Der neue IPCC-Bericht unter Beschuss – weil ein Greenpeace-Angestellter Mitautor war?

22. Juni 2011

Mitte Juni hat der UN-Weltklimarat (IPCC) den Sonderbericht über Erneuerbare Energien (SRREN) veröffentlicht. Er zeigt, dass bei einem Anstieg der  Erneuerbaren Energien bis 2050 auf 77 Prozent der weltweiten Energieversorgung nur rund 2,5 Prozent des technischen Potentials genutzt werden müssen. Oder mit anderen Worten: Das Potenzial der heute auf dem Markt verfügbaren Erneuerbaren Energietechnologien reicht aus, um die Erde mehrfach vollständig mit Energie zu versorgen. Um das zu erzielen, ist eine gute Effizienzstrategie notwendig: Nicht benötigte Energie ist immer billiger als verschwendete Energie, die mit Erneuerbaren hergestellt wurde. Das sind gute Nachrichten. Doch noch bevor die Tinte richtig trocknen konnte,  wurde der über 1000 Seiten starke Bericht bereits von einigen Bloggern unter Beschuss genommen.

Wo ist der Skandal? Anscheinend die Tatsache, dass ich als Greenpeace-Mitarbeiter an dieser Studie beteiligt war. Jedenfalls meint dies der empörte Blogger Mark Lynas, der seine Infos aus einem Internetartikel bezieht – geschrieben vom bekannten kanadischen IPCC Gegner und Klima-Skeptiker Steve McIntyre. Angegriffen wird das vom IPCC erwähnte Weltenergieszenario “Energy [R]evolution”, welches von der Deutschen Luft- und Raumfahrt (DLR) im Auftrag von Greenpeace International erstellt wurde. Im Blog verunglimpft Lynas es als “Greenpeace Propaganda”.

Seine Logik: Umweltschutzorganisationen können per Definition keine wissenschaftliche Arbeit leisten – ja nicht einmal in Auftrag geben.

Herr Lynas meint, dass die Zusammenfassung des IPCC-Reports von “Greenpeace diktiert wurde”. Die Annahme zeugt von einem Mangel an Verständnis für die aufwendige Arbeit zur Erstellung eines Berichts. Davon abgesehen war ich an der Erstellung der Zusammenfassung des SRREN als Autor gar nicht beteiligt. Desweiteren war ich nur einer von mehr als 120 Autoren, von denen jeder eine sehr lange Liste von Anmerkungen und Fragen zu allem Beiträgen abarbeiten musste. Die kritischen Fragen kamen von Dutzenden von Rezensenten aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Die Idee, dass ich oder Greenpeace oder irgendeine andere Einzelpersonen diesen Prozess maßgeblich beeinflussen oder gar die Schlussfolgerungen diktieren kann, ist schlicht absurd.

Wie kommt ein Greenpeace-Mitarbeiter in ein IPCC-Autoren-Team?

Auch darauf hat Greenpeace keinerlei Einfluss, denn die Autoren werden von den jeweils beteiligten Regierungen vorgeschlagen. Ich wurde von der Bundesregierung als einer von sieben deutschen Experten vorgeschlagen.

Insgesamt waren mehr als 120 Experten an der Autorenschaft für den Sonderbericht Erneuerbare Energien beteiligt. Jeder der vier Vorentwürfe wurde durch ein umfangreiches Energieexpertenteam aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und NGOs für die Dauer von jeweils etwa sechs bis acht Wochen geprüft. Der etwa zweieinhalb Jahre laufende Prozess stellt sicher, dass alle Daten, Methoden und Schlussfolgerungen völlig transparent und für eine öffentliche Überprüfung offen sind.

