Blicke in die Ewigkeit (Teil 4)

05. Mai 2012

Greenpeace-Fotograf Markus Mauthe war unterwegs im Amazonas-Regenwald. Im Greenpeace Blog berichtet er von seinen Erlebnissen und Eindrücken (zum 1. Teil, zum 2.Teil, zum 3.Teil.)

Blick auf den Amazonas-Regenwald - (c) Markus Mauthe / Greenpeace

Als wir am nächsten Morgen aus dem Zelt kriechen, fallen uns zuerst die endlosen Reihen von Termiten auf, die sich unter, an und auf unserem Zelt bewegen. Als Luis sich dann von seiner Isomatte erhebt, sehen wir die Ameisen auch in unserem Zelt. Durch die Körperbewegung in der Nacht hat sich der dünne Zeltboden (eine Plane hatten wir dummerweise nicht) aufgeraut. Durch dutzende kleiner Löcher kamen nun die fleißigen Ameisen auf der Suche nach- was auch immer. Es blieb uns also nichts anderes übrig, als uns einen anderen Ort zum Schlafen zu suchen. Wer will sich schon sein Bett mit Hunderten von Besuchern teilen. Der einzige wirklich freie Platz war eine Sandfläche, die, wie ich bei der Ankunft unschwer beobachten konnte, bei Regen völlig überschwemmt wird. Da wir keine andere Wahl hatten, haben wir unser Zelt trotzdem dort aufgeschlagen und dann in klassischer Handarbeit unter Zuhilfenahme einer Machete und eines Stücks Wurzel einen klassischen Burggraben um unser Reich gezogen. Nach zwei Stunden waren wir zwar fix und fertig – aber auch stolz auf unser Bauwerk. Insgeheim konnten wir es gar nicht erwarten zu erleben, ob unsere Konstruktion in der Lage sein würde, den Wassermassen Paroli zu bieten. Ironischerweise sollte es aber bis zu unserem Abstieg ein paar Tage später keinen richtig starken Regen mehr geben, so dass wir diese Frage nie beantwortet bekamen.

Ansonsten war die Zeit auf dem Tafelberg eine Ansammlung von unvergesslichen Eindrücken. Wir haben drei Standorte ausgemacht, die uns Ausblicke verschafften, die man kaum in Worte fassen kann. Wir durften auf einen Wasserfall blicken, der unweit von unserem Standpunkt fast vierhundert Meter in die Tiefe fällt. An manchen Stellen ist die Steilwand so senkrecht abgefallen, dass wir praktisch genau oberhalb der Baumkronen auf den grünen Teppich blickten. Am erhabensten war jedoch der Anblick benachbarter Tafelberge, wie sie sich aus dem endlos erscheinenden Meer an Bäumen erheben. Dieser Anblick war uns über einen Zeitraum von mehreren Tagen zu allen möglichen Wetterbedingungen und Lichtstimmungen vergönnt.

Gleichgewicht der Natur

Der Blick auf einen Teil unserer Erde, der noch nicht von Menschen aus dem Gleichgewicht gebracht wurde. Doch was unterscheidet dieses grüne, von Leben strotzende Meer aus Wald und Wasser von dem anfangs erwähnten Meer aus Hochhäusern und Straßen in Sao Paulo, in dem wir Menschen leben? Die Natur befindet sich im Gleichgewicht und weiß genau wie viel Geben und Nehmen nötig ist,um sich zu erhalten. Die von Menschen gemachte Umgebung kann jedoch in ihrer momentanen Struktur nur existieren, wenn sie Raubbau an erstgenannten Lebensräumen betreibt.

Vogel im Amazonas-Regenwald - (c) Markus Mauthe / Greenpeace

Diese werden dadurch mehr und mehr dezimiert und degradiert. Wir Menschen haben durch unseren modernen Lebenswandel die natürlichen Kreisläufe längst verlassen und vertrauen einer auf Wachstum basierenden Lebensweise. Doch wohin soll endloses Wachstum in einer endlichen Welt führen, wenn nicht in die Zerstörung?

