Zahllose Pfadfindertrupps auf den Straßen, überall Menschen mit dem gleichen blauen Schal (Kostenpunkt 3 Euro) und Bühnen, von denen wahlweise amerikanischer Gospel mit viel Soul in der Stimme oder deutscher Christenrock mit viel Strom in der Gitarre schallt: Der 34. Evangelische Deutsche Kirchentag hat Hamburg fest im Griff. “Soviel du brauchst” flattert es auf tausenden Flaggen. Das Motto des Kirchentags nimmt Bezug auf das zweite Buch Mose und bringt zweierlei zum Ausdruck: Das beruhigende “Du bekommst, was du brauchst!” und das mahnende “Übertreib’s nicht!”.
Zwischen all den Pfadfindern und Blaubeschalten sticht Kirchentagsdebütantin Paula deutlich heraus. Die Eisbärdame sammelt auf der Veranstaltung Unterschriften für den Schutz ihrer Heimat, der Arktis (ganz unten findet ihr ein Foto-Album mit allen Bildern von Paula auf dem Kirchentag). Wenn Paula artikulieren könnte, was sie braucht, würde sie vermutlich sagen: “Eis”. In Folge der globalen Erwärmung ist das Meereis der Arktis in den Sommermonaten der letzten Jahrzehnte mehr und mehr zurückgegangen, nicht wenige Klimaforscher rechnen damit, dass die Arktis bereits in zwanzig Jahren das erste Mal eisfrei sein könnte. Ergo: Den Eisbären schmilzt ihr Robbenjagdrevier unter den Tatzen weg. Was Eisbären noch so brauchen zum Leben, lässt sich sehr gut auch negativ beantworten – mit “jedenfalls keine Ölunfälle” zum Beispiel. Shell und andere Ölkonzerne haben die Arktis längst ins Visier genommen – trotz großer Risiken und Sicherheitsdefizite. Perverserweise sieht sich die Industrie durch das Kleinerwerden der Eisfläche dazu in die Lage versetzt, neue Ölfelder zu erschließen.
Der Klimawandel war auf dem Kirchentag am Freitag auch ein Thema in der Rede der neuseeländischen Politikerin Helen Clark, die als Leiterin des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen das dritthöchste Amt bekleidet, das die UN zu vergeben hat. Ihre charmant dahinschnarrende Altstimme erinnerte die Zuhörer in Halle B5, unter ihnen auch Bundeskanzlerin Merkel, an die Verantwortung der Industrieländer bei der Bekämpfung des Klimawandels. Am Vortag hatte die bezaubernde Paula Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) noch dazu animieren können, kurz vor seiner Rede von der Bühne zu hüpfen, um mit forschem Handgriff zu überprüfen, was sich viele fragten, nämlich ob der oder die echt sei. Als Bundeskanzlerin Merkel Frau Clark heute auf der Bühne nachfolgte, war sie leider zu weit weg, um von Paula in den Gängen Notiz zu nehmen.* Jeder, der sonst von Paula Notiz nahm, schien dies jedoch mit einem hohen Maß an Sympathie zu tun. Schließlich verbindet Christen mit Paula ein ähnlich gelagertes Interesse am Erhalt der Schöpfung. Der Counter, mit dem am Greenpeace-Stand auf der Messe die neuen Unterschriften für ein Arktis-Schutzgebiet gezählt wurden, knackte dementsprechend schon nach einem Tag die Tausender-Marke (Noch nicht unterschrieben? Hier nachholen!).
Für alle Besucher des Kirchentags zum Schluss noch ein Veranstaltungshinweis: Am Samstag zwischen 11 und 13 Uhr findet in Halle B7 eine Podiumsdiskussion mit Greenpeace-Meeresexpertin Dr. Iris Menn statt. Thema: “Globale Schnäppchenjagd – Fisch zwischen wirtschaftlichen Interessen und nachhaltiger Nutzung.” Kommet zahlreich! Außerdem könnt ihr das Greenpeace-Schiff Beluga II an den Landungsbrücken besuchen (Brücke 10). Oder ihr kommt zu den Greenpeace-Ständen an der Messe (Messehalle B4) und beim Zentrum der Jugend in Harburg (Stand dA_082).
* An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass der Störer, der Merkels Rede früh und erstaunlich unbehelligt unterbrach (das Security-Personal rekrutierte sich hauptsächlich aus Pfadfindern), der Mann also, dessen wahnwitzige Mikrofon/Verstärker-Konstruktion, die er unter einem braunen Trenchcoat verborgen hielt, den Geist schon kurz nach Inbetriebnahme wieder aufgab, so dass für die meisten Menschen im Saal nur zu hören war: “Frau Merkel, auch wir.. der Au… begrü.. Schöpfung… Frie..”, dass dieser Mann, der sich direkt neben Paula aufhielt, als seine Protestaktion unter lautem Saalgelächter auf bemitleidenswert tragische Weise scheiterte, NATÜRLICH NICHT zu Greenpeace gehörte.













