Klimaschutz mit Augenmaß – Atomausstieg 2015

08. April 2011

Solidarität ist eine Haltung der Verbundenheit oder, wie der Duden schreibt, ein „unbedingtes Zusammenhalten“. „Die Welt braucht Atomkraft, um den Klimawandel zu bekämpfen“. So in etwa wurde Sarkozy vergangene Woche bei seinem „Solidaritätsbesuch“ in Japan zitiert. Ob Sarkozy in diesem Moment als Botschafter der französischen Bevölkerung gesprochen hat oder sich mit der Atomlobby solidarisch zeigen wollte, darüber darf spekuliert werden.

In Deutschland ist man schon einen kleinen Schritt weiter. Bundeskanzlerin Merkel wünscht sich eine “Energiewende mit Augenmaß” und ihr Chefberater Hans Joachim Schellnhuber lässt verlauten, dies sei bis zum Jahr 2020 hinzubekommen.

„Wir reden”, erklärt Schellnhuber, “nicht über kosmetische Reparaturen am gemeinsamen Haus der Menschheit, sondern über eine Nachhaltigkeitsrevolution.”

Richtig. Während Herr Sarkozy noch vollkommen im Dunkeln tappt, ist man im Hause Merkel auf gutem Wege. Doch einen wirklichen Plan hat scheinbar keiner der beiden.

Dabei gibt es den Plan. Schon 2009 hat Greenpeace „Energiekonzept: Plan B 2050“ herausgebracht – und damit sozusagen eine Steilvorlage für Schellnhubers „Nachhaltigkeitsrevolution“ geliefert. Das Dokument ist seitdem öffentlich und jedem verfügbar, Frau Merkel hätte einfach nur zugreifen müssen und loslegen können. Im „Plan B“ hätte sie Antworten gefunden, wie sich bis 2015 aus der Atomkraft aussteigen und gleichzeitig der Klimaschutz befördern lässt. Die Kanzlerin hatte vermutlich Besseres zutun. Oder wie ließe sich sonst erklären, dass auch heute noch von einem Ausstieg 2020 gesprochen wird? Oder vor weniger als neun Monaten eine Laufzeitverlängerung beschlossen wurde, weil dies angeblich die besten Effekte für das Klima habe?

Auch wenn Frau Merkel herumgetrödelt hat und seit der Veröffentlichung von „Plan B“ bald zwei Jahre vergangen sind: Der Atomausstieg bis 2015 ist immer noch möglich. Deutschland kann die dank Moratorium abgeschalteten Schrottmeiler gleich vom Netz lassen. Die werden nicht mehr gebraucht. Nie wieder. Und noch eine gute Nachricht: JA, Klimaschutz UND ein Ausstieg aus der Atomenergie sind möglich.

Am Dienstag wird Greenpeace eine überarbeitete Version von Plan B vorstellen – Den Plan – basierend auf aktuellen Fakten und neuesten Berechnungen zur Energierevolution. Darin wird dargestellt, wie eine Laufzeitverkürzung für AKW den Klimaschutz sogar befördern kann.

Atomkraftwerke sind zu unflexibel, um auf die schwankende Einspeisung von Wind- und Solarstrom zu reagieren – somit als „Brückentechnologie“ ungeeignet. Mit Erdgas ließe sich eine stabilere Brücke bauen. Denn klar ist, dass Atomenergie nicht durch klimaschädliche Kohlekraftwerke ersetzt werden darf.

Investitionen in neue Gaskraftwerke, Kraft-Wärme-Kopplung und Erneuerbare Energien sind nötig. Die neun derzeit stillgelegten Meiler können problemlos abgeschaltet bleiben, weil der bestehende Kraftwerkspark enorme Überkapazitäten und Reserven vorweist. Innerhalb der nächsten fünf Jahre werden außerdem rund 20 neue Erdgaskraftwerke und 10 Windparks ans Netz gehen. Bis 2020 werden im Bereich Erneuerbarer Energien zusätzliche Kapazitäten von über 30 Gigawatt (GW) Solarstrom- und 20 GW Windenergie-Leistung entstehen. Problematisch ist, dass in den Jahren 2011 und 2012 vier neue Kohlekraftwerke ans Netz gehen. Dabei werden weit weniger dieser CO2-Schleudern benötigt, als sich zur Zeit im Bau befinden. Ab 2013 und verstärkt ab 2016 ließen sich alte Kohlekraftwerke vorzeitig abschalten – wenn zuvor in klimafreundlichere Kraftwerkszubauten investiert würde.

Fakt ist, Deutschland kann seinen Ausstoß schädlicher Klimagase bis 2020 um 46 Prozent gegenüber 1990 reduzieren. Bundeskanzlerin Merkel muss jetzt handeln und zeigen, wie es geht. Vielleicht geht dann auch Herrn Sarkozy ein Licht auf.

And the Loser is…: “Klimakiller des Tages”

18. Dezember 2009

Heute waren erneut zwei Klimakiller-Awards zu vergeben. Einen hat Neuling Australien verliehen bekommen, den anderen ein alter Bekannter…

(c) Rolf Zoellner / Greenpeace - Klimakiller des Tages vom 18.12.2009, Preisträger: Australien

(c) Rolf Zoellner / Greenpeace - Klimakiller des Tages vom 18.12.2009, Preisträger: Australien

Zunächst fahren wir heute vormittag zur australischen Botschaft. Unser Fotograf freut sich noch über die Fotomöglichkeiten vor der spiegelnden Glasfassade, dann geht’s schnell rein ins Warme. Eine Empfangsdame begrüßt uns mit der anscheinend obligatorischen Hektik, aber zumindest können wir mit unserem Award im Foyer des Gebäudes stehen bleiben. Nach einer Weile erscheint der Pressesprecher des Botschaft. Der Mann macht schnell deutlich, worin seine Hauptsorge besteht:

„Was zum Teufel sollen wir mit dem Topf anstellen?“

Komisch, bei der Oscar-Verleihung kommt nie jemand auf die Idee zu fragen, was mit der Statue anzustellen sei. Der Erklärung, wie Australien zu der zweifelhaften Ehre gekommen ist, mag der Herr Pressesprecher zunächst nicht so recht Beachtung schenken: Australien hat bei den gestrigen Verhandlungen massiven Druck auf die Pazifikinseln, darunter das kleine Tuvalu ausgeübt, damit diese Länder ihre Position „überdenken“. Tuvalu und andere Pazifikstaaten bestehen nämlich darauf, dass der Temperaturanstieg gegenüber vorindustriellen Zeiten nicht mehr als 1,5 Grad betragen darf. Für diese Länder geht es ganz konkret um die eigene Haut: Wenn der Meeresspiegel über ein bestimmtes Level steigt, werden sie einfach vom Wasser verschluckt.