Momentan profitieren wir noch von der in Jahrmillionen angereicherten Fülle natürlicher Rohstoffe. Doch viel Spielraum bleibt nicht mehr. Schon heute lassen sich die Auswirkungen unseres unmäßigen Treibens an vielen Orten der Welt in Form von Klimaveränderungen und Artensterben eindeutig nachweisen. Ein gutes Beispiel dafür ist das Land, in dem ich mich gerade befinde. Brasilien gilt als eine der aufstrebenden Nationen auf unserer Erde. Ein beeindruckendes Wirtschaftswachstum lässt so manchen Wirtschaftsexperten staunen. Doch worauf beruhen diese Zahlen und Entwicklungen? Auf nichts anderem als der konsequenten Ausbeutung der natürlichen Rohstoffe dieses riesigen Landes. Zusätzlich mit all den parallel verlaufenden Entwicklungen, die damit einhergehen.

Es gibt einige hundert Millionen Profiteure, die als neue Mittelschicht via TV-Werbung zu braven Konsumenten geschult werden und viele Millionen, die weiterhin in Armut leben, weil das System keinen Platz für alle hat. Kompletter Verlierer dabei ist immer die Natur. Leider haben es immer noch viele nicht verstanden, dass letztendlich wir alle die großen Verlierer sein werden, denn ohne vorhandene Lebensgrundlagen lässt sich einfach nicht überleben. Man kann zwar an der Börse mit Werten handeln, die frei erfunden sind – erfundene Grundnahrungsmittel und imaginäres Wasser halten uns aber nicht am Leben.

Blicke in die Ewigkeit (Teil 3)

02. Mai 2012

Greenpeace-Fotograf Markus Mauthe war unterwegs im Amazonas-Regenwald. Im Greenpeace Blog berichtet er von seinen Erlebnissen und Eindrücken (zum 1. Teil, zum 2.Teil).

Blick auf den Regenwald - (c) Markus Mauthe / Greenpeace

Um sechs Uhr geht die Sonne auf. Nach einem kurzen, spartanischen Frühstück packen wir zusammen und machen uns weiter an den Aufstieg. Immer wieder passieren wir große Geröllbrocken, die sich im Laufe der Zeit aus der Steilwand gelöst haben müssen – meist mit Pflanzen verschiedenster Art überwachsen. Imposant sind die oft meterlangen Wurzeln, die den Stein umschließen und so lange wachsen, bis sie sich im Boden verankern. Gegen Mittag wird es richtig steil.

Wir befinden uns auf einer Höhe von etwa 800 Metern. Große Bäume gibt es hier nicht mehr. Die Vegetation hat sich sichtbar verändert. Flechten und Farne, die bisher nicht vorkamen, wachsen hier an den Steilhängen. Es ist eher Gebüsch als Wald, das in dieser Umgebung überlebensfähig ist. Besonders unsere brasilianischen Freunde, die barfuß oder mit Badeschlappen unterwegs sind, freuen sich hier über die befestigten Seile, welche von den Vorgängerexpeditionen zurückgelassen wurden. Dann kommt der Moment, auf den wir schon so lange gewartet haben: Der erste freie Ausblick auf die Weite des Regenwaldes.

Es ist zwar nur ein kleines Fenster zwischen den Zweigen hindurch- aber, was wir dort sehen, lässt uns den Atem stocken und gibt uns eine Vorfreude auf das, was wir in den kommenden Tagen von den Abbruchkanten des Tepuis (Tafelberg) zu sehen bekommen. Eine riesige dunkle Wolkenwand trägt Wassermassen heran, die sich momentan noch im flachen Land abregnen, uns aber alsbald erreicht haben werden. Es erwischt uns in der Tat genau auf der freien Fläche kurz vor dem endgültigen Erreichen der Hochebene. Da man nicht nasser als nass werden kann, laufen wir einfach weiter.

