Tschernobyl-Sarkophag Nr. 2 – Schutzhülle der Illusionen

14. Juli 2011
Tschernobyl-Magazin

Greenpeace-Dokumentation in Tschernobyl 2011: "Der Super-GAU - eine Spurensuche"

Die Realisierung eines der spektakulärsten, aufwändigsten und kompliziertesten Bauprojekte der Menschheitsgeschichte rückt näher: Ein neuer Tschernobyl-Sarkophag kann gebaut werden. Das ukrainische Außenministerium erklärte gestern, man habe inzwischen genügend Spendenzusagen erhalten, um den Bau einer neuen Schutzhülle um das vor 25 Jahren explodierte Atomkraftwerk in Tschernobyl noch in diesem Jahr zu beginnen. Die Arbeit an dem 740 Millionen Euro teuren Projekt könne “bis 2015 abgeschlossen” sein.

Ich habe noch vor zwei Monaten den Bauplatz direkt neben dem alten maroden Sarkophag besichtigen können: Viel mehr als die Freiräumung der Fläche war da noch nicht erfolgt.

Die gestrige Ankündigung ist also endlich einmal eine gute Nachricht aus Kiew, denn wir brauchen diese Schutzhülle. Und dennoch, trotz dieser gigantischen Investitionen, trotz des hohen Aufwands und der notwendigen technologischen und architektonischen Großtaten, darf man sich einer Illusion nicht hingeben, dies sei die “Lösung des Tschernobyl-Problems”.

Warum?

  1. Die Ankündigung, man könne die Schutzhülle bis 2015 fertigstellen, ist absolut lächerlich. Niemand kann heute beantworten, wann diese Schutzhülle, die dreimal so groß werden soll wie der Petersdom in Rom, wirklich fertiggestellt wird. Probleme lauern auf Schritt und Tritt. Ein Beispiel: Woher sollen die Arbeiter kommen, die die Schutzhülle bauen sollen? Wie lässt sich ihr Schutz gewährleisten? Wie lassen sich die schwierigen Fragen der Statik beantworten? Wie soll der Antransport von riesigen Mengen Baumaterials in eine gesperrte Zone funktionieren? Reichen die Finanzmittel aus? Für dieses außergewöhnlich schwierige Projekt scheinen 740 Millionen EUR knapp bemessen, vor allem wenn man leider davon ausgehen muss, dass ein Teil der Gelder in dunklen Kanälen “versickern” wird.
  2. Die Schutzhülle bringt nicht die “Heilung” der Wunde Tschernobyl, sondern ist eher ein notwendiger frischer Wundverband. Mit der Schutzhülle kann man sich Zeit kaufen, die man dringend braucht, um zur eigentlichen Herausforderung vorzustoßen: Die Bergung des unter dem Sarkophag liegenden Kernbrennstoffs. Wird die Internationale Gemeinschaft genug Solidarität und vor allem genug Finanzmittel aufbringen, um auch bei dieser schwierigen Aufgabe die Ukraine, einen der ärmsten Staaten Europas, zu unterstützen?
  3. Gerät durch das Mammut-Projekt der Schutzhülle in Vergessenheit, dass die Opfer von Tschernobyl unsere Unterstützung am allernötigsten haben? Hunderttausende Menschen leiden täglich unter den Folgen von Tschernobyl. Zehntausende ernähren sich noch heute mit Lebensmitteln, die eine gesundheitsschädliche Strahlenbelastung aufweisen. Wo ist die ukrainische Regierung, wo ist die Geberkonferenz, die diese Probleme erkennt und diesen Menschen hilft?
Ukraine, 07.04.2011 Sarkophag des Atomkraftwerks Tschernobyl.  (c) Sabine Falkenberg/ Greenpeace

Ukraine, 07.04.2011 Sarkophag des Atomkraftwerks Tschernobyl.

Die neue Schutzhülle ist eine weitere Notlösung. Wir brauchen sie. Aber wir müssen uns gleichzeitig an den Gedanken gewöhnen, dass “wir” uns noch ein paar Jahrhunderte mit dem Tschernobyl-Problem herumschlagen müssen. Mindestens ein paar Jahrhunderte!

SPD für lahmen Atomausstieg

23. Mai 2011

In der Einladung zur SPD-Fachkonferenz am letzten Freitag hieß es “Ich lade Sie herzlich ein, sich an der Debatte mit Vertretern von Wirtschaft, Verbänden und Politik zu beteiligen. Mit freundlichen Grüßen, Sigmar Gabriel”. Der Hauptteil der Konferenz bestand dann aber darin, dass SPD-Politiker ihren eigenen Programm-Entwurf lobten. Die überlebensgroße Willy-Brandt-Skulptur in der SPD-Zentrale blickte argwöhnisch auf die Nachfolger des legendären Politikers: “Mehr Demokratie wagen” wäre heute eine gute Idee gewesen. Wortmeldungen? Unerwünscht!

