Wälder werden jünger – das ist nicht gut

07. Februar 2012

Was ich hier im Spessart jeden Tag sehe, ist mir in vielen Regionen Deutschlands aufgefallen. Der öffentliche Wald wird nicht mehr als Ökosystem mit Gemeinwohlfuktion für unsere Gesellschaft gesehen, sondern ausschließlich als Rohstoffquelle.

Holzstämme im Bayerischen Wald - © Markus Mauthe/Greenpeace

Holzstämme im Bayerischen Wald - © Markus Mauthe/Greenpeace

Viele – auch öffentliche Betriebe – entscheiden nach den Kriterien des Marktes bzw. der Nachfrage darüber, was an Holz entnommen wird. Das Wissen, wie die wertvollen Ressourcen genutzt und der Wald gleichzeitig erhalten werden kann, spielt dabei keine Rolle. Dabei gibt es auch vorbildliche Betriebe wie zum Beispiel in Lübeck und Göttingen, die so wirtschaften, dass sie Ökologie und Gemeinwohl Vorrang geben.

Und die Folgen der intensiven Holznutzung kann ich überall mit bloßem Auge sehen: Die Wälder werden jünger, lichter und werden befahren wie ein Parkplatz von IKEA. Mittlerweile wird bis zu einem Fünftel der Waldfläche von riesigen Maschinen befahren.

Während uns die Bevölkerung im Spessart erzählt, dass auch sie mit Sorge sehen, was seit Gründung der BaySF in ihren Wäldern passiert, reagieren die Forstverbände auf die Forderung nach einem Einschlagstopp in über 140 jährigen Buchenbeständen, als würde das das Ende der Forstwirtschaft bedeuten. Immer wieder wird auch behauptet, das Ende der Holzrechtler im Spessart oder anderswo würde beginnen. Das Gegenteil ist der Fall.

Die traditionellen Holzrechte im Spessart sind etwas sehr seltenes in Deutschland und historisch bedingt. Das Recht, nur für den eigenen Bedarf Holz im Wald zu machen und dabei immer das Gemeinwohl im Blick zu behalten, ist auch international etwas sinnvolles. Was unter dem Stichwort ‚commons’ diskutiert wird, geht von der gemeinschaftlichen Verwaltung von Naturgütern bis hin zu globalen Interessen wie dem Erhalt der Biodiversität.

Die Holzrechte im Spessart wurden Ende der 80er Jahre in einer Vereinbarung mit der Bayerischen Staatsforstverwaltung so geregelt, dass jedem Spessarter das Recht auf bestimmte Hiebe zusteht. Das findet große Akzeptanz bei den Bürgern. Auch Greenpeace betont immer wieder, dass die Holzrechte etwas einmaliges sind und weiterhin in vollem Umfang bedient werden sollten.

Die Forderung von Greenpeace, Naturschutzbund und Bund Naturschutz auf Einschlagstopp beziehen sich nur auf zwei bis drei Prozent der Wälder in Deutschland, nämlich in den alten Buchen- und Laubholzbeständen, die noch übrig geblieben sind. Und das bezieht sich nur auf den öffentlichen Wald und ist somit noch einmal weniger.

In Bayern sind nach Aussage des Vorstands der BaySF etwa ein Prozent Buchenwälder über 180 Jahre und etwa weitere vier Prozent über 140 Jahre. Insgesamt könnten also 95 Prozent weiterhin für Brennholz und andere Verwertungen genutzt werden. Im Forstamt Rothenbuch, das einen überdurchschnittlichen Anteil von alten Waldbeständen ausmacht, sind acht Prozent über 180 Jahre und etwa 20 Prozent über 140 Jahre. Das bedeutet für dieses Forstamt weiterhin Nutzung auf 72 Prozent der Waldfläche. Im Forstamt Heigenbücken und Hammelburg sind es sogar noch mehr, die weiterhin genutzt werden könnten. Je schneller dann der Vorstandsvorsitzende der BaySF zehn Prozent des Bürgerwalds schützt, desto schneller kann das Moratorium wieder aufgehoben werden.

Der Spessart ist eben international nicht nur wegen seiner Buchenwälder eine einzigartige Region, sondern auch wegen seiner Holzrechtler.

Welche Auswirkungen die massive Intensivierung der Holznutzung in den letzten zwanzig und vor allem zehn Jahren hatte, wird morgen im Bundestag diskutiert. Dort soll im Ausschuss für Forsten die sogenannte Waldstrategie 2020 aus dem Hause von Forstministerin Ilse Aigner mit Experten und Expertinnen diskutiert werden.

Greenpeace lehnt die Waldstrategie ab und wird eine Stellungnahme einreichen, denn diese Strategie würde unseren Wäldern massiv schaden. Sie unterminiert die Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt, die Deutschlands internationale Verpflichtungen für den Wald mit klaren Zielen herunterbricht. Hier geht es um die Vorsorge, Wälder zu erhalten, die auch die öffentliche Hand in ihrem Pflichtenheft stehen hat. Nur wenige Landesforst- und kommunale Verwaltungen setzen das noch um. Ein schlechtes Beispiel sehe ich ja hier im bayerischen Spessart im Bereich der Bayerischen Staatsforsten.

