Mit der Rainbow Warrior zum Rio+20-Gipfel

27. März 2012

3° 8′ Süd, 60° 1′ West, Temperatur: 28 Grad Celsius und 94 Prozent Luftfeuchtigkeit: Ich bin in Manaus in Brasilien angekommen. Es fühlt sich an wie ein Treffen mit einer alten Bekannten, und doch ist es eine andere Welt. Ich habe mich bereits so lange mit dem Schutz des Regenwaldes am Amazonas beschäftigt, und doch ist es anders, nun mit eigenen Augen zu sehen, worüber man bisher aus Berichten von Kollegen erfahren hat. Ich freue mich, dass ich hier sein und meine Kollegen bei der Arbeit für die Rettung des Amazonas-Regenwaldes unterstützen darf.

Entwaldung in Mato Grosso, Brasilien - (c) Werner Rudhart/Greenpeace

Entwaldung in Mato Grosso, Brasilien - (c) Werner Rudhart/Greenpeace

Der Grund meiner Reise ist, dass sich die Staatschefs aus aller Welt im Juni in Brasilien treffen, um über die Entwicklung der Welt zu sprechen. Zwanzig Jahre nach der ersten „Konferenz der Vereinten Nationen über nachhaltige Entwicklung“ sollen mit der Rio+20“-Konferenz die Fragen gestellt werden, wo wir stehen und was passieren muss, um den Weg der nachhaltigen Entwicklung doch noch einzuleiten. Und in besonderem Maße natürlich die Frage nach mehr Regenwaldschutz: Was muss hier in Brasilien eingentlich passieren, um die Zerstörung des Waldes endlich zu beenden?

Zwanzig Jahre nach Rio

Um diese Frage zu beantworten, wollen wir mit der Expeditionsfahrt der Rainbow Warrior auf dem Amazonas die wichtigsten Ursachen der fortschreitenden Entwaldung ansprechen und Lösungen aufzeigen. Wir wollen zeigen, dass die Beschlüsse des sog. Erdgipfels 1992 in Rio de Janeiro zwar wichtige Entwicklungen ausgelöst haben und doch die letzten Urwälder noch immer für Soja- und Rinderfarmen abgeholzt werden. Wir wollen die internationalen Unternehmen und die brasilianische Regierung daran erinnern, dass sie ihren Verpflichtungen zum Stopp der Abholzung nachkommen müssen. Dies ist für den Schutz der Artenvielfalt und des weltweiten Klimas wie für das Überleben zehntausender indigener Menschen entscheidend.

Heute, knapp 20 Jahre nach der ersten Nachhaltigkeitskonferenz in Rio, sitze ich an Bord der neuen “Rainbow Warrior” im Hafen der Regenwaldmetropole Manaus. Morgen werden wir Richtung Rio der Janeiro ablegen. Von Manaus wird das Schiff über Santarém und der Amazonasmündung in Belem fahren, um rechtzeitig zum „Rio+20“-Gipfel (20. bis 22. Juni 2012) in Rio anzukommen.

Klobrillen aus Mahagoni-Holz

Meine erste “Bekanntschaft” mit dem Amazonas-Regenwald machte ich bereits 1993. Damals verkauften Baumärkte in Deutschland Klobrillen aus Mahagoni-Holz. Das Holz stammte aus Regenwaldzerstörung. Dem ersten Protest von Greenpeace gegen den Verkauf des Regenwaldes folgte vonseiten der Baumärkte erst einmal: nix. Ich protestiere daraufhin mit meinen Aktionskollegen sechs Wochen lang jeden Samstag vor diversen Filialen des Hamburger Baumarktes „Max Bahr“. Bis dieser den Verkauf der Urwald-Klobrillen einstellte. Ein Erfolg für uns, durch unsere Proteste konkretes positives Handeln ausgelöst zu haben, aber erst der Anfang.

Seitdem setze ich mich für den Schutz des Regenwaldes ein, um die einzigartige Schönheit, die Pflanzen und Tiere, die hier leben und nicht zuletzt unser Klima zu schützen. Wir müssen endlich handeln, um die Zerstörung des Regenwaldes aufzuhalten. Nur so können wir den Menschen, die im und vom Regenwald seit Generationen leben, wirklich helfen und bedrohte Tierarten retten und obendrauf noch der fortschreitenden Klimaerwärmung entgegenwirken.

