeln durch die vorgeschaltete Miniwasserstoffabrik im Gerät (Erdgasumwandlung zu H2, Abwärmeverluste) nur langsam die Leistung (einige Minuten). Bei Einsatz von reinem H2 aus der Rohrleitung reagieren Brennstoffzellen in Millisekunden auf Lastwechsel. Ein wärmegeführter Betrieb sorgt dafür, dass 90 Prozent der gelieferten Energie in Nutzenergie umgewandelt wird (Überschusstrom vor Ort wird problemlos in Wärme umgewandelt, z.B. durch strombetriebene Wärmepumpen, Elektroheizkörper usw.). Brennwertkessel können auch mit H2 betrieben werden. Der größte Teil des heutigen Stromnetzes einschließlich seiner kompilizierten Regelung wird damit überflüssig, weil per Gasleitung die Energie zum Verbrauchsort gelangt.
        Das alles spart Energie und Kosten.

        30.8.2010 um 09:39 Uhr

  • Enrico Holz

    Solange Politiker in den Aufsichtsräten der großen Industriefirmen sitzen wird es nur bei einer öffentlichen Diskussion bleiben, damit keiner sagen kann es ist Lobbyistenpolitik. Denn hinter den Kulissen ist alles schon vereinbart. Erst wenn der gemeine Bürger, Wähler sich wert, wird etwas geändert werden können, doch der hat kein Interesse daran. Erst wenn wir einen GAU im Lande haben und vor Freude StRAHLEN weil ein Paar wenige recht hatten fängt der Rest an zu überlegen. Merkel und Co. sind dann selbstverständlich an nichts Schuld denn Sie alle haben ja vertraut. Man muss die Gesellschaft ändern damit die Menschen sich ändern. Die Natur beginnt damit bereits. Hoffentlich gibt sie nicht nach.

    28.8.2010 um 16:56 Uhr · Antworten

    • Energiesparfuchs

      10 bis 15 Jahre Laufzeitverlängerung für AKW`s. Die Katze ist aus dem Sack. Viel Glück noch bei der Umsetzung des schwachbrüstigen superteuren Energiekonzeptes Plan B. Die Suppe hat Greenpeace sich selbst eingebrockt. Habt endlich den Mumm, die eingefahrenen Energiegleise zu verlassen und denen da oben zu zeigen, wo der Energiehammer der Zukunft hängt. Das ist eure Aufgabe als Umweltorganisation !!!

      29.8.2010 um 19:52 Uhr · Antworten

  • Optimus

    Wenn die AKWs vom Netz genommen werden und nicht durch CO2 Schleudern ersetzen werden sollen, muss mehr her als ein ‘Brücken’-Konzept mit Erdgas. Das größte Potential hat dabei Energieeffizienz in Verbindung mit der Nutzung von Wind, Sonne und Bio-Abfall. Das ist jetzt schon wirtschaftlich, weil die Technik und die Gesetze dafür bereits existieren. Dies geht auch ohne Subventionen und Förderungen, wenn die Großserienproduktion möglich wird.
    Es fehlt auf politischer und wirtschaftlicher Ebene nur der Wille diesen Weg konsequent einzuschlagen. Der Wechsel von der zentralen zur dezentralen Stromversorgung ist vergleichbar mit der Ablösung eines Diktators durch die Einführung einer demokratischen Ordnung. Die Stromkonzerne werden freiwillig ihre Position nicht aufgeben wollen. Will oder kann sich die Politik nicht gegen die Stromkonzerne durchsetzen, müssen die Kunden die Entscheidung treffen. Nicht unbedingt der einfachste Weg, aber sicherlich der umweltfreundliche und gefahrlose Weg (kein Atommüll, kein CO2 Ausstoss).

    31.8.2010 um 13:22 Uhr · Antworten

  • Cendrillon

    Da spricht jemand von “dezentraler Energieversorgung” und Greenpeace will gigantische Offshore-Windparks mit einer Gesamtleistung von 100000 MW in der Nordsee errichten, welche dann von ebenso gigantischen Pumpspeichern in Norwegen während der Windflauten gestützt werden sollen.

    Was haben derlei gigantische Windparks und derlei gigantische Speicher denn noch mit “dezentraler Energieversorgung” zu tun? Die Entfernung zwischen Trondheim/Norwegen und München beträgt übrigens 2000 km. Und das soll “dezentrale Energieerzeugung” sein?

    31.8.2010 um 22:04 Uhr · Antworten

    • Optimus

      Bitte nicht offshore Windparks mit dezentraler Energieversorgung verwechseln. Dezentral heisst immer noch vor Ort. Die Meinung von Greenpeace muss ich nicht teilen, nur weil ich hier schreibe… .

      01.9.2010 um 13:05 Uhr · Antworten

      • Bruno Straub

        Optimus, Du gehörst wohl zu den Leuten, die sich ihr EE-Konzept selber basteln. Berücksichtige aber bitte die Faktenlage: Onshore Windmühlen sind out; wir müssen leider auf Offshore Windmühlen, übrigens bei dreifacher “Förderung”, ausweichen. Und die stehen nun mal in der Nordsee, mit den Konsequenzen, die Cendrillon beschrieben hat.

        01.9.2010 um 23:32 Uhr

Kommentar schreiben

Pflichtfeld

Pflichtfeld, wird nicht veröffentlicht

optional

Trackbacks

Permalink

Dieser Blogbeitrag ist unter folgender Adresse dauerhaft erreichbar:
http://blog.greenpeace.de/blog/2010/08/27/wovon-energieriesen-nachts-traeumen/trackback/