Welche Auswirkungen die Strategie der bayerischen Bundesministerin Aigner für unser Klima hat, werden wir morgen präsentieren. Jetzt fahre ich nach Berlin!

Die Arbeit im Wald geht weiter. Tägliche Berichte aus unserem Waldcamp könnt ihr in unserer Blogreihe lesen. Und wer sich in der Nähe von Heigenbrücken aufhält, darf auch gerne mal vorbeischauen! Wie es im Camp aussieht, zeigt euch Waldexpertin Gesche Jürgens im Video:



Deutsches Waldkonzept geht zu Lasten des Klimaschutzes

18. Januar 2012

Die Ziele von Klima und Biodiversität werden von Bundesregierung und Bundesländern nicht zusammen gedacht.

Naturreservat "Heillige Hallen" Deutschlands ältester Buchenwald. Naturreservat "Heillige Hallen" Deutschlands ältester Buchenwald. © Markus Mauthe/Greenpeace

Naturreservat "Heillige Hallen" Deutschlands ältester Buchenwald. Naturreservat "Heillige Hallen" Deutschlands ältester Buchenwald. © Markus Mauthe/Greenpeace

Die Treibhausgasemissionen sind 2010 nach der Wirtschaftskrise 2009 wieder deutlich gestiegen.
Erst letztes Jahr wurden die besonders ursprünglichen Buchenwälder Deutschlands von der UNESCO mit dem Weltnaturerbe ausgezeichnet. Was haben beide Aspekte miteinander zu tun?

Entgegen der Behauptungen der Interessenverbände der Forst- und Holzwirtschaft ist nicht der genutzte Wald der klimafreundliche. Im Gegenteil, die alten Wälder speichern sehr viel mehr CO2 in Stamm, Ästen und Blättern, als die immer jüngeren Forste. Der Einschlag alter Buchenwälder in denjenigen öffentlichen Wäldern, die bisher keine zehn Prozent aus der forstlichen Nutzung genommen haben, ist nicht nur ein Vergehen an unserem Naturerbe, sondern auch am Klimaschutz (ich habe in früheren Blog-Beiträgen darüber berichtet).

Bei den Klimaverhandlungen in Durban wurden nach jahrelangen Verhandlungen nun auch die Regeln für die Berechnung der Wald-Klimagase für die Industrieländer verbindlich festgelegt. Unsere schlimmsten Befürchtungen haben sich bewahrheitet: zukünftig bildet die Referenz für die Wald-Klimagase nicht das Jahr 1990 (wie für fast alle anderen Sektoren) sondern eine willkürliche, am Holzhunger der Industrie orientierte, in die Zukunft projizierte Referenzlinie. Damit kann die Bundesregierung am besten verbergen, dass die Wälder in Deutschland durch eine systematische Industrialisierung der Forstwirtschaft seit 1990 ihre Senkenwirkung verloren haben.

Die Senke von CO2 von 80 Millionen Tonnen, die die deutschen Wälder noch 1990 bewirkt hatten, machten damals alleine etwa sieben Prozent der fossilen Emissionen in Deutschland aus. Heute würden diese 80 Millionen Tonnen bereits zehn Prozent ausgleichen. Es ist ein unbeachteter Skandal, dass die Bundesregierung mit einem Umweltminister, der schöne Sonntagsreden zum Klimaschutz hält, den Wald als Senke aufgegeben hat.

Dabei steht auch in der nationalen Biodiversitätsstrategie, dass – vorrangig in den Buchenwäldern – zehn Prozent der öffentlichen Wälder natürlichen Prozessen unterliegen müssen und die Wälder reicher an Holzvorrat werden sollen.

Greenpeace und andere Umweltorganisationen haben immer wieder angemahnt, dass der Erhalt der alten Buchen- und Laubholzwälder auf zehn Prozent der öffentlichen Waldfläche sowie eine ökologische Waldnutzung elementare Bestandteile einer auf Klima- und Biodiversitätsschutz basierenden Strategie für Landesforstbetriebe und andere öffentlichen Waldbesitzer sein müssen.

Nächste Woche soll eine Zwischenbilanz eines Forschungsprojektes des Bundesamts für Naturschutz in Göttingen präsentiert werden. Es wird spannend, ob die Bundesländer tatsächlich Zahlen und Karten liefern, wo die letzten großen, schützenswerten Buchenwaldgebiete liegen und wie viele bereits vor einer forstlichen Nutzung dauerhaft und rechtlich abgesichert geschützt sind. Während jedoch nur geredet wird, werden in der Zwischenzeit die besonders schützenswerten alten Buchenwälder von pofitorientieren Landesbetrieben beseitigt.

