Verhindern Sie die Vernichtung von Solararbeitsplätzen, Frau Merkel!

28. Februar 2012

Morgen wird im Bundeskabinett eine Richtungsentscheidung für oder gegen das Weiterbestehen einer der wichtigsten strategische Zukunftstechnologien des 21. Jahrhunderts getroffen: der Photovoltaik. Seit dem 1000-Dächer Programm Anfang der 90er Jahre und dem Start des Erneuerbaren Energie Gesetzes (EEG) im April 2000 hat die Bundesrepublik Deutschland einer der weltweit ambitioniertesten und erfolgreichsten Technologie-Entwicklungsprogramme für die Solarstrom-Erzeugung  durchgeführt. Ein Milliardenmarkt mit über 130.000 Arbeitsplätzen allein in Deutschland wurde geschaffen. Einer einzigartigen Erfolgsgeschichte soll nun auf Betreiben von Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) – umgesetzt vom Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) – ein jähes Ende gesetzt werden.

Wartungsarbeiten an einer 25-Kilowatt-Photovoltaikanlage auf dem Dach des Justizministeriums. Copyright: Paul- Langrock.de

Wartungsarbeiten an einer 25-Kilowatt-Photovoltaikanlage auf dem Dach des Justizministeriums. Copyright: Paul- Langrock.de

Nur etwa zwei Jahre bevor in Deutschland der Photovoltaik-Strom vom Hausdach günstiger als der Strom vom Energieversorger sein wird, soll die Technik abgewürgt werden. Denn es ist das eingetreten, was die große Stromkonzerne immer heftig bestritten haben: Solarstrom verdrängt jetzt große Kohle- und Atomkraftwerke im Netz. Damit sich zentrale Kohlekraftwerke für E.on & Co auch zukünftig lohnen, soll der mittelständischen Solarbranche der “Stecker gezogen” werden.

Sollten die Kürzungspläne tatsächlich beschlossen werden, würde sich die Installation von Photovoltaik-Anlagen für private Investoren nicht mehr rechnen. Die Folge: Der Photovoltaik-Markt in Deutschland würde zusammenbrechen. Die Hälfte der  130.000 Arbeitsplätze in den über 10.000 mittelständischen Betrieben könnte vernichtet werden. Dabei würde Deutschland sofort seine internationale Führungsrolle in der Solartechnik verlieren, was zur Folge hätte, das auch das Auslandsgeschäft der deutschen Solarbranche Schaden nehmen würde.

Internationaler Domino-Effekt

Photovoltaik steht im Ruf, eine teure Stromquelle zu sein, die zu langsam ihre Kosten senke. Diese Einschätzung ist längst von der Realität überholt worden. Das Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme teilte am Sonntag in einer Erklärung mit, dass “die Photovoltaik Branche ihre Preise innerhalb von sechs Jahren bereits um 58 Prozent gesenkt hatte”, und es daher “aus Sicht des Fraunhofer ISE ausgeschlossen ist, innerhalb weniger Monate die Preise nochmals um 32 bis 40 Prozent zu reduzieren”. Weiter heißt es in der Erklärung, dass die Einspeisevergütung wesentlich stärker reduziert werden soll, als Forschung und Industrie dies durch mögliche Kostenreduktions-Fortschritte auffangen könnten. Als Folge “müssten die Unternehmen die Anlagen sogar unter den Herstellkosten verkaufen”.

Auch für den internationalen Markt würde dies einen Domino-Effekt auslösen, denn Deutschland ist der wichtigste Einzelmarkt für die weltweite Solarindustrie:  in 2011 wurde etwa jede fünfte Solaranlage in Deutschland installiert, in der EU wurde sogar jede dritte Solaranlage in Deutschland installiert. Ein so starker Markteinbruch macht auch Herstellern aus anderen Ländern schwer zu schaffen, denn so schnell kann dieser Markteinbruch von anderen Ländern nicht aufgefangen werden. Die Folge ist eine noch größere Überkapazität der PV-Produktion, was wiederum einen weiteren Preisverfall zur Folge hat, der seinerseits die Hersteller weiter in den Ruin treibt. Minister Rösler und Röttgen wären – auch im globalen Maßstab – die Totengräber eines großen Teils der Solarindustrie.

Warum sich ausgerechnet Bundesumweltminister Röttgen von der FDP in diese energiepolitische Sackgasse treiben läßt ist unverständlich, denn er weiß um die Erfolgsgeschichte dieser Schlüsseltechnologie nur zu genau aus den Informationen seines eigenen Ministeriums.

“Notbremse” im Auftrag von E.on, RWE, Vattenfall und EnBW?