Immerhin: Die australische Botschaft ist die erste, die sich bereit erklärt, unseren Award auch jenseits der Sicherheitsschranken entgegen zu nehmen. Corinna und ich dürfen den Preis in die Ecke des Empfangszimmers stellen.
Später sind werden wir dann erneut bei der kanadischen Botschaft vorstellig. Trauriger Grund für den Klimakiller-Award dieses Mal: In Kopenhagen hat Kanada heute nicht bloß den „Fossil of the Day“ verliehen bekommen – wie bereits zwei Mal in den letzten Wochen – sondern gleich den „Fossil of the Year“. Die Begründung der Jury: Die kanadische Delegation ist mit einer von vorne bis hinten unzureichenden Position nach Kopenhagen gereist. Kanadas CO2-Reduktionsziele für das Jahr 2020 gehören zu den schlechtesten aller Industrienationen und selbst diese lausigen Ziele könnten noch unerreicht bleiben – falls der Emissionsrechtehandel in Kraft tritt, den die kanadische Regierung derzeit ausbaldowert.

Von uns bekommt die kanadische Botschaft dafür einen extragroßen Klimatopf ins Foyer gestellt.

(Benjamin Borgerding)

Überblick: Folgende Nationen haben sich den Award bisher verdient

Datum Klimakiller des Tages Begründung
07.12.2009 Österreich Österreich will die EU-Emissionsziele unterlaufen, indem es die EU-Bestimmungen zu Wäldern als CO2-Senken zu eigenen Gunsten manipuliert.
08.12.2009 Ukraine Die Ukraine möchte die CO2-Bilanz gegenüber dem Niveau von 1990 um nur 20 Prozent nach unten korrigieren, was einer 75-prozentigen Anhebung gegenüber dem jetzigen Niveau entspricht.
09.12.2009 Kanada Kanada fordert ein “zeitgemäßeres” Referenzjahr als 1990 zur Erhebung der CO2-Reduktionsziele, also ein Jahr mit höheren Emissionswerten.
10.12.2009 Polen Polen blockiert eine Anhebung der europäischen CO2-Reduktionsziele von 20 auf 30 Prozent bis zum Jahr 2020.
11.12.2009 Kanada Kanada möchte das Kyoto-Protokoll als Verhandlungsgrundlage abschaffen
12.12.2009 Japan Japan verweigert die Zustimmung für eine weitere Verpflichtungsperiode des Kyoto-Protokolls
14.12.2009 USA Die USA möchten bis zum Jahr 2020 nur lächerliche 4 Prozent CO2-Emissionen gegenüber 1990 erreichen.
15.12.2009 USA Die USA weigern sich, Maßnahmen zur Reduzierung von Emissionen aus Luft- und Schifffahrt in das Kopenhagen-Abkommen zu integrieren
16.12.2009 USA Die USA möchten anstelle verbindlicher CO2-Reduktionsziele ein “X%” in den Text einsetzen. “X%” würde die freiwillige Zusicherung an den jeweiligen CO2-Einsparungen der am Abkommen beteiligten Ländern bezeichnen.
17.12.2009 Australien Australien drängt die pazifischen Inselstaaten dazu, die eigene Verhandlungsposition aufzuweichen. Staaten wie Tuvalu fordern, dass die Zunahme des globalen Temperaturmittels gegenüber vorindustriellen Zeiten nicht um mehr als 1,5 Grad zunehmen darf.
18.12.2009 Kanada Kanada erhält den “Fossil of the Year” für seine kümmerlichen CO2-Reduktionsziele und die miserablen Verhandlungsprämissen, mit denen das Land nach Kopenhagen gekommen ist.
© Rolf Zoellner/Greenpeace - Klimakiller Nummer III für die USA

Klimakiller Nummer III für die USA

Aller schlechten Dinge sind drei

17.12.2009

Es sind besorgniserregende Nachrichten, die aus dem Bella Center in Kopenhagen an die Öffentlichkeit dringen. Die UN-Klimakonferenz steckt offenbar knietief in einer Verhandlungskrise. Das bestätigte heute auch Kanzlerin Angela Merkel in ihrer Regierungserklärung vor dem deutschen Bundestag. Maßgeblich Schuld an der Krise tragen die USA. Gestern empörte das Land mit der grotesken Forderung, statt verbindlicher Reduktionsziele ein ominöses „X%“ in den Verhandlungstext einzusetzen. Dieses „X%“ solle für die freiwilligen Zusicherungen der am Abkommen beteiligten Länder stehen.

Das ist ungefähr so dreist, wie ein Arbeitgeber, der seinem Angestellten einen Arbeitsvertrag vorlegt, in dem offen bleibt, welches Gehalt am Monatsende gezahlt wird.

Zum dritten Mal in Folge (!) hat das Land deswegen gestern abend in Kopenhagen den „Fossil of the Day“ verliehen bekommen. Mit unserem “Klimakiller des Tages” stehen wir heute erneut auf dem Pariser Platz vor der amerikanischen Botschaft. Ähnlich trostlos wie das amerikanische Engagement in Kopenhagen die Szenerie vor Ort: Dem norwegischen Weihnachtsbaum auf dem Platz fehlen schon einige Äste, die Beleuchtung funktioniert nur noch unvollständig. Eine Gruppe von Vorschulkindern sitzt vor der Tanne und hat rot-weiße Mützen auf. Die Kids werden von einem Weihnachtsmann mit Berliner Dialekt in Position gestellt, auf dass die Betreuer ihre Erinnerungsfotos machen können. “Cheeeeese” schallt es zwischen falschen Bärten und warmen Schals hervor. Es ist kalt, Klimawandel und Erderwärmung scheinen weit weg an diesem Morgen in Berlin.

