Die Realisierung eines der spektakulärsten, aufwändigsten und kompliziertesten Bauprojekte der Menschheitsgeschichte rückt näher: Ein neuer Tschernobyl-Sarkophag kann gebaut werden. Das ukrainische Außenministerium erklärte gestern, man habe inzwischen genügend Spendenzusagen erhalten, um den Bau einer neuen Schutzhülle um das vor 25 Jahren explodierte Atomkraftwerk in Tschernobyl noch in diesem Jahr zu beginnen. Die Arbeit an dem 740 Millionen Euro teuren Projekt könne “bis 2015 abgeschlossen” sein.
Ich habe noch vor zwei Monaten den Bauplatz direkt neben dem alten maroden Sarkophag besichtigen können: Viel mehr als die Freiräumung der Fläche war da noch nicht erfolgt.
Die gestrige Ankündigung ist also endlich einmal eine gute Nachricht aus Kiew, denn wir brauchen diese Schutzhülle. Und dennoch, trotz dieser gigantischen Investitionen, trotz des hohen Aufwands und der notwendigen technologischen und architektonischen Großtaten, darf man sich einer Illusion nicht hingeben, dies sei die “Lösung des Tschernobyl-Problems”.
Warum?
- Die Ankündigung, man könne die Schutzhülle bis 2015 fertigstellen, ist absolut lächerlich. Niemand kann heute beantworten, wann diese Schutzhülle, die dreimal so groß werden soll wie der Petersdom in Rom, wirklich fertiggestellt wird. Probleme lauern auf Schritt und Tritt. Ein Beispiel: Woher sollen die Arbeiter kommen, die die Schutzhülle bauen sollen? Wie lässt sich ihr Schutz gewährleisten? Wie lassen sich die schwierigen Fragen der Statik beantworten? Wie soll der Antransport von riesigen Mengen Baumaterials in eine gesperrte Zone funktionieren? Reichen die Finanzmittel aus? Für dieses außergewöhnlich schwierige Projekt scheinen 740 Millionen EUR knapp bemessen, vor allem wenn man leider davon ausgehen muss, dass ein Teil der Gelder in dunklen Kanälen “versickern” wird.
- Die Schutzhülle bringt nicht die “Heilung” der Wunde Tschernobyl, sondern ist eher ein notwendiger frischer Wundverband. Mit der Schutzhülle kann man sich Zeit kaufen, die man dringend braucht, um zur eigentlichen Herausforderung vorzustoßen: Die Bergung des unter dem Sarkophag liegenden Kernbrennstoffs. Wird die Internationale Gemeinschaft genug Solidarität und vor allem genug Finanzmittel aufbringen, um auch bei dieser schwierigen Aufgabe die Ukraine, einen der ärmsten Staaten Europas, zu unterstützen?
- Gerät durch das Mammut-Projekt der Schutzhülle in Vergessenheit, dass die Opfer von Tschernobyl unsere Unterstützung am allernötigsten haben? Hunderttausende Menschen leiden täglich unter den Folgen von Tschernobyl. Zehntausende ernähren sich noch heute mit Lebensmitteln, die eine gesundheitsschädliche Strahlenbelastung aufweisen. Wo ist die ukrainische Regierung, wo ist die Geberkonferenz, die diese Probleme erkennt und diesen Menschen hilft?
Die neue Schutzhülle ist eine weitere Notlösung. Wir brauchen sie. Aber wir müssen uns gleichzeitig an den Gedanken gewöhnen, dass “wir” uns noch ein paar Jahrhunderte mit dem Tschernobyl-Problem herumschlagen müssen. Mindestens ein paar Jahrhunderte!