Die Photovoltaik hat vor allem in den letzten zwei Jahren eine Entwicklung hingelegt, die auch Fachleute in der Kürze der Zeit kaum für möglich gehalten hätten. In nur 24 Monaten wurden über 15.000 MW installiert – das entspricht der Leistung von 15 Kohle- oder Atomkraftwerken! An sonnigen Tagen verdrängen die seit dem Jahr 2000 installierten Solarkraftwerke bis zu 20 Atom- und Kohlekraftwerke aus dem Netz. Als Folge müssen die Großkonzerne E.on, RWE und Vattenfall ihre Großkraftwerke zurückfahren und finanzielle Einbußen in Kauf nehmen. Die Entscheidung, aus der Solarenergie auszusteigen, ist eine Richtungsentscheidung: Für zentrale Großkraftwerke und gegen dezentrale Kraftwerke in Bürgerhand und gegen Stadtwerke.

Greenpeace forderte Bundeskanzlerin Angela Merkel am Montag in einem Brief auf, den drastischen und unverhältnismäßigen Einschnitten nicht zuzustimmen und eine Kürzung von maximal 15 Prozent für alle Photovoltaik-Anlagen (beginnend am 1.7.2012) und die Beibehaltung der Vergütung für den gesamten Solarstrom zu beschließen. Ein Beschluss wie vom BMU und BMWi vorgeschlagen, hätte schwerwiegende schädliche Folgen für die deutsche Volkswirtschaft ebenso wie für die Umwelt und das Klima. Frau Bundeskanzlerin: Stoppen Sie diesen Beschluss in Ihrer Kabinettssitzung am 29. Februar!

UPDATE 29.02.2012: Das Bundeskabinett hat heute eine bis zu 30-prozentige Kürzung der Einspeisevergütung für Photovoltaik-Anlagen beschlossen. Zudem wollen Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) und Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) künftig weitere Kürzungen bei allen Erneuerbaren Energien am Parlament vorbei vornehmen können. Gesiegt haben die Lobbyisten der vier großen Stromkonzerne über zehntausend mittelständische Unternehmen. Die Bundesregierung entscheidet sich für klimazerstörende Kohlekraftwerke und gegen einen nachhaltigen und zukunftsfähigen Umbau der Stromversorgung. Bundesumweltminister Röttgen vernichtet eine Zukunftstechnik durch planlose Gesetzesänderungen und hat den Erneuerbaren Energien bereits jetzt erheblichen Schaden zugefügt. Eine weitere Aushöhlung des Erneuerbaren Energien-Gesetzes darf es nicht geben, denn dies würde das gesamte Fundament der Energiewende in Frage stellen

Der neue IPCC-Bericht unter Beschuss – weil ein Greenpeace-Angestellter Mitautor war?

22. Juni 2011

Mitte Juni hat der UN-Weltklimarat (IPCC) den Sonderbericht über Erneuerbare Energien (SRREN) veröffentlicht. Er zeigt, dass bei einem Anstieg der  Erneuerbaren Energien bis 2050 auf 77 Prozent der weltweiten Energieversorgung nur rund 2,5 Prozent des technischen Potentials genutzt werden müssen. Oder mit anderen Worten: Das Potenzial der heute auf dem Markt verfügbaren Erneuerbaren Energietechnologien reicht aus, um die Erde mehrfach vollständig mit Energie zu versorgen. Um das zu erzielen, ist eine gute Effizienzstrategie notwendig: Nicht benötigte Energie ist immer billiger als verschwendete Energie, die mit Erneuerbaren hergestellt wurde. Das sind gute Nachrichten. Doch noch bevor die Tinte richtig trocknen konnte,  wurde der über 1000 Seiten starke Bericht bereits von einigen Bloggern unter Beschuss genommen.

Wo ist der Skandal? Anscheinend die Tatsache, dass ich als Greenpeace-Mitarbeiter an dieser Studie beteiligt war. Jedenfalls meint dies der empörte Blogger Mark Lynas, der seine Infos aus einem Internetartikel bezieht – geschrieben vom bekannten kanadischen IPCC Gegner und Klima-Skeptiker Steve McIntyre. Angegriffen wird das vom IPCC erwähnte Weltenergieszenario “Energy [R]evolution”, welches von der Deutschen Luft- und Raumfahrt (DLR) im Auftrag von Greenpeace International erstellt wurde. Im Blog verunglimpft Lynas es als “Greenpeace Propaganda”.

Seine Logik: Umweltschutzorganisationen können per Definition keine wissenschaftliche Arbeit leisten – ja nicht einmal in Auftrag geben.

Herr Lynas meint, dass die Zusammenfassung des IPCC-Reports von “Greenpeace diktiert wurde”. Die Annahme zeugt von einem Mangel an Verständnis für die aufwendige Arbeit zur Erstellung eines Berichts. Davon abgesehen war ich an der Erstellung der Zusammenfassung des SRREN als Autor gar nicht beteiligt. Desweiteren war ich nur einer von mehr als 120 Autoren, von denen jeder eine sehr lange Liste von Anmerkungen und Fragen zu allem Beiträgen abarbeiten musste. Die kritischen Fragen kamen von Dutzenden von Rezensenten aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Die Idee, dass ich oder Greenpeace oder irgendeine andere Einzelpersonen diesen Prozess maßgeblich beeinflussen oder gar die Schlussfolgerungen diktieren kann, ist schlicht absurd.