Keine 50 Meter von diesem friedlichem Bild entfernt brodelt es dampfend aus unserem Topf. Darin liegt eine Erdkugel. Die Kontinente verschwinden immer wieder unter dem Trockeneisnebel.

Wir tragen den Preis  zur Botschaft. Dort hat das Sicherheitspersonal bereits eine gewisse Routine im freundlichen Abbürsten von Greenpeace-Klimaexperten entwickelt. Das Ende vom Lied: Die Botschaftsangestellte eilt wieder in ihr Büro und wir lassen den Topf vor der Tür stehen.

Wir hoffen, dass der offene Brief, den Greenpeace-Chef Kumi Naidoo heute an US-Präsident Obama geschickt hat, auch von den Vertretern der Botschaft gelesen wird. Es ist ein Apell an die Ideale, für die Obama vor etwas mehr als einem Jahr angetreten ist. Naidoo stellt fest, dass Krise weit mehr ist als eine politische Krise: Wenn kein Klimaabkommen zu Stande kommt, bedeutet dies für viele Mensch eine existenzielle Bedrohung. Diese abzuwenden ist keine politische Entscheidung, sondern eine moralische Verpflichtung.

(Björn Jettka, Benjamin Borgerding)

Once more with feeling, Glückwunsch USA!

16.12.2009

© Rolf Zoellner/Greenpeace - Die USA haben sich den Klimakiller ein zweites Mal verdient.

Die USA haben sich den Klimakiller ein zweites Mal verdient.

Welch ein Glück, dass mein Kollege Tobias aus der Politischen Vertretung von Greenpeace in Berlin so gute Kontakte hat. Nachdem wir gestern abend erfahren haben, dass in Kopenhagen schon wieder die US-Delegation mit dem “Fossil of the Day” ausgezeichnet wurde, hat er schnell eine E-Mail an den in der amerikanischen Botschaft für Klimaschutz zuständigen Diplomaten geschrieben und um ein kurzes Treffen zur Übergabe des “Preises” gebeten.
Heute morgen erhalten wir die Bestätigung für den Empfang. Allerdings dürfen nur Tobias und ich in die Botschaft. Die anderen Greenpeacer und unser Pokal müssen draußen vor der Botschaft bleiben – genau wie meine Wasserflasche und unsere Mobiltelefone. Das Sicherheitslevel hier steht dem in Flughäfen in nichts nach.
Zwei Diplomaten holen uns am Eingang ab und laden uns erst einmal zu einer Tasse Kaffee ein. Nach höflichem Smalltalk, wie schön es doch sei, dass Tobias mal wieder Zeit für einen Besuch gefunden habe, waren die beiden dann doch neugierig, wie die USA tatsächlich zu der “Ehre” gekommen sind. Das haben wir ihnen natürlich gerne erklärt:
Amerika ist das einzige Industrieland, das Maßnahmen zur Reduzierung von Emissionen aus Luft- und Schifffahrt ablehnt. Dabei hätte die Integration von Schiffs- und Flugverkehr in das Kopenhagener Klimaabkommen gleich zwei positive Effekte: Die Emissionen aus einer der weltweit am schnellsten wachsenden Quellen würden begrenzt und es könnten zusätzliche Gelder für Klimaschutz generiert werden, z.B. über die Einbindung von Luft- und Schifffahrt in den Emissionshandel.
Diese Gelder könnten in einen internationalen Fond für Klima- und Urwaldschutz in Entwicklungsländern fließen. Man könnte durch diese als “bunker finance” bezeichneten Maßnahmen also ganz einfach Gelder gewinnen, die dann den Ärmsten der Armen in ihrem Kampf gegen den Klimawandel helfen könnten. Doch das will Amerika nicht. Da fragt man sich doch: Repräsentieren die Delegierten in Kopenhagen die Interessen ihres Volkes oder die der Kohle- und Öl-Lobby?
Die US-Diplomaten haben sich unsere Argumentation aufmerksam angehört und uns in vielen Punkten auch recht gegeben. Trotzdem haben sie natürlich immer wieder versucht, ihre Regierung in Schutz zu nehmen. Doch was hilft es uns, wenn die Amerikaner erst in 50 Jahren bereit für saubere Technologien und ehrgeizige Klimaschutzziele sind? Das Gespräch war sehr nett und der Kaffee sehr lecker, aber in der Sache ändert das natürlich gar nichts:
Das Abkommen muss jetzt beschlossen werden! Ich hoffe, dass die Amerikaner in den nächsten Tagen noch die Kurve kriegen und alles in ihrer Macht stehende tun und endlich ehrgeizige Reduktionsziele und Geld für Klimaschutz auf den Tisch legen. Wenn das nicht geschieht, dann stehen wir womöglich morgen schon wieder vor der Tür der amerikanischen Botschaft am Brandenburger Tor und vielleicht auch anderswo…

(Anike Peters)

Schlechter Verlierer: Amerika

15.12.2009

Voller Vorfreude machten wir uns heute mittag auf den Weg zur amerikanischen Botschaft: Darauf, dass die USA den “Klimakiller des Tages” bekommt, hatten wir schon lange gewartet. Schließlich sind die USA der Klimakiller schlechthin. Kaum ein Land verhält sich so klimaschädlich wie die Vereinigten Staaten und steht gleichzeitig Veränderungen so ablehnend gegenüber.

(c) Rolf Zöllner / Greenpeace - Greenpeace-Aktivisten überreichen am 15.12.2009 den "Klimakiller des Tages" an der amerikanischen Botschaft in Berlin

(c) Rolf Zöllner / Greenpeace - Greenpeace-Aktivisten überreichen am 15.12.2009 den "Klimakiller des Tages" an der amerikanischen Botschaft in Berlin

Die amerikanischen Verhandler zeigen momentan wenig Bereitschaft, sich für den Klimaschutz einzusetzen: Amerika ist lediglich zu einer Treibhausgasreduktion von lächerlichen vier Prozent bis 2020 im Vergleich zu 1990 bereit. Klimawissenschaftler fordern zehnmal mehr. Dazu kommt, dass Amerika bislang keinerlei Zusagen zur langfristigen Finanzierung von Klimaschutz in Entwicklungsländern gemacht hat – ein Knackpunkt bei den Verhandlungen in Kopenhagen. Jede Menge Gründe also für den Klimakiller-Award.