Krebse auf dem Berg – eine unbekannte Spezies?

Die Vegetation hier oben ist völlig anders als unten im Wald. Gräser, Kakteen und allerlei Gebüsche durchziehen die zerklüfteten Flächen des fast ebenen Berges. Es schüttet aus Kübeln, als ich plötzlich auf einer Fläche mit sandigem Untergrund etwas allzu Merkwürdiges wahrnehme. Eine fast fünf Zentimeter hohe Wasserfläche hat sich durch den Regen gebildet und darin glotzen mich zwei kleine Krebse an. Krebse auf einem Tafelberg in 1000 Metern Höhe mitten im Regenwald? Ich bin fasziniert! Wegen des starken Regens traue ich mich aber nicht, die Kamera rauszuholen, um ein Foto von den Gesellen zu machen. Wohl auch, weil ich recht erschöpft bin. Das habe ich später bitter bereut, denn es sollte das einzige Mal sein, dass ich die Krebse zu Gesicht bekomme. Später – wieder in Manaus – berichtet uns Carlos, Biologe und Freund von Luis, der uns diesen Trip auch empfohlen hatte, dass er bei seiner Expedition diese Tiere auch gesehen hatte und es sich wohl um eine bisher unbekannte Spezies handeln muss. Aber da weder er noch ich ein Foto geschossen haben, bleibt sie wohl weiterhin unbenannt. Für die Krebse ist das wohl eher ein Segen.

Im Amazonas-Regenwald - (c) Markus Mauthe / Greenpeace

Die Hängematten unserer Freunde finden einen Ort zum Hängen in einem kleinen Taleinschnitt, durch den ein Bach verläuft, der bei unserer Ankunft durch den starken Regen zum rauschenden Fluss angeschwollen ist. Am Ende der Schlucht verschwindet er durch ein Loch im Boden, um irgendwo am Rande des Berges wieder zum Vorschein zu kommen. Hier wachsen sogar einige richtige Bäume, an denen sich die Hängematten leicht befestigen lassen. Nur einen ebenen Platz für ein Zelt gibt es nicht. Etwa zweihundert Meter oberhalb der Schlucht sehen wir eine kleine Geröll-Fläche, die frei von Vegetation ist und sich zum Zelten zu eignen scheint. Sobald der Regen aufgehört hat, machen wir uns an die Errichtung unseres Schlafplatzes. Die Sonne bricht durch die sich auflösenden Wolken und taucht unsere Umgebung in klare Farben und Formen. Wir legen alles triefend Nasse auf den Pflanzen zum Trocknen aus und befreien den künftigen Zeltplatz von allzu spitzem Untergrund. Das Zelt steht an einer schönen Stelle, wo wir sogar, wenn wir uns auf die Zehenspitzen stellen, einen Blick auf die Weiten des Waldes erhaschen können. Doch so richtig Freude haben wir an diesem Platz nicht… (Weiter geht’s morgen im vierten Teil)

Leitlinien für eine naturnahe Forstwirtschaft

02. Mai 2012

Buche (c) Michael Kunkel / Greenpeace„Das haben wir schon immer so gemacht.“ Mit diesem Totschlagargument lässt sich jede Diskussion im Grundstadium abwürgen. Doch ohne einmal entwickelte Annahmen und Konzepte in Frage zu stellen, kann es keine neuen Erkenntnisse und damit auch keinen Fortschritt geben. Was für Mediziner und Ingenieure schon immer galt, wird in Teilbereichen der Forstwissenschaft schlichtweg ignoriert.

