Mitte Juni hat der UN-Weltklimarat (IPCC) den Sonderbericht über Erneuerbare Energien (SRREN) veröffentlicht. Er zeigt, dass bei einem Anstieg der Erneuerbaren Energien bis 2050 auf 77 Prozent der weltweiten Energieversorgung nur rund 2,5 Prozent des technischen Potentials genutzt werden müssen. Oder mit anderen Worten: Das Potenzial der heute auf dem Markt verfügbaren Erneuerbaren Energietechnologien reicht aus, um die Erde mehrfach vollständig mit Energie zu versorgen. Um das zu erzielen, ist eine gute Effizienzstrategie notwendig: Nicht benötigte Energie ist immer billiger als verschwendete Energie, die mit Erneuerbaren hergestellt wurde. Das sind gute Nachrichten. Doch noch bevor die Tinte richtig trocknen konnte, wurde der über 1000 Seiten starke Bericht bereits von einigen Bloggern unter Beschuss genommen.
Wo ist der Skandal? Anscheinend die Tatsache, dass ich als Greenpeace-Mitarbeiter an dieser Studie beteiligt war. Jedenfalls meint dies der empörte Blogger Mark Lynas, der seine Infos aus einem Internetartikel bezieht – geschrieben vom bekannten kanadischen IPCC Gegner und Klima-Skeptiker Steve McIntyre. Angegriffen wird das vom IPCC erwähnte Weltenergieszenario “Energy [R]evolution”, welches von der Deutschen Luft- und Raumfahrt (DLR) im Auftrag von Greenpeace International erstellt wurde. Im Blog verunglimpft Lynas es als “Greenpeace Propaganda”.
Seine Logik: Umweltschutzorganisationen können per Definition keine wissenschaftliche Arbeit leisten – ja nicht einmal in Auftrag geben.
Herr Lynas meint, dass die Zusammenfassung des IPCC-Reports von “Greenpeace diktiert wurde”. Die Annahme zeugt von einem Mangel an Verständnis für die aufwendige Arbeit zur Erstellung eines Berichts. Davon abgesehen war ich an der Erstellung der Zusammenfassung des SRREN als Autor gar nicht beteiligt. Desweiteren war ich nur einer von mehr als 120 Autoren, von denen jeder eine sehr lange Liste von Anmerkungen und Fragen zu allem Beiträgen abarbeiten musste. Die kritischen Fragen kamen von Dutzenden von Rezensenten aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Die Idee, dass ich oder Greenpeace oder irgendeine andere Einzelpersonen diesen Prozess maßgeblich beeinflussen oder gar die Schlussfolgerungen diktieren kann, ist schlicht absurd.
Wie kommt ein Greenpeace-Mitarbeiter in ein IPCC-Autoren-Team?
Auch darauf hat Greenpeace keinerlei Einfluss, denn die Autoren werden von den jeweils beteiligten Regierungen vorgeschlagen. Ich wurde von der Bundesregierung als einer von sieben deutschen Experten vorgeschlagen.
Insgesamt waren mehr als 120 Experten an der Autorenschaft für den Sonderbericht Erneuerbare Energien beteiligt. Jeder der vier Vorentwürfe wurde durch ein umfangreiches Energieexpertenteam aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und NGOs für die Dauer von jeweils etwa sechs bis acht Wochen geprüft. Der etwa zweieinhalb Jahre laufende Prozess stellt sicher, dass alle Daten, Methoden und Schlussfolgerungen völlig transparent und für eine öffentliche Überprüfung offen sind.
Der SRREN hat 164 verschiedenen Energie-Szenarien untersucht und vier davon einer tieferen Analyse unterzogen. Ein Referenz-Szenario von der Internationalen Energie Agentur, zwei Szenarien die CCS und Atomkraftwerke als Teil der CO2-Reduktionsstrategie annahmen – beide mit unterschiedlichen Effizienz Strategien – und ein Szenario, das ausschließlich auf einem Mix aus Erneuerbaren Energien und Energieeffizienz basiert. Letzteres ist das Energy [R]evolution-Szenario, welches vom renommierten Deutschen Forschungsinstitut DLR im Auftrag von Greenpeace und dem Europäischen Dachverband der Erneuerbaren Energien errechnet wurde. Das Szenario wurde seit 2007 insgesamt dreimal in immer größerem Umfang veröffentlicht und jede Version beim Springer Verlang in New York in Form eines wissenschaftlichen Artikels publiziert.
Die Analyse zeigt die unterschiedlichen Annahmen der Energieszenarien und unter welchen Bedingungen die jeweiligen Ergebnisse erreicht werden. Die vier ausgewählten Szenarien repräsentieren vier sehr unterschiedliche Entwicklungspfade und sind alle wissenschaftlich sehr gut dokumentiert – daher wurden diese ausgewählt.
Die kruden Verschwörungstheorien passen nicht zur Realität – aber die wird vielleicht gar nicht gesucht. Die wissenschaftliche Tatsache, dass das technische Potenzial der Erneuerbaren Energien weltweit ausreicht, um eine vollständige Energieversorgung jenseits von fossilen und atomaren Energien zu ermöglichen, scheint bedrohlich für einige Interessensvertreter.