Unseren Besuch bei der Botschaft hatten wir gestern abend per Fax angekündigt. Darin habe ich freundlich um ein Gespräch und die Entgegennahme des Preises gebeten. Als wir jedoch an der amerikanischen Botschaft, die direkt neben dem Brandenburger Tor am Pariser Platz liegt, ankamen, wusste der Security-Mann erstmal von nix. Auf meine Bitte hin, dass wir zu einem Repräsentanten vorgelassen werden, der den Award in Empfang nimmt, hielt er immerhin mit seinen Kollegen Rücksprache. Doch dann waren sich die Security Männer schnell einig, dass sie uns weder Zutritt zur Botschaft gewähren noch uns den Preis abnehmen werden. Aber auch daran, dass wir unsere “kochende Erde” einfach vor der Botschaft stehen lassen, wollten sie uns hindern.

(c) Rolf Zöllner / Greenpeace - Zwei Polizisten entsorgen den "Klimakiller des Tages"

(c) Rolf Zöllner / Greenpeace - Zwei Polizisten entsorgen den "Klimakiller des Tages"

Die permanent vor der amerikanischen Botschaft abgestellten deutschen Polizisten, die das Geschehen mit großem Interesse verfolgten, haben sich dann gerne bereit erklärt zu helfen: “Wenn Sie den Pokal hier stehen lassen, dann müssen wir Sie leider festnehmen”. Diese Drohung hat uns jedoch nicht sonderlich beeindruckt. Das hat auch der Herr Wachtmeister gemerkt und pragmatisch wie unser Freund und Helfer so ist, hat er selbst Hand angelegt und den Klimakiller-Preis gewissermaßen stellvertretend für die USA in Empfang genommen und mit einem Kollegen hinfort  getragen.

Ich bin gespannt, was die Übergabe morgen für Überraschungen für uns bereit hält.

(Anike Peters)

Kein Kopenhagen ohne Kyoto!

14.12.2009

Es ist Montagmorgen in Berlin und saukalt. In Kopenhagen ist man übers Wochenende nicht untätig geblieben und hat am Freitag- und am Samstagabend zwei neue “Fossil of the Day” verliehen. Deshalb sind wir in der deutschen Hauptstadt unterwegs zu den zwei neuen Preisträgern unseres Klimakiller-Awards.

(c) Rolf Zöllner / Greenpeace - Mit dem Klimakiller des Tages vor der kanadischen Botschaft

(c) Rolf Zöllner / Greenpeace - Mit dem Klimakiller des Tages vor der kanadischen Botschaft

Am Freitagabend war in Kopenhagen erneut Kanada an der Reihe. Anstatt konstruktiv an einem Abkommen mitzuarbeiten, schlägt Kanada allen Ernstes vor, das Kyoto-Protokoll als Verhandlungsgrundlage außer Kraft zu setzen. Offenbar hat sich Kanada ganz fest vorgenommen in Kopenhagen möglichst unangenehm aufzufallen. Bereits letzten Donnerstag haben wir an der kanadischen Botschaft am Leipziger Platz einen unserer Anti-Preise verliehen – dafür, dass Kanada das CO2-Referenzjahr 1990 durch ein „zeitgemäßeres“ Jahr eintauschen möchte.

In der kanadischen Botschaft gibt es ein Wiedersehen mit Scherzkeks Josh. Er begrüßt uns mit einem süffisanten „Excellent!“ und klatscht in die Hände. Andrea, unsere Greenpeace-Kampagnerin, bittet ihn, den Botschafter oder einen Verantwortlichen für Umweltfragen herbeizurufen, weil er selbst sich dafür offenbar nicht interessiere. Da erklärt Josh kleinlaut, diese seien heute alle nicht im Haus, aber er nehme unser Anliegen selbstverständlich ernst. Plötzlich wirkt er unsicher, fast schon eingeschüchtert und versichert, die ihm ausgehändigte Urkunde an die kanadische Regierung weiterzugeben. Sehr brav.

Als nächstes machen wir uns auf in Richtung Tiergarten. Das Ziel: Die japanische Botschaft. Auch Japan hat sich bei den Verhandlungen am Freitag nicht gerade mit Ruhm bekleckert und erhielt am Samstagabend dafür den “Fossil of the Day”. Ausgerechnet am Jahrestag des Inkrafttretens des Kyoto-Protokolls setzte sich Japan dafür ein, nach dem Auslaufen des Protokolls keine zweite Verpflichtungsperiode von Kyoto einzuläuten.

(c) Rolf Zöllner / Greenpeace - Mit dem "Klimakiller des Tages" vor der japanischen Botschaft in Berlin

(c) Rolf Zöllner / Greenpeace - Mit dem "Klimakiller des Tages" vor der japanischen Botschaft in Berlin

Die japanische Botschaft ist ein ziemlich eindrucksvolles Gebäude aus dicken Steinen, mit hohen, spitzen Zaunkronen. Aus dem Pförtnerhäuschen erfahren wir auf Nachfrage, dass jemand aus der Botschaft auf dem Weg zu uns sei, um den Preis entgegen zu nehmen.

Aus der Drehtür im Zaun treten jedoch zwei japanische Security-Männer. Wir fragen sie mehrfach, ob und wann wir mit einem Vertreter der Botschaft rechnen können. Zuerst heißt es „Wait here!“, dann „Don’t ask me!“ und schließlich verweigern die Männer jede Auskunft. Stattdessen blicken sie ungeduldig die Strasse herunter.

Was ihre Augen dort suchen, wird uns etwa fünfzehn Minuten später klar, als insgesamt vier Polizeitautos auftauchen – darunter zwei Polizeibullies, aus denen Polizisten in voller Kampfmontur hüpfen. Offenbar reagiert man in der japanischen Botschaft allergisch auf grüne Jacken mit Greenpeace-Logo. Wir haben da so eine Ahnung, woran das liegen könnte.

