Vorbereitung zum Taucheinsatz

05. Mai 2010

Die vergangene Woche in St. Petersburg ist ausgesprochen hektisch verlaufen und hat uns Zeit und auch den einen oder anderen Nerv gekostet. Danach sah es am 28. April bei unserer Einfahrt in den Hafen erst gar nicht aus. Durch den Morgennebel hindurch ging es über Zufahrtskanäle hinein in die die ehemalige Zarenstadt – vorbei an maroden Industrieanlagen und ebenfalls nicht sehr einladend wirkender Wohnsiedlungen.

Zwei Tage lang waren wir dann mit der Beluga II am Kai der Kontrollstelle, dem Passenger Terminal “Morskoy Vokzal”, fest angebunden. Kein Ausgang für mich und Christian, unserem Dichter, Fotografierverbot für die Kaianlage.

Ausschließlich die offizielle “Beluga II” – Crew mit gültigem Seemannsbuch durfte währen dieser Zeit das Gelände verlassen und hatte hierfür jedesmal die Kontrollstelle zu passieren. Christian und mir war daher ein Landgang in dieser Zeit nicht gestattet – ich bin kein “Seebär” und habe daher folgerichtig auch kein entsprechendes Buch, welches mich als solchen ausweisen könnte. Christians Seemannsbuch wurde nicht akzeptiert, wohl weil es schlicht zu alt war. Wir hatten also bis zum 01. Mai zu warten, dem ersten Gültigkeitstag unserer Visa.

Vorbereitungen für den Open Ship Day in St. Petersburg (c) Wolf Wichman/Greenpeace CC-Lizenz BY-NC-ND

Vorbereitungen für den Open Ship Day in St. Petersburg

Trotz alledem, Langeweile kam nicht so richtig auf. Es gab ständig Anfragen der für uns zuständigen Schiffsagentur: Visadaten, Mannschaftslisten und anderen Formalitäten, für die auch jeweils ein Dokument erstellt und per E-mail versendet werden musste. Absprachen per Telefon alleine waren nicht gültig, da sie bei möglicherweise auftretenden Problemen nicht mehr nachweisbar gewesen wären. Die verbleibende “Frei”zeit verbrachten wir mit anfallenden Reparaturarbeiten und Vorbereitungen auf die anstehenden Veranstaltungen wie „Open Day“ oder unserer Pressekonferenz. Allerdings beschränkten sich diese Tätigkeiten eher auf Arbeiten kosmetischer Art – wie das grün anstreichen der Klappbänke…

Nun ja, alles geht einmal zu Ende und am Morgen des 01. Mai konnten wir dann unter der professionellen Führung des uns zugeteilten Hafenlotsen zu unserem endgültigen Liegeplatz für unsere St. Petersburger Etappe, dem “Pier of English Embankment” der Inflot- Agentur verholen. Eher technische Eindrücke dominierten diese Tour durch die Werftanlagen des St. Petersburger Hafens im morgendlichen Nieselregen: Kräne, Docks und Schiffe unterschiedlicher Bauart zogen unsere Aufmerksamkeit entlang der Kanäle auf sich. Am Ende des Kurztrips wartete schließlich eine Abordnung der örtlichen Greenpeace-Gruppe mit einem künstlerisch gestalteten Wilkommensbanner auf unsere Ankunft.

Anlegen, Festmachen, fertig. Die BELUGA II war also schließlich am ersten Bestimmungsort im Verlauf der Russland-Kampagne angekommen – jetzt konnte es endlich losgehen und wir näherten uns den ersten Etappen unserer eigentlichen Aufgaben. Der Rest des Tages verging mit Begrüßungen, Planungsbesprechungen und dem typischen Chaos vorbereitender Organisationsabläufe. Immerhin, für Montag war der “Beluga II – Open Day” geplant, der schon in den Medien und im Internet angekündigt wurde.

Der Sonntag war den Vorbereitungen für den „Open Day“ vorbehalten, der vom St. Petersburger Büro und deren ehrenamtlichen Helfern organisiert und abgehalten werden wird. Die Schiffscrew ging den Helfern zur Hand, wo es ging und wurde dort eingebunden, wo Fachkompetenz in Sachen BELUGA II gefragt war. Nach Einbruch der Dunkelheit erfreute uns die hell erleuchtete “Leutnant-Schmidt-Brücke” über die Neva – benannt nach einem historischen “Rädelsführer” des Sewastopoler Aufstands .