So war es praktisch unmöglich zu reagieren, als Frank-Walter Steinmeier, Sigmar Gabriel und Torsten Schäfer-Gümbel vor dem “Abschalt-Daten-Inferno” oder dem Schönheits-Wettlauf warnten: Eine Debatte um das Ausstiegsjahr wollten sie tunlichst vermeiden. Vielleicht ahnen die Herren inzwischen, dass die SPD mit ihrem Ausstiegsdatum von 2020 der schwarzgelben Meinungs-Minderheit näher ist als der Bevölkerungs-Mehrheit, die jetzt – nicht überhastet, aber zügig -  endlich raus will aus der Atomkraft. Um noch einmal Willy Brandt zu bemühen: “Ein ehrgeiziges Ausstiegsdatum ist nicht alles – aber ohne ehrgeiziges Ausstiegsdatum ist alles nichts.” Und 2020 ist alles andere als ehrgeizig. Vor allem dann nicht, wenn die SPD selbst von “Beschleunigung” und Ausstieg “so schnell wie möglich” spricht.

Aus Fukushima gelernt?

Zu Recht wurde bei der Konferenz die Zwischenfrage “Was hat die SPD eigentlich aus Fukushima gelernt?” gestellt. Die Antwort von Steinmeier: “Wir brauchten gar nichts aus Fukushima zu lernen”. Klang zwar schlagfertig, war aber in der Sache falsch: Fukushima hat nicht nur neue Risiken aufgezeigt und bekannte Risiken verdeutlicht. Fukushima hat vor allem die energiepolitische Landschaft in Deutschland erschüttert und verschoben.

Der rot-grüne Atomausstieg bis 2022 ist zu einem Zeitpunkt verhandelt worden, als noch etwa die Hälfte der Deutschen für Atomkraft und die vier Atomkonzerne fast allmächtig waren – vor dem Asse-Skandal und vor Fukushima. Heute ist alles anders. Ein rascher Atomausstieg bis spätestens 2015 ist zum Greifen nahe. Wenn die SPD das nicht erkennt, verschläft sie die  politische Entwicklung. Greenpeace appelliert daher an die Partei, die Zeichen der Zeit zu erkennen und sich hinter einen Atomausstieg bis 2015 zu stellen. Zudem fordert Greenpeace die SPD auf, nicht weiter an der Erkundung Gorlebens als Atommülllager festzuhalten. Der Salzstock ist dafür geologisch nicht geeignet.

SPD immer noch Kohlepartei

Auch über ihren Schatten als “Kohlepartei” kann die SPD mit ihrem Energieprogramm nicht springen. Sie befürwortet den Neubau klimaschädlicher Kohlekraftwerke von bis zu 10.000 Megawatt (ca. 10 Großkraftwerke!). Dabei haben Berechnungen von Greenpeace (s. Energiekonzept “Der Plan“) ergeben, dass weit weniger Kohlekraftwerke benötigt werden, als derzeit bereits in Bau und Planung sind. Deshalb fordert Greenpeace die SPD auf, den Neubau von Kohlekraftwerken auszuschließen.

Weitere Irritationen über den Kohlekurs der SPD verursachte in der letzten Woche ein vertrauliches Konzeptpapier der Staatskanzleien Brandenburg (SPD-geführt), Sachsen und Sachsen-Anhalt, das bei Bundeskanzlerin Merkel für die langfristige Nutzung des Klimakillers Braunkohle werben soll. Die Nutzung der Kohle sei „ein Gebot der Stunde“ heißt es dort. Ist das die “neue Energie”, die die SPD meint? Auch verharmlost die Position zur Abspaltung und Verpressung von CO2 (CCS) die Risiken dieser Technologie. Wie das CO2 im Untergrund reagiert und ob es nicht über Risse wieder austritt, ist nicht abschätzbar. Die deutsche Versicherungswirtschaft stuft die Risiken der CO2-Verpressung als unkalkulierbar und damit als nicht versicherbar ein.

Ja, es gibt auch viele gelungene Punkte und innovative Maßnahmen im Energieprogramm der SPD, das am Sonntag, den 22. Mai im Partei-Präsidium beschlossen werden soll. Sie betreffen wichtige Aspekte des komplexen Umstiegs ins Zeitalter der Erneuerbaren. Positiv zu bewerten sind auch die Klimaschutzziele der SPD, für die sich nun auch endlich alle SPD-Politiker im Europäischen Parlament einsetzen müssten. Aber es bleibt das Unbehagen: Warum schlägt die SPD so ein lahmes Tempo beim Atomausstieg an? Warum verabschiedet sie sich nicht glaubhaft vom Mythos der “Kohlepartei”?