Ein weiterer Japaner, offenbar hauptverantwortlich für die Sicherheit des Hauses, ist mittlerweile aus der Botschaft gekommen und erklärt den Polizisten, dass es sich um ein Missverständnis handele. Man sei irrtümlich davon ausgegangen, wir würden eine Demonstration abhalten, aber nun nähme man den Preis natürlich gerne entgegen. Andrea ist inzwischen in das Pförtnerhaus vorgelassen worden, um die Urkunden einem Vertreter der Botschaft zu übergeben.

Ich erinnere mich traurig an den Polizisten vor der polnischen Botschaft. Der Mann war in Ordnung: Hat kurz nachgefragt, was los sei, gesehen, dass nix Schlimmes passiert und ist wieder abgeraucht. Hier scharen sich plötzlich fünf Polizisten um uns und pochen auf das Versammlungsrecht, obwohl nicht mal von japanischer Seite noch irgendetwas beanstandet wird. Absurd.

Unsere Personalien werden aufgenommen. Die Japaner aber lassen unseren Preis vor dem Pfötnerhäuschen stehen. Sie haben offenkundig verstanden, dass er weniger Protest als Ansporn zu mehr Engagement ist.

(Benjamin Borgerding)

Abmahnung für polnische Salami-Taktik

Santiago Engelhardt / Greenpeace - Polen ist Klimakiller des Tages

Polen ist Klimakiller des Tages

Vierter Preisträger des Fossil of the Day ist Polen. Regierungschef Donald Tusk hat ja bereits in den letzten Wochen und Monaten keinen Hehl daraus gemacht, was er von ehrgeizigen Reduktionszielen und Klimasubventionen für Entwicklungsländer hält – gar nichts nämlich. Man musste also kein Prophet sein, um zu ahnen, dass der Preis früher oder später an die Weichsel gehen würde.
Am Donnerstagabend in Kopenhagen war es soweit: Polen wurde von Meerjungfrau MerHilda aufs Treppchen gebeten.

Der Grund: Statt auf bitter notwendigen 30 Prozent beharrt Polen für die EU standhaft auf 20 Prozent CO2-Reduktion im Jahr 2020 gegenüber dem Referenzjahr 1990. Der polnische Staatssekretär für euroäische Integration, Mikolaj Dowgielewicz erklärte gestern, man könne wohl erst bei der nächsten Klimakonferenz in Mexiko entscheiden, ob die Marke auf 30 Prozent erhöht werden könne. Mit dieser Haltung gefährdet Polen aktiv, dass in Kopenhagen ein wirksames Abkommen beschlossen wird.
Deshalb standen wir am Freitag früh um halb zehn im schicken Grunewald im Südwesten Berlins. Porsches säumen dort die ausgeputzten Straßen, hinter gusseisernen Zäunen überbieten sich Villen an Ornament und Türmchenhöhe. Eines dieser Herrschaftshäuser beherbergt die polnische Botschaft.

Wacker schreiten wir mit unserem Klimakiller in den Händen auf ein Tor zu. Gut, dass wir Kamila aus Polen dabei haben. Sie kann aushandeln, dass zumindest zwei von uns vorgelassen werden: Kamila und Corinna gehen mit der Award-Urkunde in die Botschaft. Der Rest von uns wartet draußen neben dem dampfenden Präsent.

Neben uns hält plötzlich ein bemerkenswert kleines Polizeiauto. Der Fahrer kurbelt mühsam die Scheibe herunter und schaut verschlafen aus kleinen Äuglein durch das Fenster. Dann parkt er seinen Wagen ein paar Meter weiter und schlendert den Bordstein zu uns herunter. „Ick mach hier gerade Ablöse für den Wachschutz, is eigentlich nich mein Job hier. Ick muss melden, wenn wat Besonderes passiert und ihr… ihr seid wat besonderes“, erklärt er. „Hättet ihr nicht morgen kommen können?“

Dann sagt er uns, er sei letzten Donnerstag am Bundeskanzleramt im Einsatz gewesen, beim Staatsbesuch von Präsident Lula aus Brasilien. Von dort habe er unser Transparent am Hauptbahnhof gesehen, das sei eine gute Aktion gewesen. „Hat jeder mitbekommen am Kanzleramt.“ Nett.

Kamila und Corinna kommen nach einer halben Stunde zurück aus der Botschaft. Sie haben die Urkunde einer Pressesprecherin übergeben. Die sei zuerst wenig begeistert gewesen, habe erklärt, man sei hier an der falschen Adresse. Den Preis müsse man in Warschau verleihen und nicht hier, und überhaupt: Warum hacke man immer so auf Polen rum, Spanien sei doch viel schlimmer. Nachdem die Pressesprecherin Dowgielewicz’ Statement durchgelesen hatte, wurde sie jedoch nachdenklich. Schließlich erklärte sie, sie werde die Urkunde ins Polnische übersetzen und der Regierung übermitteln.

Trotz von polnischer Seite formulierter Befürchtungen, die Entsorgung unseres Awards könne Schwierigkeiten bereiten, lassen wir den Globustopf direkt vor der Botschaft stehen. Es ist schließlich Sinn und Zweck einer Preisverleihung, dass der Ausgezeichnete seinen Preis auch behält.

Auch Deutschland wurde gestern in Kopenhagen ausgezeichnet. Den zweiten Platz beim „Fossil of the Day“ erhielt die Bundesrepublik, weil sie bislang Stillschweigen darüber bewahrt, ob finanzielle Zusagen für den Klimaschutz über die sowieso geleistete Hilfen an Entwicklungsländer hinausgehen werden. Obwohl eine solche Entscheidung dringend geboten ist, haben verschiedene Politiker der schwarz-gelben Koalition im Bundestag gefordert, dass zusätzlich zu Entwicklungshilfen keine Gelder für den Klimaschutz bereitgestellt werden sollen. Ziemlich peinlich.

(Benjamin Borgerding)

Ein Hampelmann an der Botschaftstür

10.12.2009

Santiago Engelhardt / Greenpeace - Zeitgemäß? Kanada präsentierte sich zumindest am Mittwoch in Kopenhagen alles andere als das!

Zeitgemäß? Kanada präsentierte sich zumindest am Mittwoch in Kopenhagen alles andere als das!