Um eine Diskussion über die Frage anzuregen, wie Bayerns wertvollste Laubwälder in Zukunft bewirtschaftet werden, veröffentlicht Greenpeace heute ein Eckpunktepapier mit Leitlinien für eine wirklich naturnahe Forstwirtschaft. Denn in Kürze werden die Planungen gemacht, wie mit den ökologisch bedeutsamsten öffentlichen Wäldern Bayerns in den kommenden zehn Jahren umgegangen wird. Wir wollen, dass die Entscheidung nicht zugunsten von Industrieforsten ausfällt, die von der Baumauswahl und der Art der Bewirtschaftung auf die Interessen der Holzindustrie zugeschnitten sind. Die öffentlichen Wälder sind dem Gemeinwohl verpflichtet. Dazu gehört es, die Vorschläge und Anliegen von Bürgerinnen und Bürgern sowie von Forst- und Naturschutzsachverständigen zu berücksichtigen.

Über einige forstliche Maßnahmen haben wir im Spessart besonders heftig diskutiert. Für eine besonders umstrittene Maßnahme, die Eichenwirtschaft, stellen wir hier (und im Detail im Eckpunktepapier) unseren Vorschlag zur Diskussion.

Eiche ja – Kahlschlag nein

Unbestritten: die Eiche gehört zum Spessart wie der Deckel zum Topf. Doch müssen wirklich die letzten alten Buchenwälder Bayerns weichen, damit es im nächsten Jahrhundert noch starke Spessarteichen gibt? Und müssen die Eichensaaten bzw. –pflanzungen hektargroß angelegt werden und das vorangegangene Waldökosystem zerstören?

„Diese Methode ist alternativlos“ wehte uns bisher entgegen. Ein weiteres Totschlagargument, das konstruktive Ideen im Keim erstickt.

Unser Vorschlag: warum nicht die großflächigen, naturfernen Fichtenforste im Nordspessart für die Nachzucht der Eiche nutzen, wenn dort ohnehin der Waldumbau das Gebot der Stunde ist. Auch hektargroße Kahlschläge müssen nicht sein, um der Eiche genügend Licht zu verschaffen. Stattdessen sollten dafür Windwurfflächen genutzt und kleinere Lichtkegel von einer Größe bis zu 0,3 Hektar geschaffen werden. So können sowohl die Schönheit der Spessartlaubwälder als auch die Eiche als regionales Kulturgut erhalten bleiben.

Klasse statt Masse

Holz ist unbestritten ein wichtiger und vor allem ökologischer Rohstoff – wenn der Wald wirklich naturnah bewirtschaftet wird. Doch die aktuelle Entwicklung weist in eine andere, beunruhigende Richtung. Denn nicht mehr die Produktion von Wertholz steht im Vordergrund, im Wald wird Masse statt Klasse gemacht. Nur noch rund 20 Prozent des in Bayern geschlagenen Buchenholzes wird als wertvolles Stammholz verkauft, der Rest wandert für kurzlebige Produkte in die Papierindustrie oder wird verheizt.

Das Ökosystem Wald bietet uns eine enorme Vielfalt an Leistungen. Doch in vielen Teilen der Erde bringen wir Menschen ihm immer weniger Wertschätzung entgegen und übernutzen ihn, um unseren unstillbaren Konsum- und Energiehunger zu befriedigen. Der Fokus auf die langfristig viel bedeutsameren Leistungen des Waldes geht verloren. Denn der naturnahe Wald ein ist ein einzigartiger Dienstleister. Er filtert Luftschadstoffe, speichert Wasser und produziert Sauerstoff, er bewahrt jahrhundertealte genetische Vielfalt und dient nicht zuletzt als Rückzugs- und Erholungsraum für Menschen und Tiere. Damit unsere Wälder diese unersetzlichen Leistungen auch dauerhaft erbringen zu können, brauchen wir ein Umdenken; vor allem hin zu einer maßvollen Nutzung des wertvollen Rohstoffs Holz. Ein wichtiges Stichwort ist hier die Suffizienz. Denn wenn es uns nicht gelingt, unsere Lebens- und Konsumgewohnheiten an das „Angebot“ der Natur und unserer Wälder anzupassen, werden wir in Zukunft mit anderen Problemen kämpfen als dem, die Spessarteiche für zukünftige Generationen zu erhalten.