Der SRREN hat 164 verschiedenen Energie-Szenarien untersucht und vier davon einer tieferen Analyse unterzogen. Ein Referenz-Szenario von der Internationalen Energie Agentur, zwei Szenarien die CCS und Atomkraftwerke als Teil der CO2-Reduktionsstrategie annahmen – beide mit unterschiedlichen Effizienz Strategien – und ein Szenario, das ausschließlich auf einem Mix aus Erneuerbaren Energien und Energieeffizienz basiert. Letzteres ist das Energy [R]evolution-Szenario, welches vom renommierten Deutschen Forschungsinstitut DLR im Auftrag von Greenpeace und dem Europäischen Dachverband der Erneuerbaren Energien errechnet wurde. Das Szenario wurde  seit 2007 insgesamt dreimal in immer größerem Umfang veröffentlicht und jede Version beim Springer Verlang in New York in Form eines wissenschaftlichen Artikels publiziert.

Die Analyse zeigt die unterschiedlichen Annahmen der Energieszenarien und unter welchen Bedingungen die jeweiligen Ergebnisse erreicht werden. Die vier ausgewählten Szenarien repräsentieren vier sehr unterschiedliche Entwicklungspfade und sind alle wissenschaftlich sehr gut dokumentiert – daher wurden diese ausgewählt.

Die kruden Verschwörungstheorien passen nicht zur Realität – aber die wird vielleicht gar nicht gesucht. Die wissenschaftliche Tatsache, dass das technische Potenzial der Erneuerbaren Energien weltweit ausreicht, um eine vollständige Energieversorgung jenseits von fossilen und atomaren Energien zu ermöglichen, scheint bedrohlich für einige Interessensvertreter.

Aberwitziges CDU-Papier zum Atomausstieg

26. Februar 2010

Schneller Verzicht auf Atomkraft unmöglich!” titelt die Bildzeitung heute einen Artikel, in dem sie aus einem Papier des CDU/CSU Fraktionsvizes und Atomlobbyisten Michael Fuchs zitiert. Das achtseitige Papier soll belegen, dass der Atomausstieg nicht möglich ist. Der Streit um die Atomkraft nimmt immer merkwürdigere Züge an.

Die Argumente sind gewohnt dünn und zeugen von wenig Sachkenntnis: So sind die darin aufgeführten Zahlen von der Jahreserzeugung von Windkraftanlagen veraltet. Es heißt in dem Papier, dass der Anteil am Nettostromverbrauch Ende 2009 6,6 Prozent betrug – richtig ist, es waren 8,63 Prozent. Außerdem wird in dem Papier verschwiegen, dass der Anteil der Erneuerbaren Energien an der Gesamtstromerzeugung Ende 2009 bereits rund 16 Prozent betrug. Atomkraftwerke hatten einen Anteil von rund 23 Prozent.

Weiter wird in dem Papier behauptet, dass der Ersatz von zwei Atomkraftwerken, die in diesem Jahr abgeschaltet werden müssten (Biblis A und Neckarwestheim), mit Erneuerbaren Energien gar nicht möglich sei. Auch hier wird verschwiegen, dass allein in der Nord- und Ostsee Baugenehmigungen für 2500 Offshore-Windkraftanlagen vorliegen. Und diese können mehr als nur zwei Atomkraftwerke ersetzen.

Die Erneuerbare-Energien-Industrie in Deutschland – die derzeit übrigens rund 10-mal soviele Arbeitsplätze als die Atomindustrie bietet – rechnet vor, dass bereits in 2020 47 Prozent des deutschen Stromes aus Erneuerbaren Energien kommen können. Dieser Wert wird schon erreicht, wenn das derzeitige Marktvolumen gehalten werden kann.

Fast alle diese Zahlen sind übrigens nachzulesen auf der Internetseite des von der CDU geführten Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit. Ja Herr Fuchs, Fakten sind wohl nicht ihre Stärke. Vielleicht, weil Sie Ihre Position als Atomlobbyist nicht untermauern können?