Was (uns) nicht passt, wird passend gemacht – dachte sich listig die kanadische Delegation in Kopenhagen. Kanada hat sich nämlich bisher nur lächerliche drei Prozent CO2-Reduktion vorgenommen. Um mit diesem Ziel nicht ganz so kläglich dazustehen, hat das Land gemeinsam mit Kroatien vorgeschlagen, man könne ja ein „zeitgemäßeres“ Referenzjahr für den CO2-Ausstoß bestimmen, als das Jahr 1990.

Dazu muss man wissen, dass das Jahr 1990 bei der UN-Klimakonferenz in Kyoto als Referenzjahr festgelegt wurde, an dem Reduktionsziele ausgerichtet werden. Mit Blick auf den Klimawandel war die Welt auch 1990 längst nicht mehr in Ordnung. Aber zumindest war es damals um den weltweiten CO2-Ausstoß längst nicht so schlimm bestellt wie heute.

Was meinen die Kanadier also mit „zeitgemäßer“?

Damit kann nur „klimaschädlicher“ gemeint sein. Zumindest in Kanada weht der Geist der Zeit nämlich eindeutig in Richtung Klimakatastrophe. Im Westen des Landes stehen riesige Tagebaue für Ölsand für ein erschreckendes Umweltverbrechen an Mensch, Natur und Klima. Der CO2-Ausstoß aus dem Abbau der Ölsande hat sich seit 1990 verdoppelt.

Das Land ist deshalb ein würdiger Empfänger des dritten „Fossil of the Day“, für den es gestern bei der UN-Klimakonferenz in Kopenhagen gemeinsam mit Kroatien ausgezeichnet worden ist. Und es ist damit natürlich ein ebenso würdiger Preisträger für unseren „Klimakiller des Tages“. Um zehn Uhr stehen wir deshalb heute mit dem dampfenden Award vor der Tür der kanadischen Botschaft am Leipziger Platz in Berlin.

Heute schaffen wir es endlich auch, in eine Botschaft hineinzukommen. Im Foyer möchte uns eine hektische Empfangsdame am liebsten gleich wieder davon scheuchen, aber wir haben den Kochtopf mit dem Globus schon auf dem Boden abgestellt. Wir sind fest entschlossen, den Preis dieses Mal persönlich an einen offiziellen Landesvertreter zu übergeben.

Der erscheint in Gestalt von Josh. Josh, brauner Zweiteiler, kurz rasierte Haare, wirft zunächst einen verächtlichen Blick auf unser Geschenk. Wir erklären ihm ausführlich, warum Kanada den Preis erhält. Da ändert Josh seine Strategie, jubelt ironisch und beginnt zu scherzen, der Award sei hervorragend dazu geeignet, um Lobster zu kochen. Fast schon ausgelassen albert der Mann herum: „Come out, Lobster!“

Wie bitte?

Es geht darum, eine globale Katastrophe zu verhindern, die überall auf der Welt Mensch und Natur bedroht, und alles, was dem offiziellen Vertreter Kanadas dazu einfällt, sind gekochte Schalentiere? Als wäre die Klimaerwärmung nur ein Witz, den man einfach weglachen kann, ein Kindergeburtstag! Tss tss tss, Josh! Wir können der kanadischen Botschaft nur empfehlen, Besucher künftig nicht mit so einem Hampelmann abzuspeisen.

(Benjamin Borgerding)

And the loser is…: Ukraine

09.12.2009

Gestern wurde der zweite „Fossil of the Day“ in Kopenhagen vergeben. Verlierer dieses Mal: die Ukraine. Dem osteuropäischen Land wurde sogar die fragwürdige Ehre zuteil, gleich zwei Mal auf das Siegertreppchen zu dürfen. Bei jeder anderen Preisverleihung würde man an dieser Stelle “Respekt!” sagen.

Den ersten Platz erhält die Ukraine für ihre mehr als laschen Reduktionsziele: Das Land möchte seine CO2-Emissionen in 2020 gegenüber 1990 um 20 Prozent senken. Klingt erst mal gut. Aber seit 1990 ist der CO2-Ausstoß in der Ukraine durch den wirtschaftlichen Umbruch massiv zurückgegangen. Das Ziel einer 20-Prozent-Minderung gegenüber 1990 würde defacto zu einer Zunahme von 75 Prozent gegenüber dem aktuellen Ausstoß führen. Kein anderes Land hat sich so wenig beim Klimaschutz vorgenommen. Man könnte da schon fast drüber lachen, wenn es nicht so traurig wäre.

Auch der dritte Platz geht an die Ukraine! Wow, der zweite „Fossil of the Day“ des Tages! Das Land weigert sich beharrlich offenzulegen, wie Gelder verwendet werden, die es beim Emissionshandel mit reichen Ländern kassiert. Trotz vertraglicher Verpflichtung und Nachfragen ukrainischer NGOs, weiß keiner, wohin 300 Millionen Dollar flossen, die bei einem Deal mit Japan erwirtschaftet worden sind.

(c) Santiago Engelhardt / Greenpeace - Nicht wilkommen? Greenpeace-Expertin Corinna Hölzel "übergibt" die Urkunde zum Preis

Nicht wilkommen? Greenpeace-Expertin Corinna Hölzel "übergibt" die Urkunde zum Preis

Aufgrund all dieser Unverschämtheiten machten wir uns heute morgen in Berlin mit unserem „Klimakiller des Tages“ auf den Weg zur ukrainischen Botschaft. Dort das gleiche Spiel wie gestern: Der Pförtner will uns und unser Präsent partout nicht durch die Pforte lassen. Dieses Mal ist kein Feiertag Schuld, sondern ein Treffen mit dem ukrainischen Staatsoberhaupt. Das komplette Haus sei angeblich mit Mann und Maus zum Premierminister gereist. Kein Pressesprecher, nirgends, versichert uns der Pförtner, er selbst dürfe uns auf gar keinen Fall hereinlassen. „Sie können den Preis stehen lassen. Ich hole ihn nachher rein, versprochen!“

Uns bleibt keine andere Wahl. Wir stellen den brodelnden Award vor die Tür.

Und sonst? Ach ja, der zweite Platz bei der gestrigen “Fossil of the Day”-Verleihung in Kopenhagen ging an die sogenannten Umbrella-Staaten, bestehend aus den industrialisierten Ländern außerhalb der EU. Diese Länder waren so dreist vorzuschlagen, die Technologie zur Abtrennung und Speicherung von Kohlendioxid (CCS) für CDM-Projekte zu lizensieren. Der CDM Gold Standard legt die Kriterien fest, nach denen die Annex 1-Länder ihre Anstrengungen zu CO2-Reduktionen auch in Entwicklungsländer „verlagern“ können.

