Neuer Gen-Mais im “Dauerfieber”

16. Januar 2012

In den USA ist eine neue Gen-Maissorte für die Aussaat in der kommenden Anbausaison zugelassen worden. Angesichts der immer unübersichtlicheren Sortenanzahl wäre das keine Nachricht – im Falle von Mon87460 handelt es sich jedoch um einen Mais, der laut Hersteller Monsanto eine erhöhte Toleranz gegen Trockenheit haben soll. Ein uralter Traum der Agro-Gentechnik scheint damit wahr geworden zu sein.

(c) Martin Langer/Greenpeace - Maispflanzen

Mais

Bisher konnten sämtliche Gen-Maissorten ausschließlich Resistenzen gegen Unkrautvernichtungsmittel oder Insekten vorweisen. Beide Eigenschaften versagen zunehmend in der Praxis und haben den Einsatz von Pestiziden nicht verringern können. Gentechnisch veränderte trockentolerante Sorten schienen, ein leeres Versprechen zu sein – auch wenn dieses gebetsmühlenartig wiederholt wurde. Und bei genauerer Betrachtung hält auch Mon87460 den Ansprüchen der Agro-Gentechnik nicht stand.

Der Mais kann – so Monsanto – im Vergleich mit konventionellen Sorten bei Wassermangel höhere Erträge liefern. Selbst das US-Landwirtschaftsministerium USDA stimmt dieser Ansicht nicht zu: Für trockene Regionen gezüchtete konventionelle Sorten lieferten in Feldversuchen mindestens vergleichbare Erträge wie Mon87460. Überhaupt werden klassische Züchtungserfolge gerne vergessen, wenn die Heilsversprechungen der Gentechnik erfüllt scheinen. Dabei gibt es gute Alternativen zur gentechnischen Manipulation von Trockentoleranz, eine Übersicht findet sich hier: http://www.gmwatch.org/component/content/article/31-need-gm/12319.

Die Entwicklung trockentoleranter Sorten mit normalen Züchtungsmethoden ist nicht nur einfacher und günstiger als die unter Verwendung von Gentechnik, sondern bei einem Blick auf die wissenschaftlichen Grundlagen schlicht und einfach die erfolgversprechendere Alternative. Die Toleranz von Mon87460 beruht auf der kontinuierlichen Produktion eines bakteriellen Kälteschock-Proteins. Dieses dient der Aufrechterhaltung zellulärer Funktionen unter abiotischem Stress (Hitze, Kälte, Trockenheit, Salz usw.).

Dieser Mechanismus spielt in Pflanzen ebenso eine Rolle wie in Bakterien, daher sind auch in ihnen die entsprechenden Gene vorhanden – es braucht das manipulativ eingebrachte Gen daher nicht. Und schon gar nicht dessen dauerhaften Betrieb. Der Gen-Mais verhält sich, als ob er sich ständig verteidigen müsste. Vergleichbar wäre dies mit ständigem Fieber beim Menschen, nur um gegen die eventuelle Attacke eines Grippe-Erregers jederzeit gewappnet zu sein. Eine echte Toleranz hingegen besteht in der flexiblen Antwort auf Extremereignisse.

Vor allem aber ignoriert die vermeintlich einfache Lösung Gentechnik die Komplexität der Problematik Trockentoleranz. Mon87460 kann kein bisschen besser mit Wasser umgehen als ähnlich durstige Maissorten. Die entsprechenden Eigenschaften der ursprünglich aus trockenen Regionen stammenden Pflanze sind im Genpool der Art durchaus vorhanden und erklären die Erfolge konventioneller Züchtung.

Zudem hat die effiziente Nutzung von Wasser in der Landwirtschaft nicht nur mit der gewählten Art oder Sorte der Kulturpflanze zu tun, sondern wesentlich mit dem Anbausystem. So reduziert zum Beispiel der wiederholte Anbau von Mais die organische Substanz im Boden – diese ist ein entscheidender Faktor für die Fähigkeit des Bodens, Wasser effektiv zu speichern und der Pflanze zur Verfügung zu stellen. In Entwicklungsländern spielen diese und ähnliche Faktoren eine noch entscheidendere Rolle als in den klimatisch vergleichsweise begünstigten Industrieländern. Umfassend betrachtet wurde dies in einem Mitte 2010 veröffentlichten Greenpeace-Report, der auch den nun neu zugelassenen Genmais thematisiert.

Die Agro-Gentechnik liefert also alles andere als eine innovative Pflanze, sondern beweist einmal mehr ihre Unfähigkeit, die eigenen Erwartungen zu erfüllen und einen Beitrag zu nachhaltiger Landwirtschaft zu liefern. Dennoch dürften beachtliche Ressourcen von Seiten Monsantos in die Bewerbung und Vermarktung des Lieblingskindes Mon87460 fließen – und eventuell dessen Unzulänglichkeiten zugunsten des Profits vergessen machen.