Auf Erkundungstrip mit dem Schlauchboot (c) Wolf Wichman/Greenpeace CC-Lizenz BY-NC-ND

Auf Erkundungstrip mit dem Schlauchboot

Für mich gibt es nun andere Aufgaben. Vasilij, der Aktionskoordinator und ich haben uns auf die erste Beprobungsaktion dieser Fahrt vorzubereiten. Es geht hier um einen Taucheinsatz, in dessen Verlauf insgesamt zwei Einleitungen beprobt werden sollen. Während unsere Kollegen den Open Day durchziehen, begeben wir uns per Schlauchboot auf eine Erkundungsfahrt zu den beiden Tauchplätzen.

Allein die Anfahrt vom Lager der St. Petersburger Aktionscrew bis zum ersten Tauchplatz im Finnischen Meerbusen – nahe an der Hafeneinfahrt – dauert rund zwei Stunden. An dieser Stelle haben die Kollegen vor etwa einem Jahr die Position eines großen Strudels aufgenommen, der die Einleitungsstelle des größten und modernsten St. Petersburger Stadtklärwerkes anzeigt.

Als wir an der Position sind, können wir allerdings keinen Strudel ausmachen – möglicherweise wird gerade wenig eingeleitet. Die Wassertiefe beträgt hier zwischen 4 und 5 Metern, Strömung gibt es nicht, die Sicht scheint mäßig zu sein. Fazit: Ein Tauchgang an dieser Stelle scheint problemlos möglich zu sein.

Ganz anders sieht es an der zweiten Position im Mündungsbereich der Neva aus. Bezeichnenderweise treffen wir hier auf einen Angler, der mit seinem Schlauchboot in unmittelbarer Nähe eines der Strudel sein Petri Heil sucht.

Verschmutztes Wasser vor St. Petersburg ©Greenpeace/Wolf Wichmann CC-Lizenz BY-NC-ND

Verschmutztes Wasser vor St. Petersburg

Insgesamt sind hier fünf einzelne starke Strömungsmuster zu erkennen, die auf nach oben gerichtete Rohrmündungen mit relativ großem Durchmesser hinweisen. Hinzu kommt noch die meerwärtige Flussströmung und die naturgegebene schlechte Sicht in Flüssen mit hohem Schwebstoffgehalt – das wird kein leichtes Unterfangen…

Der Terminplan für den nächsten Tag ist auch schon komplett. Der Trockentauchanzug, den wir für Vasiliy aus unserem deutschen Fundus mitgebracht haben, hat sich als zu klein für den russischen Bären erwiesen. Da wir aber einen Sicherungstaucher brauchen, wenn die Wellen über mir zusammenschlagen, müssen wir uns aufmachen, einen Anzug in St. Petersburg aufzutreiben. Erfolg haben wir erst, nachdem wir drei Tauchbasen abgeklappert haben: Wir können die passende Ausrüstung anmieten – alles wird gut …

In der Tat – Treibeis im April…

28. April 2010
Am Kartentisch © Greenpeace/Wolf Wichmann CC-Lizenz BY-NC-ND
Am Kartentisch

… jedenfalls hier oben, hoch im Norden. Die Gerüchte erhärten sich zum einen durch die Aussagen unseres Agenten in St. Petersburg. Später während meiner Wache, so gegen 21:00 Uhr, kommt noch eine direkte Warnung der russischen Küstenwache hereingeschneit: Wir sollten uns vorsehen, treibende Eisfelder behinderten die freie Durchfahrt in der Zone bis zu 70 Seemeilen vor St. Petersburg.

Bei der jetzigen Geschwindigkeit werden wir die ersten Eisschollen vielleicht so gegen sechs Uhr Morgens begrüßen können. Vage Hoffnungen keimen auf, uns könnte möglicherweise auch die eine oder andere Baltische Ringelrobbe – Phoca hispida botnica – über den Weg schwimmen – jedenfalls halten wir Ausschau…

Die Baltische Ringelrobbe – auch Ostsee-Ringelrobbe – ist eine vom Aussterben bedrohte Art und auf der Roten Liste der Weltnaturschutzunion IUCN. Die derzeitige Gesamtbestand der Ostsee-Ringelrobben wird auf 7.000- bis 10.000 Tiere geschätzt. Die größte der insgesamt vier regionalen Populationen lebt im Bottnischen Meerbusen. Hier sind die Überlebensbedingungen am günstigsten, da die für die Aufzucht des Nachwuchses notwendige geschlossenen winterliche Eisdecke in dieser Region der Ostsee am größten und auch über einen vergleichsweise langen Zeitraum des Jahres stabil ist.

Die drei anderen Regionalpopulationen, im Finnischen Meerbusen, im Bereich des Aland-Archipels (ca. 200 Tiere) zwischen Schweden und dem finnischen Festland und in der Rigabucht (etwa 1.000 bis 1.500 Tiere) müssen mit einer weitaus kleineren Eisfläche als ihre Artgenossen im Norden auskommen.