Bundeskanzlerin Angela Merkel muss den Rio+20-Gipfel nutzen, um aus ihren schönen Worten aktiven Klima- und Umweltschutz zu machen. Ihr damaliger Vorgänger und politischer Ziehvater, Kanzler Helmut Kohl, hatte damals – Anfang der 90er Jahre – mit einem Tropenwaldrettungsplan das Thema erstmalig aufgegriffen. Kanzlerin Merkel muss sich nun Fragen lassen, was sie unternehmen wird, damit ein Zeitalter beginnen kann, in dem wir keine Entwaldung mehr feststellen werden, das Zeitalter der “Null Entwaldung”. Hierzu haben meine Kollegen von Greenpeace Brasilien letzten Donnerstag eine Initiative gestartet: wir wollen ein Prozent der brasilianischen Bevölkerung für ein “Null Entwaldungs-Gesetz” überzeugen und sammeln dafür auf unserem Weg nach Rio hoffentlich die nötigen Unterschriften. Wenn 1,4 Millionen Brasilianer die Petition unterstützen, wird sich das Parlament und die Regierung damit beschäftigen müssen. Es ist höchste Zeit ein Zeitalter der Null-Entwaldung einzuleiten, nicht nur in Brasilien.

Waldcamp im Spessart: Bericht von Oliver Salge

05. Februar 2012
Greenpeace-Waldexperte Oliver Salge im Spessart

Greenpeace-Waldexperte Oliver Salge im Spessart

Seit ich bei Greenpeace als Waldkampaigner arbeite, habe ich in den letzten zehn Jahren einige der schönsten Urwälder der Welt bereist. Als Mitglied der intenationalen Waldkampagne von Greenpeace habe ich mitgeholfen, Wälder zu schützen, oft erfolgreich. Dabei habe ich etwa die borealen Urwälder in Kanada, Finnland oder Russland genauso kennengelernt wie die schwülheißen Regenwälder Afrikas oder Indonesiens.
Die Schönheit und die Zerstörung durch Holzfäller oder Plantagenfirmen zu dokumentieren, gehört sozusagen zu meinem Beruf.

Ich glaube also von mir sagen zu können, dass ich die Lage vor Ort im Wald ganz gut einschätzen kann.

Seit Mittwoch bin ich nun im bayrischen Spessart. Gemeinsam mit meinen Kollegen aus vielen Greenpeace-Ortsgruppen bin ich im Wald und begeistert von dem ökologischen Wert des Spessarts; und erbost darüber, dass in den besten Teilen dieses in Europa einzigartigen Waldes weiter Holz eingeschlagen wird und diese Einzigartigkeit Stück für Stück kaputt gemacht wird.

In dem Wald, wo ich gerade war, dem so genannten Heisterblock, nahe Weibersbrunn bei Aschaffenburg, ist fast jeder dritte der über 50 Zentimeter Durchmesser zählenden Bäume ein “Biotopbaum”. Das heißt, er weist Merkmale auf, die jene Tiere und Pilze benötigen, die auf alte, abgestorbene oder im Verfallsstadium befindliche Bäume angewiesen sind.
Da sieht man einen Riss, oder Rotfäule am Baum, die sich als leicht rötliche, aufgeplatzte Rinde darstellt, oder ein Astloch in acht Metern Höhe, oder gar ein Loch am Fuße des Baumes, wo sich bereits Mulm bildet, der zerfallene Holzsstoff. Biotopholz pur. Pilze wachsen auf den “toten” noch stehenden Bäumen, umgefallene Bäume überall. Tot sind die Bäume ja eigentlich nicht, denn das Leben an ihnen ist nur anders, hat sich im Verlauf der endlosen Zeit gewandelt. Jetzt sind sie das Reich der Käfer und Pilze, Vögel oder Fledermäuse und eben nicht mehr der Blätter.