Wie kommt ein Greenpeace-Mitarbeiter in ein IPCC-Autoren-Team?

Auch darauf hat Greenpeace keinerlei Einfluss, denn die Autoren werden von den jeweils beteiligten Regierungen vorgeschlagen. Ich wurde von der Bundesregierung als einer von sieben deutschen Experten vorgeschlagen.

Insgesamt waren mehr als 120 Experten an der Autorenschaft für den Sonderbericht Erneuerbare Energien beteiligt. Jeder der vier Vorentwürfe wurde durch ein umfangreiches Energieexpertenteam aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und NGOs für die Dauer von jeweils etwa sechs bis acht Wochen geprüft. Der etwa zweieinhalb Jahre laufende Prozess stellt sicher, dass alle Daten, Methoden und Schlussfolgerungen völlig transparent und für eine öffentliche Überprüfung offen sind.

Der SRREN hat 164 verschiedenen Energie-Szenarien untersucht und vier davon einer tieferen Analyse unterzogen. Ein Referenz-Szenario von der Internationalen Energie Agentur, zwei Szenarien die CCS und Atomkraftwerke als Teil der CO2-Reduktionsstrategie annahmen – beide mit unterschiedlichen Effizienz Strategien – und ein Szenario, das ausschließlich auf einem Mix aus Erneuerbaren Energien und Energieeffizienz basiert. Letzteres ist das Energy [R]evolution-Szenario, welches vom renommierten Deutschen Forschungsinstitut DLR im Auftrag von Greenpeace und dem Europäischen Dachverband der Erneuerbaren Energien errechnet wurde. Das Szenario wurde  seit 2007 insgesamt dreimal in immer größerem Umfang veröffentlicht und jede Version beim Springer Verlang in New York in Form eines wissenschaftlichen Artikels publiziert.

Die Analyse zeigt die unterschiedlichen Annahmen der Energieszenarien und unter welchen Bedingungen die jeweiligen Ergebnisse erreicht werden. Die vier ausgewählten Szenarien repräsentieren vier sehr unterschiedliche Entwicklungspfade und sind alle wissenschaftlich sehr gut dokumentiert – daher wurden diese ausgewählt.

Die kruden Verschwörungstheorien passen nicht zur Realität – aber die wird vielleicht gar nicht gesucht. Die wissenschaftliche Tatsache, dass das technische Potenzial der Erneuerbaren Energien weltweit ausreicht, um eine vollständige Energieversorgung jenseits von fossilen und atomaren Energien zu ermöglichen, scheint bedrohlich für einige Interessensvertreter.

Aberwitziges CDU-Papier zum Atomausstieg

26. Februar 2010

Schneller Verzicht auf Atomkraft unmöglich!” titelt die Bildzeitung heute einen Artikel, in dem sie aus einem Papier des CDU/CSU Fraktionsvizes und Atomlobbyisten Michael Fuchs zitiert. Das achtseitige Papier soll belegen, dass der Atomausstieg nicht möglich ist. Der Streit um die Atomkraft nimmt immer merkwürdigere Züge an.

Die Argumente sind gewohnt dünn und zeugen von wenig Sachkenntnis: So sind die darin aufgeführten Zahlen von der Jahreserzeugung von Windkraftanlagen veraltet. Es heißt in dem Papier, dass der Anteil am Nettostromverbrauch Ende 2009 6,6 Prozent betrug – richtig ist, es waren 8,63 Prozent. Außerdem wird in dem Papier verschwiegen, dass der Anteil der Erneuerbaren Energien an der Gesamtstromerzeugung Ende 2009 bereits rund 16 Prozent betrug. Atomkraftwerke hatten einen Anteil von rund 23 Prozent.

Weiter wird in dem Papier behauptet, dass der Ersatz von zwei Atomkraftwerken, die in diesem Jahr abgeschaltet werden müssten (Biblis A und Neckarwestheim), mit Erneuerbaren Energien gar nicht möglich sei. Auch hier wird verschwiegen, dass allein in der Nord- und Ostsee Baugenehmigungen für 2500 Offshore-Windkraftanlagen vorliegen. Und diese können mehr als nur zwei Atomkraftwerke ersetzen.

Die Erneuerbare-Energien-Industrie in Deutschland – die derzeit übrigens rund 10-mal soviele Arbeitsplätze als die Atomindustrie bietet – rechnet vor, dass bereits in 2020 47 Prozent des deutschen Stromes aus Erneuerbaren Energien kommen können. Dieser Wert wird schon erreicht, wenn das derzeitige Marktvolumen gehalten werden kann.

Fast alle diese Zahlen sind übrigens nachzulesen auf der Internetseite des von der CDU geführten Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit. Ja Herr Fuchs, Fakten sind wohl nicht ihre Stärke. Vielleicht, weil Sie Ihre Position als Atomlobbyist nicht untermauern können?