Pyhäjoki wehrt sich gegen E.ONs Atompläne

27. August 2012

Sollte Eon-Chef Johannes Teyssen gehofft haben, die Post aus dem Norden Finnlands komme vom Weihnachtsmann, wurde er leider enttäuscht. Der offene Brief kommt aus dem Dorf Pyhäjoki, welches zwar gar nicht so weit weg von Santa Claus Wohnort liegt, aber mit ganz anderen Problemen zu kämpfen hat als der termingerechten Auslieferung von Geschenken. In Pyhäjoki soll ein Atomkraftwerk gebaut werden und Eon ist dafür verantwortlich.

Geschrieben wurde der Brief von der Bürgerinitiative Pro Hanhikivi, einem Verein der sich 2007 in Pyhäjoki gründete und mittlerweile über 300 Mitglieder hat. Die Initiative hat sich zum Ziel gesetzt, ihre Heimat gegen das geplante Atomkraftwerk zu verteidigen. Und der Widerstand zeigt Wirkung: Vor wenigen Wochen musste der Baubeginn für das Kraftwerk von Ende dieses Jahres auf 2014 verschoben werden. Grund waren die vielen Einwände durch die Initiative gegen die Änderung des Landnutzungsplans. Selbstbewusst schreibt die Initiative deshalb im offenen Brief:

Bislang hat das Unternehmen noch keine Genehmigung von der finnischen Regierung für den Bau des Reaktors erhalten. Ob je alle Genehmigungen erteilt werden, ist zudem fraglich. Herr Dr. Teyssen, wir fordern Sie auf, aus dem Atom-Projekt in Pyhäjoki auszusteigen. Dies wäre ein Gewinn sowohl für unsere Region als auch für Ihr Unternehmen.
Sie selbst haben auf der E.ON Hauptversammlung 2012 von den stetigen Zuwächsen der Erneuerbaren Energien gesprochen und erklärt, dass Ihre Unternehmensstrategie im Einklang mit der Energiewende in Deutschland stehe. Wir wollen Sie ermutigen diesen Weg weiterzugehen! [...] Wir werden jedenfalls nicht tatenlos zusehen, wie unsere Heimat zerstört wird, sondern sind bereit, sie zu verteidigen.

Den kompletten offenen Brief findet ihr hier:Offener Brief an EON

Ein deutsches Atomkraftwerk in Finnland?

07. Mai 2012

“Das ist verrückt! Hier kann man doch kein Atomkraftwerk bauen.” Prof. Jouko Korppi-Tommola wendet seinen Blick vom Fenster und sieht mich entsetzt an. Wir sitzen in einem Minibus und links und rechts ist schon seit gut einer halben Stunde nur eine bewaldete Moorlandschaft zu sehen. Vor allem Birken schaffen es, in dieser feuchten Gegend zu wachsen. Dazwischen große, von den Eiszeiten rundlich geschliffene Vulkanfelsen, die an den Rändern mit Moos und Blaubeeren bewachsen sind. Ein kleines Stück Wildnis, nahezu unberührt von den Menschen. Wir sind in Finnland, genauer in Pyhäjoki, wo E.on ein Atomkraftwerk bauen will.

Moor, Copyright: Tobias RiedlProf. Jouko Korppi-Tommola war, ebenso wie ich, einer der Referenten bei den Hanhikivi Days, einer Anti-Atomveranstaltung in Pyhäjoki. Er arbeitet an der Universität in Jyväskylä an der Entwicklung von Solarzellen. Neben Fachvorträgen zu Atom- und Energiefragen gab es ein breites Kulturprogramm. Bekannte Künstler aus ganz Finnland sind in den Norden gereist, um den lokalen Widerstand zu unterstützen. Außerdem wurden Exkursionen zu dem Ort des geplanten Reaktors durchgeführt.

Ich steige aus dem Bus und wandere mit den Anderen auf einem kleinen Pfad in Richtung Ostsee. Immer wieder müssen wir über dicke Holzbohlen laufen – wegen des moorigen Untergrundes. Dass dieses Atomkraftwerkprojekt wirtschaftlicher Irrsinn ist, ist schon schlimm genug. Aber wie kommt man auf die Idee, ein Atomkraftwerk in einen Sumpf bauen zu wollen? Mir dämmert, wie massiv und wahnsinnig aufwendig die Bauarbeiten sein werden. Unendlich viel Boden muss antransportiert werden, um das ganze Gebiet mehrere Meter hoch zuzuschütten. Außerdem soll um den Nuklearkomplex eine gewaltige Infrastruktur entstehen, mit eigenem Hafen, Straßen und Pipelines, die weit in die Ostsee ragen.

Schließlich ist der Wald zu Ende und ich erblicke die Ostsee. Ein flacher Strand mit kleinen Buchten zwischen Findlingen. Man kann sich sofort vorstellen, wie herrlich es hier im Sommer ist. Direkt am Meer stehen vereinzelt kleine Holzhütten auf den aufragenden Felsen. Genau hier soll der Hafen entstehen und die Abwasser-Pipeline des Reaktors. Die Idylle wäre zerstört.

Am Sonntag, zum Abschluss der “Hanhikivi Days”, waren rund 50 Menschen aus der Umgebung zu einem Gottesdienst am Strand zusammengekommen. Während der Predigt ringen viele mit ihren Tränen. Mir wird klar, wie sehr die Menschen an diesem Stück Natur hängen und dass sie bereit sind, ihre Heimat zu verteidigen. Herr Teyssen, der Vorstandsvorsitzende von E.on,  wird Menschen brechen müssen, wenn er dieses Atomkraftwerk haben will.

Neue Studie zeigt: Fukushima-Strahlung noch höher als angenommen

04. November 2011

Wie der Spiegel am 28. Oktober berichtete, zeigt eine neue detaillierte Studie, dass bei der Reaktorkatastrophe in Fukushima weit mehr Radioaktivität freigesetzt wurde als bislang bekannt war. Das Forscherteam ermittelte, dass 42 Prozent der Menge an radioaktivem Cäsium 137 im Vergleich zur Atomkatastrophe in Tschernobyl bislang in die Umwelt gelangt ist.

Welche gesundheitlichen Folgen diese große Freisetzung für die Menschen in Japan haben wird, ist bislang kaum abzusehen. Klar ist allerdings, dass die Auswirkungen für Jahrzehnte andauern werden: Cäsium hat eine Halbwertszeit von über 30 Jahren und reichert sich im Boden an. Es besteht daher die Gefahr, dass nicht nur durch das Einatmen die Partikel aufgenommen werden, sondern die gefährlichen radioaktiven Teile auch in die Nahrung gelangen. Das Isotop kann Krebs auslösen.

Vergleicht man die Freisetzungen in Fukushima mit dem Inhalt des anstehenden Atommülltransports aus La Hague nach Gorleben, wird einem schnell klar, welch unglaublich gefährliche Fracht hier transportiert wird: Jeder der elf Castoren enthält rund das Vierfache dessen, was an Cäsium 137 bislang in Fukushima in die Umwelt gelangt ist.