Eine Buche von über 100 cm Durchmesser entlockt mir ein freudiges Jauchzen. Ich sage zu mir selber: “Boah, ist der dick”, und denke nicht an einen bekannten Werbespruch, sondern bin schier begeistert und stehe ehrfürchtig wie in der Kirche vor dem geschätzt knapp 800 Jahre alten Baum. Ja, so ein Baum begeistert mich. Zuletzt habe ich solche stattlichen Exemplare im Nationalpark Hainich in Thüringen und im Steigerwald bei Ebrach gesehen.
Sie sind einfach so selten geworden in Deutschland wie ein Orang-Utan in Indonesien. Es gibt sie noch, aber die Forstwirtschaft hat ihre Zahl dramatisch gesenkt, und lässt sie nicht mehr entstehen. Denn nur noch auf 2-3 Prozent der Waldfläche in Deutschland wachsen noch solche alt gewordenen Buchenwälder.

Der Stamm vor mir ist “tot”, knapp neun Meter hoch, dort ist der Rest abgebrochen und liegt neben mir am Boden. Völlig ausgehöhlt ist der Baum, nur noch die harte Rinde scheint die Form des Baumes zu halten. Ich könnte reinkriechen, so groß ist das Loch. Die vielen Fuchsspuren hierher zeigen, das diese fünf Meter lange Baumhöhle mehrere Bewohner hat.

Der Wald ist älter, als ich meine Ahnen zurückverfolgen kann.
Und das alles knapp 50 Kilometer östlich von Frankfurt. Es lohnt sich, dort einmal einen Abstecher zu machen. In Zukunft vielleicht sogar mit der Gewissheit, dass die wertvollen Buchenwälder erst einmal nicht mehr gefällt werden, und sich der Forstbetrieb auf jene Waldareale konzentriert, die jünger sind.
Ein partieller Einschlagstopp wäre dafür nötig.

Scheitern ist keine Option

02. Dezember 2011

Diese Woche hat in Toronto das Boreal Business Forum zum Schutz der borealen Urwälder in Kanada getagt. Oliver Salge war vor Ort und berichtet von den Ergebnissen.

“Scheitern ist keine Option.“ Ein Satz, den verschiedene Teilnehmer des Boreal Business Forums gestern in Toronto äußerten. Ich sehe das genauso.

Greenpeace Waldexperte Oliver Salge mit Cree Indianer Simon. © Gordon Welters/GreenpeaceGemeinsam mit Vertretern von Staples, Time, Kimberly Clark, Office Depot und anderen führenden Firmen der Holz- und Papier-Branche habe ich mich über die Fortschritte des kanadischen Waldabkommens informiert und diskutiert. Das Abkommen wurde im Mai 2010 von Greenpeace und anderen NGOs sowie 21 Papier- und Forstunternehmen unterzeichnet. Damit war vorerst der sogenannte “Kampf im Wald”, wie es damals hieß, beendet. Seitdem wird über den Schutz und die nachhaltige Nutzung des kanadischen Urwalds verhandelt.

Auch deutsche Firmen verwenden Papier kanadischer Hersteller. So bin ich zusammen mit einer Vertreterin des Verbandes der deutschen Zeitschriftenverleger nach Toronto gereist, um vom Fortschritt der Verhandlungen zu erfahren.

Ich habe gestern viele Präsentationen gesehen, habe Landkarten mit Kreisen angeschaut und erste Ergebnisse des gemeinsamen Ringens um Schutzvorschläge betrachtet. Aber noch sind keine konkreten Vorschläge auf dem Tisch. Nur Arbeitskarten. Und davon viele.

Die erwarteten Ergebnisse liegen also noch nicht vor. Dennoch habe ich Toronto mit dem Gefühl verlassen, dass es in den kommenden Wochen erste konkrete Ergebnisse geben wird, geben muss. Denn der Schutz des borealen Waldes ist zu wichtig für das Überleben der Karibus, für die Menschen vor Ort und letztlich für das Klima.

Dies führt mich zu zwei anderen Themen die mich heute bewegen: Die Klimaverhandlungen in Durban (ich höre nichts Positives von meinem Kollegen Martin aus Durban) und die Tatsache, dass der brasilianische Senat gestern nicht über ein neues Waldgesetz abgestimmt hat. Dieses – sollte es verabschiedet werden – wird der weiteren Zerstörung des Amazonas’ Tor und Tür öffnen. Dabei müssen wir alles tun, um den Amazonas wie den borealen Wald zu retten.

Oliver Salge