Innovation bei Gen-Mais?

05. Januar 2012

Seit Einführung der Agro-Gentechnik gibt es eine Konstante: das Versprechen auf die großen Gen-Wunderpflanzen, die höhere Erträge, geringeren Spritzmitteleinsatz oder höhere Stresstoleranz bieten. Doch die Wunderpflanzen lassen weiter auf sich warten. Genutzt werden vorwiegend herbizidresistente Pflanzen, die meisten mit Toleranz gegen das “Totalherbizid” Glyphosat („Roundup“). Neben den Zweifeln an der Unbedenklichkeit des Wirkstoffs kommt es aufgrund rasant zunehmender Resistenzbildungen bei Unkräutern zum Einsatz giftigerer Spritzmittel oder tödlicherer Mischungen. Die Gentechnik hat so mitnichten zu reduziertem Pestizideinsatz geführt, das Gegenteil ist der Fall.

Welcher Mais wächst denn hier?

Das drohende Ende des sog. “Roundup-Ready”-Systems vor Augen setzt die Industrie nun konsequent auf alternative Spritzmittel. Dazu werden wiederum neue Gen-Pflanzen mit den entsprechenden Resistenzen ausgestattet. Dabei hat die Industrie keine Scheu, auf hochgiftige Mittel aus den Anfangstagen der chemiebasierten Landwirtschaft zurück zu greifen.

Als neueste Waffe im Wettrüsten auf dem Acker wartet jetzt ein neuer Gen-Mais auf seine Zulassung für den Anbau in den USA. Kurz vor Weihnachten bescherte der US-Konzern Dow AgroScience dem Mutterland der Agro-Gentechnik den jüngsten Spross seiner Mais-Familie. Der Tradition seiner Vorgänger folgend hört das Kind auf einen Namen, der abgesehen von möglichen Rückschlüssen auf seinen Erzeuger kaum im Gedächtnis bleiben dürfte: DAS-40278-9.

Interessanter sind schon die Eigenschaften der Pflanze: Mit dem eingebrachten Gen aus einem Bodenbakterium ist der Mais in der Lage, bestimmte Herbizide zu entgiften. Eines davon: das synthetische Pflanzenhormon 2,4-D , das eine traurige Berühmtheit als ein Bestandteil des im Vietnamkrieg eingesetzten Entlaubungsmittels Agent Orange erlangte. Das Hormon lässt gespritzte Pflanzen unkontrolliert und übermäßig wachsen – die Pflanze wächst sich gewissermaßen zu Tode. In der Regel wirkt das Herbizid nur auf krautigen Pflanzen (zu denen die meisten Unkräuter gehören), Gräser sind meist resistent. Resistent sind auch die meisten Maissorten, einige Sorten sind jedoch anfällig.

Sollte DAS-40278-9 eine Anbauzulassung bekommen, wäre aber auch die Bekämpfung von Gräsern kein Problem. Neben der Resistenz gegen 2,4-D vermittelt das übertragene Gen nämlich auch die Resistenz gegen einige Herbizide einer anderen Wirkstoffgruppe – und diese machen auch Gräsern den Garaus.

Eines zumindest haben die Herbizide alle gemeinsam: ihr jahrzehntelanger Einsatz hat längst zu umfangreicher Resistenzbildung bei Unkräutern geführt. Die Datenbank http://www.weedscience.org/In.asp listet für beide Stoffklassen mehr resistente Unkräuter als für Glyphosat. Der erhöhte Einsatz der Herbizide auf Gen-Äckern würde diese Entwicklung nochmals beschleunigen. Wie bei Glyphosat wäre es nur eine Frage der Zeit, bis die Herbizidresistenzen des Maises praktisch keinen Nutzen mehr bringen würden. Bis dahin können höchst bedenkliche Giftcocktails nach Belieben auf dem Acker versprüht werden und schließlich auf dem Teller landen. Die Zulassung des Maises für die Verwendung in Lebens- und Futtermitteln in der EU ist übrigens auch schon beantragt.

Anstatt ein Umdenken einzuleiten setzt Dow voll auf die Karte Gentechnik. Das Unternehmen hat bereits den Gen-Mais „SmartStax“ im Repertoire, der zwei Herbizid-Resistenzen (gegen Glyphosat und Glufosinat) sowie sechs verschiedene Bt-Gifte vereint. Es wäre ein Leichtes die Fähigkeiten von DAS-40278-9 oben drauf zu setzen und so mit noch wüsteren Herbizid-Mischungen die Unkrautbekämpfung auf dem Mais-Acker zu ermöglichen. Wenn auch nur bis zum Auftreten von Mehrfachresistenzen – auch die nur eine Frage der Zeit.