Ringelrobbenbabys kommen gegen Ende Februar zur Welt. Sie müssen so lange auf dem Eis – einer geschlossenen Fläche, Packeis oder auch in Schneehöhlen – ernährt werden, bis sie eine ausreichend dicke, wärmende Fettschicht angesetzt haben. Gibt es kein Eis oder taut es zu früh im Jahr, müssen die Robbenbabys in der kühlen Ostsee erfrieren und verhungern. Die Ringelrobben der Ostsee sind durch den Klimawandel daher auch in besonderem Maße betroffen.

Treibeis © Greenpeace/Wolf Wichmann CC-Lizenz BY-NC-ND
Treibeis

Bisherigen Klimamodellen zufolge geht die Eisdecke bei einer anhaltenden Erwärmung bis Ende des Jahrhunderts um 50 bis 80 Prozent zurück. Ringelrobbenjunge können derzeit nur in Gebieten überleben, die mindestens 90 Tage lang im Jahr ausreichend lange mit stabilem Packeis bedeckt sind. Bis zum Ende diesen Jahrhunderts würden in den südlichen Aufwuchsregionen allerdings lediglich im Mittel 20 bis 50 Tage mit geschlossener Eisdecke zur Verfügung stehen – zu wenig für das Überleben der Art…

© Greenpeace/Wolf Wichmann CC-Lizenz BY-NC-ND Um 08:00 Uhr beginnt meine Morgenwache. Nach einer stürmischen Nacht mit wechselnden Winden, und den notwendigen Anpassungen der Segelstellung, bin ich noch nicht so richtig munter. In einiger Entfernung ziehen tatsächlich die ersten kleineren Schollen Treibeis vorbei, an backbord sehen wir schließlich gegen 09:00 die Kante einer größeren Eisfläche. Auch der Schiffsverkehr nimmt zu…

Ein bisschen Hektik an Bord…

27. April 2010

…kann nicht schaden und hält wach – wohl wahr. Woher die plötzliche Hektik kommt: Wir sind in den letzten Tagen dank günstiger Winde sehr gut vorangekommen. So zeichnete es sich schon heute morgen ab, dass wir zwei Tage früher in St. Petersburg ankommen werden, als vorgesehen. Als wir das dem für uns zuständigen Agentenbüro mitteilen, beschleunigt sich der E-Mail-Verkehr mit einem Male rasant. Unsere Visa gelten erst ab dem 1. Mai und wir erfahren zu unserer Überraschung, dass wir uns sofort und persönlich bei Einfahrt in die russischen Hoheitsgewässer bei den Behörden anzumelden haben.

Das bedeutet: Wir müssen direkt zur Anlegestelle der Zollbehörde im Hafen nach St. Petersburg durchfahren und dürfen nicht – wie ursprünglich geplant – die gewonnenen zwei Tage auf Reede in den Küstengewässern vor der Stadt verbringen. Nach unserer Anmeldung müssten wir bis zum ersten Gültigkeitstag unserer Visa an einem Transitkai festmachen und dort – quasi in Quarantäne – unter Aufsicht der Emigrationsbehörden verweilen.

Wie stehen jetzt vor der Wahl, unsere Fahrt zu verlangsamen und noch außerhalb der russischen Hoheitsgewässer zu bleiben um schließlich pünktlich am ersten Geltungstag unserer Visa einzulaufen oder uns unter staatlicher Aufsicht für zwei Tage festlegen zu lassen.

Nach kurzer Diskussion und in Absprache mit dem Greenpeace-Büro in Moskau entscheiden wir uns, die gewonnenen zwei Tage am Kai in St. Petersburg zu verbringen. Hoffentlich können wir die Zeit für die weitere Kampagnenplanung mit unseren russischen Kollegen nutzen!

Steffen... © Greenpeace/Wolf Wichmann CC-Lizenz BY-NC-ND

Steffen, ...

Uwe... © Greenpeace/Wolf Wichmann CC-Lizenz BY-NC-ND

Uwe...

Das Agentenbüro benötigt nun dringend eine Anzahl unterschiedlicher Formulare, die wir jetzt eiligst zusammenstellen und per Mail liefern müssen.

Schließlich bringen wir alles wunschgemäß auf den Weg und kümmern uns jetzt darum, die “Beluga II” quasi stadtfein zu machen: Deck schrubben ist angesagt und längst überfällige kleinere Reparaturen und technische Anpassungen können erledigt werden.

...und Birte machen klar Schiff © Greenpeace/Wolf Wichmann CC-Lizenz BY-NC-ND

...und Birte machen klar Schiff