Wer zu spät aussteigt, den bestraft der Wähler. Und die Wählerin erst recht.

Und dann wäre da noch:

Protestaktion: Deutschland ist erneuerbar!

Deutschland ist erneuerbar

Sorgen Sie dafür, dass die Energiewende in Fahrt kommt!

So geht’s: Machen Sie mit und unterschreiben Sie unseren Appell an Bundeskanzlerin Merkel: Deutschland ist erneuerbar!

“Kameras aus, hier dürfen Sie nicht filmen”

05. April 2011

Tobias Münchmeyer berichtet von seiner Tschernobyl-Reise.

Wir fahren mit hoher Geschwindigkeit Richtung Norden. Die gelben Warnschilder “Jagen verboten, Hund an der Leine führen” fliegen an uns vorbei. Auf der Weggabelung nach Tschernobyl liegt ein riesiges Stein-Ei, 2 Meter lang, etwas bequem auf der Seite. Ein Tschernobyl-Denkmal. Von wem? Für wen? Das Ei als Symbol des Lebens? Ein Ostersymbol? Auferstehung? Oder steht es für die Egg-Heads, die bis heute versichern, wie sicher die Atomkraft ist?

(c) Alexej Akulow - Der SarkophagDie Kontrolle geht schnell und wir sind in der “Zone”. Das ZDF-Team ist erfahren. Jeder von uns war schon einige Male in Tschernobyl. Kurzer Stopp bei der Agentur Tschernobylinform. Ich ziehe meine staubabweisende Schutzkleidung an. Wir treffen auf ein japanisches Filmteam. Der Kameramann bittet: “Stay like this, stay likes this, pleeeaase, just for moment!”. Er filmt den Greenpeace-Schriftzug auf meinem Rücken. Weiter geht es in den “Roten Wald”. Aussteigen. Kontaminationsmesser und Geigerzähler rauschen. 13 Mikrosievert pro Stunde. Plötzlich sind diese Zahlen viel greifbarer als vor Fukushima. Unzählige Berichte und Interviews machen diese Zahl so griffig, als wenn mir jemand eine Temperatur nennen würde: “25 Grad Celsius” oder “minus 4 Grad Celsius”: Man weiß, wie sich das anfühlt. 13 Mikrosievert pro Stunde, über hundertfache Hintergrundstrahlung, lange sollte man da nicht herumstehen.

Pieter Breughel (der Ältere): "Winterlandschaft mit Eisläufern und Vogelfalle" (1565)Am Verwaltungsgebäude vorbei geht der Weg parallel zum Kühlwasserkanal. Auf der blauen Brücke stehen häufig Männer und füttern mächtige Fische (Welse?) mit Brotresten. Jetzt ist alles zugefroren. Eine perfekte Eisfläche, die Märzsonne spiegelt sich kalt. Wie eine kleine Fata Morgana legt sich Pieter Breughels “Winterlandschaft mit Eisläufern” über die Szenerie. Sie passt perfekt. Das Licht, die Perspektive, aus der ich auf die Eisfläche blicke, das Schilf und die Bäume am Rande. Ich schließe kurz die Augen und höre Kinderrufe, das Schrappen von scharfen Kufen, Hockey-Schläger-Holz auf Eis geschlagen, läutende Kirchenglochen, Torjubel, Krähengesang. “Kameras aus. Hier dürfen Sie nicht filmen”, schnarrt unser Fremdenführer. Ich öffne die Augen, es ist still, das Eis ist leer und Breughel ist weit weit weg.

Das Dörfchen Tschernobyl auf dem Rückweg. “KAFE BAR” steht an einer Scheibe geschrieben. Es gibt wohl bessere Orte für ein Café als diesen. Ein Park wird gebaut mitten in Tschernobyl. Bänke werden aufgestellt. Jedes Café-Schild – jede Parkbank, jede Alltäglichkeit wird zum makabren Scherz, als wenn Tschernobyl ein großes rotes Minuszeichen wäre, das den größten Gewinn in einen riesigen Verlust verkehrt.

Die radiologische Endkontrolle am Checkpoint “Ditjatki”. Man steigt in einen Kasten, legt beide Handflächen auf eine Plastikfolie und wartet. Nach 10 Sekunden ertönt ein Piepen und ein Licht geht an. Die grüne Lampe trägt die Aufschrift “sauber”, die rote Lampe die Aufschrift “dreckig”. Nicht sehr differenziert und vertrauenswürdig. Das Licht leuchtet für mich und ich bekomme kurz einen Schrecken: Die Lampen sind so schlecht montiert, dass nicht ganz klar ist, welche nun leuchtet, grün oder rot. Ich schmunzele etwas bitter, entscheide mich für “sauber”, gehe durch und freue mich auf die Heimfahrt nach Kiew.