CCS fürs Klima? We don’t think so.

(Benjamin Borgerding)

and the loser is…: Österreich

08.12.2009

Gestern wurde der erste „Fossil of the Day“ von der bezaubernden Meerjungfrau Merhilda in Kopenhagen verliehen. Erster Verlierer: die Industrieländer, die zum Beginn der UN-Klimakonferenz viel zu wenig Engagement zeigten. Auf Platz 2: Österreich, Schweden und Finnland. Unserem Nachbar im Süden wird deshalb von uns heute der „Klimakiller des Tages” verliehen.

(c) Santiago Engelhardt / Greenpeace - Der "Klimakiller des Tages" geht an Österreich

Der "Klimakiller des Tages" geht an Österreich

Es ist Dienstag morgen, viertel vor zehn. An der Botschaft von Österreich in der Stauffenbergstraße in Berlin warten schon zwei Journalistenteams, als wir ankommen. Schnell ziehen wir uns unsere Greenpeace-Westen an, schmeißen zwei Hände voll Trockeneis in den riesigen Kochtopf und schon sind wir bereit für die große Negativpreisverleihung.

Der Award besteht aus einem riesigen Kochtopf, in dem ein Globus symbolisch gekocht wird. Klimakiller des Tages ist heute Österreich. Die Delegation von Österreich hat sich gestern, am ersten Tag der Konferenz, extrem unrühmlich verhalten. Gemeinsam mit Schweden und Finnland haben die Österreicher versucht, die europäische Position zur Anrechnung des Waldes als CO2-Senke so abzuschwächen, dass die EU zum Klimabilanzfälscher wird. Mit einem Rechentrick will Österreich ein Schlupfloch schaffen, das die EU-Staaten zu weniger Treibhausgaseinsparung verpflichtet. Doch für die Wahrung nationaler Interessen ist keine Zeit! Auch Österreich muss mithelfen, damit der weltweite Temperaturanstieg gegenüber vorindustrieller Zeit nicht die 2 Grad-Marke übersteigt.

Als wir an der österreichischen Botschaft klingeln, erklärt uns der Pförtner über die  Sprechanlage mürrisch, heute sei in Österreich Feiertag, Mariä Himmelfahrt. Deshalb sei keiner da, er jedenfalls werde den Preis nicht entgegen nehmen.  Dann legt er auf. Wir klingeln nochmal. Keine Reaktion. Uns bleibt nichts anderes übrig: Wir legen den “Klimakiller” vor die Botschaft, die Übergabeurkunde kommt in den Briefkasten.

Shame on you, Österreich!

(Anike Peters, Benjamin Borgerding)

07.12.2009

Heute hat in Kopenhagen der Klimagipfel begonnen. 192 Staats- und Regierungschefs aus aller Welt werden bis zum 18. Dezember in der dänischen Hauptstadt über ein Nachfolgeprotokoll von Kyoto verhandeln. Schon im Vorfeld gab es viele Schwarzmaler, die ein verbindliches Abkommen zum Ende der Koferenzen in “weite Ferne” gerückt haben. Klar, lieber erstmal auf Sparflamme kochen und wenn´s dann doch ein vorzeigbares Ergebnis gibt, können sich die Herren und Damen Regierungschefs doppelt feiern lassen.

Egal mit welcher Motivation – das einzig vorzeigbare Ergebnis ist ein verbindliches Abkommen, das festlegt, wie sich die globale Erwärmung auf 2 Grad im Vergleich zu 1990 begrenzen lässt. Angesichts der verheerenden Auswirkungen des Klimawandels ist eine solche Vereinbarung keine Kür, sondern Pflicht.

Doch geht es beim Klimagipfel nicht wie in der Schule zu – wer sich daneben benimmt, fliegt raus. Im Gegenteil: Es ist nicht nur jede Nation gefragt, jede Nation ist wichtig. Denn ein verbindliches Abkommen kann nur auf den Weg gebracht werden, wenn alle an einem Strang ziehen. Damit in Kopenhagen auch alles mit rechten Dingen zugeht, sind nicht nur Staatschefs vor Ort. Vertreter vieler Umweltschutzorganisationen werden während dieser zwei Wochen die Verhandlungen genau verfolgen.  So zum Beispiel das “Climate Action Network” (CAN), ein Zusammenschluss aus 500 Organisationen. Gemeinsam werden die Mitglieder des CAN jeden Tag darüber abstimmen, welche Nation einem Nachfolgeprotokoll von Kyoto gerade besonders im Weg steht. Dieser “Klimakiller” wird dann nicht rausgeworfen, er wird mit dem “Fossil of the Day” abgemahnt.

In Deutschland können sich die Botschafter dieser Abkommen-Blockierer schon einmal auf Gesellschaft einstellen. Am nächsten Morgen um 10 Uhr werden sie nämlich in ihrer Berliner Residenz Besuch von Greenpeace erhalten. Auch Greenpeace ist Mitglied des CAN, und um den Forderungen noch einmal Nachdruck zu verleihen, wird den Botschaftern hierzulande mit dem “Klimakiller des Tages” ebenfalls eine Auszeichnung überreicht.

Temporär: Aus “taz” wird “Klima”

Der “Klimakiller des Tages” ist nicht das Einzige, was Greenpeace in Berlin zu bieten hat. Parallel zu den Verhandlungen verwandelt sich das “tazcafé” in ein “Klimacafé”. Hier informieren unsere Experten jeden Tag ab 11 Uhr über den Klimagipfel. Es wird Vorträge, Möglichkeiten zur Diskussion und Live-Schaltungen zur Klimakonferenz geben. Wenn ihr also schon immer einmal wissen wolltet, was Schokolade mit dem Klimawandel zu tun hat, warum für Schuhe ganze Regenwälder platt gemacht werden und wieso der Abbau von Ölsand so klimaschädlich ist, schaut vorbei. Das Programm findet ihr hier, viel Spaß!