Damit muss jetzt Schluss sein. Die unverantwortliche Arroganz derjenigen, die öffentliche Wälder für kurzfristigen Profit zu Lasten von Biodiversität und Klimaschutz ausbeuten, muss ein Ende haben.

Die Konferenz ist vorbei – Perspektiven für den Klimaschutz

12. Dezember 2011

Vom 28. November bis 9. Dezember 2011 findet im südafrikanischen Durban die 17. Internationale Klimakonferenz (COP17) statt. Für uns vor Ort: Martin Kaiser, Leiter Internationale Klimapolitik bei Greenpeace. (zur Blogreihe)

Starkes Signal für den Klimaschutz: Jugendliche haben sich am Strand von Durban zu einem gewaltigen Löwenhaupt formiert. © Shayne Robinson / Greenpeace

Starkes Signal für den Klimaschutz: Jugendliche haben sich am Strand von Durban zu einem gewaltigen Löwenhaupt formiert. © Shayne Robinson / Greenpeace

Morgens um sieben sind wir nach der langen Nacht der Entscheidung ins Bett gefallen. Wenige Stunden später war den Menschen in Durban anzumerken, dass sie über einen Abschluss sehr froh sind. Denn auf den Schultern des gastgebenden Landes lastete eine große Verantwortung.

Es war sicher ein wichtiger Faktor, dass Südafrika, eines der Schwellenländer, die Internationale Klimakonferenz (COP17) ausgerichtet hat. Denn so mussten die Schwellenländer mit der neu geformten Allianz bestehend aus der EU, einer Gruppe afrikanischer Läner, kleinen Inselstaaten (Aosis), lateinamerikanischen Staaten (Alba) sowie einer Gruppe der am wenigsten entwickelten Länder (LDC), Kompromisse eingehen.

So werden nun auch China, Brasilien, Südafrika und Indien verbindliche Ziele akzeptieren und umsetzen. Die indische Ministerin hatte im Abschlussplenum sehr viel über globale Gerechtigkeit beim Klimaschutz gesprochen. Dies wird ein zentrales Thema der Verhandlungen in den nächsten Jahren werden. Wie werden die Verpflichtungen, die Emissionen zu mindern, gerecht auf die Länder verteilt? Eines hat Durban klargemacht: China und Indien müssen im Zuge einer gerechten Klimaordnung Minderungsziele für sich akzeptieren.

Die Allianz hatte im Abschlussplenum für ein rechtlich verbindliches Abkommen und für einen strengeren Zeitraum argumentiert: Ein Weltklimaabkommen muss bis 2015 beschlossen und dann zügig umgesetzt werden. Und nicht wie jetzt erst ab 2020 gehandelt werden. Das ist zu spät, um die Erderwärmung auf zwei Grad zu beschränken. Die Allianz sollte die Zeit jetzt nutzen, um die Beziehungen auszubauen und ein verbindliches Abkommen vorantreiben.

Europäisches Klimaschutzziel 2012 steigern!

Es bleibt abzuwarten, ob die USA dem Druck ihrer gewaltigen Öl- und Kohleindustrie widersteht, um beim Klimaschutz im eigenen Land voranzukommen. Auch in Deutschland und der EU muss die Klimapolitik neu aufgestellt werden. Die EU hat mit der dringenden Aufforderung, bereits jetzt die Klimaschutzziele zu steigern, eigentlich einen klaren Fahrplan vorgelegt: Sie muss auch ihr eigenes Klimaschutzziel steigern und bis 2020 die CO2-Emissionen um 40 Prozent verglichen mit 1990 reduzieren. Derzeit liegt das Ziel bei 20 Prozent.

Europa war nach Jahren endlich mal wieder bei einer Klimaschutzkonferenz relevant und hat zumindest bis zum Schluss gekämpft. Die schlechte Vorbereitung hat allerdings dazu geführt, dass nicht noch mehr für die Menschen Afrikas sowie Europas herausgeholt wurde. So war die Position der EU bis zur Klimakonferenz unklar, da sich die Mitgliedsstaaten nicht einig waren. Da hätte man viel früher an einem Strang ziehen müssen.

Röttgen hatte in seiner Rede gesagt, dass die Bundesregierung ehrgeizigere Klimaschutzziele für Europa will. Gleich nach Durban fängt also die Arbeit für den Bundesumweltminister wieder an. Dazu braucht er die Unterstützung der Kanzlerin. Europa könnte eine neue Vision gebrauchen. Klimaschutz und green economy könnten sie bieten. Auch die wirtschaftliche Kooperation mit den Schwellenländern muss grüner werden. So müssten Konzerne wie VW spritsparende Automodelle auf diesen boomenden Märkten anbieten.

Übrigens: Auch Andreas Sieber ist als Vertreter der Greenpeace Jugend vor Ort. Hier erzählt er aus seiner Perspektive.