Jetzt die Weichen für das Stromnetz der Zukunft stellen

07. Januar 2010

Wer in Europa Klimaschutz und den Ausstieg aus der unverantwortbaren Atomenergie will, muss vollständig auf erneuerbare Energien umsteigen. Dass diese Vision Wirklichkeit werden kann, zeigt das Greenpeace-Konzept “Energy [R]evolution“. Für die Länder der EU-27 können wir demnach bis 2050 einen Anteil von rund 90 Prozent Öko-Strom im Netz erreichen.

Was wird sich dafür verändern müssen?

Nach unserem Konzept werden etwa 70 Prozent des Stroms aus dezentraler Energieerzeugung stammen, z. B. aus Solarstrom-Anlagen auf Hausdächern oder aus Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen. Dieser Anteil wird mit rund 30 Prozent zentraler Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien zusammengeschaltet. Den größten Anteil dieser “zentralen” erneuerbaren Energie stellen Windkraftanlagen auf See (Offshore-Wind), darüber hinaus sind bis zu 10 Prozent importierter Solarstrom aus Nord-Afrika möglich.
Anders als häufig dargestellt, wird es in Zukunft nicht darum gehen entweder eine intelligente Vernetzung zwischen dezentraler und zentraler Stromerzeugung zu haben oder eine sichere Stromversorgung rund um die Uhr sicher zu stellen. Es geht darum, beides gleichzeitig zu gewährleisten.

Was muss getan werden?

Wollen wir bis 2050 rund 90 Prozent der Energie aus erneuerbaren Quellen beziehen, hält sich die Notwendigkeit für zusätzlichen Leitungsbau stark in Grenzen! In der ganzen Europäischen Union brauchen wir nur vier Prozent mehr Leitungen als heute. Parallel zum Netzausbau müssen allerdings die Erneuerbaren Energien weiter ausgebaut werden. Wir dürfen damit nicht warten, bis das Netz fertig ist.
Die Entscheidung für den Netzausbau fällt noch leichter, wenn man berücksichtigt, dass der Großteil unserer Überlandleitungen in den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts gebaut wurde und oft schon am Ende der technischen Lebensdauer ist. Der Neubau könnte daher gleich auf die Bedürfnisse von erneuerbaren Energien abgestimmt werden. Dänemark verfolgt dieses Ziel schon seit Jahren, und hat außerdem den Beschluss, bis 2030 alle Hochspannungsmasten abzubauen und stattdessen Erdkabel zu verlegen. Greenpeace unterstützt diese Forderung auf europäischer Ebene.

Was wird es uns kosten?

Greenpeace hat im April 2008 ein Konzept für die Nordsee und im November 2009 als erste Umweltschutz-Organisation ein detailliertes Netzkonzept für ganz Europa (inklusive dem Solarstromimport aus Afrika) vorgelegt. Demnach würden zwischen 2010 und 2050 Investitionskosten  beim Stromnetz von jährlich rund 5 Milliarden Euro notwendig. Pro Kilowattstunde schlägt sich das mit nur 0,15 Cent nieder. Ein Durchschnittshaushalt zahlt also 3 bis 5 Euro mehr pro Jahr. Eine Umlage auf die Netzentgelte wäre damit also vertretbar. Vorfinanzieren müssten dies die Netzbetreiber – dies ist eine lohnende Investition in Infrastruktur für den Klimaschutz.

Eine vollständige Versorgung aus erneuerbaren Energien bis 2050 ist längst kein technisches Problem mehr, sondern nur noch ein politisches. Die Umstellung auf Erneuerbare gelingt allerdings nur, wenn der Systemwechsel in der Stromversorgung konsequent verfolgt wird. Das heißt: Strom aus Kohle- und Atomkraftwerken raus, Strom aus Erneuerbaren rein ins Netz. Beides gleichzeitig schließt sich aus.
Für diesen Systemwechsel brauchen wir klare Vorrangregeln für Erneuerbare Energien im Stromnetz. Und für eine großflächige Stromversorgung aus Erneuerbaren gibt es zum Netzausbau keine Alternative.