(Viktoria Thumann)

And the loser is … Ukraine
Gestern wurde der zweite „Fossil of the Day“ in Kopenhagen vergeben. Verlierer dieses Mal: die Ukraine. Dem osteuropäischen Land wurde sogar die fragwürdige Ehre zuteil, gleich zwei Mal auf das Siegertreppchen zu dürfen. Bei jeder anderen Preisverleihung würde man an dieser Stelle “Respekt!” sagen.
Den ersten Platz erhält die Ukraine für ihre mehr als laschen Reduktionsziele: Das Land möchte seine CO2-Emissionen in 2020 gegenüber 1990 um 20 Prozent senken. Klingt erst mal gut. Aber seit 1990 ist der CO2-Ausstoß in der Ukraine durch den wirtschaftlichen Umbruch massiv zurückgegangen. Das Ziel einer 20-Prozent-Minderung gegenüber 1990 würde defacto zu einer Zunahme von 75 Prozent gegenüber dem aktuellen Ausstoß führen. Kein anderes Land hat sich so wenig beim Klimaschutz vorgenommen. Man könnte da schon fast drüber lachen, wenn es nicht so traurig wäre.
Auch der dritte Platz geht an die Ukraine! Wow, der zweite „Fossil of the Day“ des Tages! Das Land weigert sich beharrlich offenzulegen, wie Gelder verwendet werden, die es beim Emissionshandel mit reichen Ländern kassiert. Trotz vertraglicher Verpflichtung und Nachfragen ukrainischer NGOs, weiß keiner, wohin 300 Millionen Dollar flossen, die bei einem Deal mit Japan erwirtschaftet worden sind.
Aufgrund all dieser Unverschämtheiten machten wir uns heute morgen in Berlin mit unserem „Klimakiller des Tages“ auf den Weg zur ukrainischen Botschaft. Dort das gleiche Spiel wie gestern: Der Pförtner will uns und unser Präsent partout nicht durch die Pforte lassen. Dieses Mal ist kein Feiertag Schuld, sondern ein Treffen mit dem ukrainischen Staatsoberhaupt. Das komplette Haus sei angeblich mit Mann und Maus zum Premierminister gereist. Kein Pressesprecher, nirgends, versichert uns der Pförtner, er selbst dürfe uns auf gar keinen Fall hereinlassen. „Sie können den Preis stehen lassen. Ich hole ihn nachher rein, versprochen!“
Uns bleibt keine andere Wahl. Wir stellen den brodelnden Award vor die Tür.
Und sonst? Ach ja, der zweite Platz bei der gestrigen “Fossil of the Day”-Verleihung in Kopenhagen ging an die sogenannten Umbrella-Staaten, bestehend aus den industrialisierten Ländern außerhalb der EU. Diese Länder waren so dreist vorzuschlagen, die Technologie zur Abtrennung und Speicherung von Kohlendioxid (CCS) für CDM-Projekte zu lizensieren. Der CDM Gold Standard legt die Kriterien fest, nach denen die Annex 1-Länder ihre Anstrengungen zu CO2-Reduktionen auch in Entwicklungsländer „verlagern“ können.
CCS fürs Klima? We don’t think so.

Kopenhagen – nicht dabei und trotzdem nah dran

16. Dezember 2009

Streit statt Annäherung, Ziele ohne Zahlen, ausgesperrte Beobachter und Drangsalierung der Demonstranten – kurz vor Schluss geht es in Kopenhagen mächtig zur Sache. Dabei sieht es bisher nicht nach einer Einigung aus. Während die Entwicklungsländer weiter auf Finanzhilfen und das Kyoto-Protokoll pochen, wollen die Industrienationen keine konkreten Zusagen machen. Es ist wie beim Tauziehen mit zwei starken Gegnern und einem dünnen Seil: Wenn keiner nachgibt, reißt die Strippe. Im Fall von Kopenhagen hieße das: Unser Klima kippt und nicht nur die Kontrahenten haben verloren. Die Spannung steigt. Stündlich kann etwas Neues passieren. Erst heute hat Dänemarks Ministerpräsident Lars Løkke Rasmussen die bisherige Gipfelleiterin Connie Hedegaard abgelöst und offiziell die Konferenzleitung übernommen.

Dank Internet müssen wir nicht mehr warten bis uns die Tagesthemen am Abend darüber informieren, was am Tag in Dänemark passiert ist. Vielmehr lässt sich Kopenhagen beinahe live miterleben. Per Webcast direkt bei den Konferenzen dabei sein, via Twitter die letzten News direkt aufs Mobiltelefon geliefert bekommen oder die neuesten Infos zur Klimakonferenz direkt übers Facebook-Profil weiter verbreiten und ausdiskutieren – die Möglichkeiten sind vielfältig.

Einen Überblick wo sich überall wie teilhaben lässt, gibt es zum Beispiel auf der UN-Seite zur Klimakonferenz UNFCCC (UN Climate Change Conference in Copenhagen). Auch muss kein Bedauern aufkommen, solltet ihr eine ganz bestimmte Debatte verpasst haben: Auf dem Cop15-YouTube-Channel findet sich heute eine Ankündigung von CNN-Sprecherin Becky Anderson, dass YouTube und CNN gemeinsam die Highlights der Konferenz zeigen werden.

Greenpeace hat natürlich auch einiges im Angebot: Allgemeine Hintergründe zur Klimakonferenz sind auf unserer Klimagipfel-Seite zu finden. Greenpeace-Klimaexperte Martin Kaiser twittert aus Kopenhagen. Und wie Stefan Krug, Leiter der politischen Vertretung von Greenpeace, die Konferenz in Kopenhagen erlebt, gibt es beim Deutschland Radio nachzulesen und zu hören.

Dazu bekommen Staaten, die sich beim Klimagipfel als besondere Klimasünder hervortun, einen Award verliehen: In Kopenhagen ist es der Fossil of the Day – in Deutschland stellvertretend der Klimakiller des Tages. Wie die jeweilige Übergabe dieses Präsents abläuft und warum sich die einzelnen Nationen die Negativ-Auszeichnung verdient haben, könnt ihr täglich hier nachlesen. Und wem das alles zu wenig ist, der kann sich bei GreenAction registrieren und in der dortigen Kopenhagen-Kampagne selbst aktiv werden.