Überraschend ist es allerdings nicht, dass aus dem schnellen Scheitern des Roundup-Ready-Systems keinerlei Lehren gezogen worden sind. Kurzfristig verspricht das Geschäftsmodell den lukrativen Absatz des Gen-Saatgutes und der passenden Herbizide, mittel- und langfristig steigt der Bedarf an speziellen Mischungen, wirksameren Formulierungen oder neuen Gen-Pflanzen. Auf der Strecke bleiben Umwelt und nachhaltige Landwirtschaft.

Frankreich braucht neues Anbauverbot für Gen-Mais

29. November 2011

Seit 2008 war der Anbau des Gen-Maises Mon810 in Frankreich verboten. Schon damals hatte Monsanto Klage gegen das Verbot eingereicht, drei Jahre später fiel nun eine Entscheidung. Das höchste französische Gericht annullierte am Montag das nationale Anbauverbot für den Gen-Mais.

Das Gericht folgte damit einer Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) von Anfang September. Der EuGH hatte Frankreich formale Fehler vorgeworfen. So war die EU-Kommission nicht rechtzeitig über die Maßnahme informiert und das Verbot auf die falsche Rechtsgrundlage gestützt worden. Das französische Gericht bemängelte darüber hinaus nun aber auch die Begründung des Verbotes mit Risiken für Umwelt und Gesundheit.

(c) Martin Langer/Greenpeace - Maispflanzen

Mais

Sollte es nicht gelingen, ein neues Anbauverbot zu erwirken, könnte es 2012 somit zu einem erneuten Anbau von Mon810 in Frankreich kommen. Politik und Öffentlichkeit stehen der Agro-Gentechnik allerdings auch in unserem Nachbarland ablehnend gegenüber. In ersten Reaktionen kündigten die Offiziellen an, alle Register zu ziehen, um den Anbau von Mon810 zu verhindern. Ausreichend Gründe gegen den Anbau gibt es jedenfalls, problematisch ist deren Bewertung durch Gerichte. Die Berufung auf das Vorsorgeprinzip reicht den Gerichten zurzeit kaum, und auch Studien über schädliche Effekte von Gen-Pflanzen auf sogenannte Nicht-Ziel-Organismen wie Wasserflöhe oder Marienkäfer werden von Juristen unterschiedlich eingeschätzt. Letztere dienen übrigens der Begründung des deutschen Anbauverbotes für Mon810, das seit 2009 Gültigkeit hat und im Unterschied zur französischen Variante auf einer anderen Basis fußt. Für Deutschland dürfte daher kein Risiko bestehen, den unerwünschten Mais doch wieder legalisieren zu müssen. Wenngleich Mon810 streng genommen im Moment ohnehin mehr geduldet als gewollt ist: 2007 ist die Anbauzulassung ausgelaufen, das Verfahren zur Wiederzulassung läuft schleppend. Mon810 darf also trotz abgelaufener Anbauzulassung weiter in der EU angebaut werden – basierend auf Daten von 1997. Seither sind eine Vielzahl neuer Erkenntnisse hinzugekommen, Sicherheitslücken und Risiken benannt worden. In der Konsequenz haben sich neben Frankreich nicht nur Deutschland, sondern auch Österreich, Ungarn, Griechenland und Luxemburg für Anbauverbote entschieden. Es ist daher kaum einzusehen, warum Frankreich den Anbau erlauben sollte.

Die Unsicherheiten und Probleme zeigen deutlich: es wäre dringend angebracht, nationale Anbauverbote grundsätzlich neu zu regeln. Das europäische Parlament hat hier einem progressiven Gesetzesentwurf längst zugestimmt, ob dieser aber je geltendes Recht wird, steht in den Sternen. Die Möglichkeiten Anbauverbote zu begründen würden demnach erweitert, z.B. um regionale Unterschiede und sozioökonomische Effekte. Zudem würde das Verfahren auf eine neue Basis gestellt, die in Hinsicht auf internationale Handelsabkommen Rechtssicherheit böte. Basierend auf der Annahme, die Sicherheitsbewertung von Gen-Pflanzen würde alle verfügbaren Studien hinreichend berücksichtigen, zählen zurzeit nur neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu Risiken und Gefahren. Dies reicht offensichtlich nicht aus – zu sorglos urteilen die zuständigen Behörden und zu groß sind die Unterschiede in den EU-Mitgliedsstaaten. Für Frankreich sollte es dennoch möglich sein, Risiken zu benennen und Verfahrensfehler zu vermeiden und damit das Anbauverbot für Mon810 wirksam zu erneuern.