Shell-Webchat um 17 Uhr: Ein paar Fragen hätten wir da

18. August 2011

Späte und spärliche Informationen, die Lage ist immer noch nicht im Griff – Shell bekommt weder den aktuellen Ölunfall in der Nordsee in den Griff, noch informieren sie die Bevölkerung angemessen. Und es kommt noch besser: Der Konzern plant im nächsten Jahr Testbohrungen in der Arktis – dort einen Ölunfall zu händeln ist annähernd unmöglich. Wenn Shell in der angeblich so sicheren Nordsee die Lage nicht in den Griff bekommt, dann gibt es keinen Grund anzunehmen, dass sie in der eiskalten Beafourtsee zurechtkommen werden. Doch Shell lässt von seinen Plänen, in den arktischen Gewässern zu bohren, nicht ab.

Wie der Zufall es will, gibt es heute die Gelegenheit, Shell auf den Zahn zu fühlen – bei einer Online-Fragerunde die daheißt: ‘Verantwortungsvolle und sichere Entwickelung der arktischen Ressourcen’. Heute, am 18. August gegen 17 Uhr startet der Chat – vorher muss man sich anmelden, aber jeder Interessierte ist eingeladen, dies zu tun.

Ob aktiv mitchatten oder nur die Diskussion verfolgen – es wird sicher spannend. Hier geht es zur Anmeldung zum Chat – man muss allerdings Shell seine Emailadresse angeben.  Das ist eine gute Gelegenheit, Shell einmal direkt zu fragen, wie sie in dem kalten Norden zurechtkommen werden – und einiges andere.

Was wir gerne von Shell wissen würden:

  • BP benötigte 6.500 Schiffe und 50.000 Leute, um das ausströmende Öl im Golf von Mexiko zu stoppen und es kostete sie über £20 Milliarden. Angesichts der Tatsache, dass ein Ölteppich in der Arktis viel schwieriger zu entfernen wäre – verfügt Shell denn überhaupt über die erforderlichen Ressourcen vor Ort, um einen ähnlichen Unfall in der Arktis zu händeln?
  • Shell behauptet, ein funktionierendes, hochmodernes Notfallsystem in Alaska bereitzuhalten, um auf eine Ölkatastrophe zu reagieren. Kann denn Shell bestätigen, dass diese Pläne erfolgreich während der arktischen Sommer- und auch Wintermonate getestet wurden?
  • Kanadische Aufsichtsbehörden haben befunden, dass eine Entlastungsbohrung in der Beaufortsee bis zu zwei Jahre dauern könnte – in den rauen Wintermonaten sind Bohrarbeiten nahezu unmöglich. Stimmt Shell mit dieser Einschätzung überein?
  • Die amerikanische Küstenwache gab zu, dass ihre Kapazitäten, auf einen Ölunfall in der Arktis zu reagieren, äußerst beschränkt sind.  Angesichts dieser Tatsache: Wie will Shell beweisen, dass sie die Herausforderung, unter arktischen Bedingungen zu bohren, überhaupt sicher meistern wollen?
  • Shell wurde stark für seine Informationspolitik bei dem Umgang mit dem aktuellen Ölleck in der Nordsee kritisiert – erst Tage später gab Shell den Unfall bekannt und es dauerte nochmals einige Tage, bis der Konzern eine Angabe zur Menge des ausgeflossenen Öls machte. Warum sollte man Shell jetzt glauben, für einen Unfall in der Arktis gewappnet zu sein?
  • Auch wenn die Schätzungen korrekt sind und in der Arktis wirklich ein Vorkommen von etwa 90 Milliarden Barrel Öl liegt – was würde das bedeuten? Mit dieser Menge könnte man den weltweiten Ölbedarf gerade einmal drei Jahre stillen. Ist dies das Risiko wert?

Wir werden versuchen diese Fragen an Shell zu stellen. Hoffentlich könnt ihr euch uns anschließen.

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Ben Ayliffe ist Ölexperte bei Greenpeace UK. Sein Blog findet sich in der Originalfassung in englisch hier. Diese Version wurde leicht angepasst und gekürzt.

Der Castor muss nach Baden-Württemberg!

29. Juli 2011

Nach dem Willen der Bundesregierung soll im November der nächste Castor nach Gorleben rollen. Ein Transport der vollkommen unnötig ist. Nach der Stilllegung der acht Atomkraftwerke gibt es genügend Lagerkapazitäten in den grenznahen Zwischenlagern in Baden-Württemberg. Mit einer Lagerung in Süddeutschland könnte Deutschland seiner Rücknahmeverpflichtung nachkommen, die Transportstrecke würde verkürzt und Kosten könnten eingespart werden. Trotzdem halten alle beteiligten Parteien eisern daran fest den Transport nach Gorleben zu bringen.

Michael Löwa / Greenpeace - Castorzug am Verladekran in Dannenberg am 8.11.2010Für Merkel ist es vermutlich undenkbar, den Castor an einen anderen Ort als Gorleben zu bringen. Dies würde die CDU-Stammklientel, die die Kanzlerin bereits mit Ihrer abrupten Atomkehrtwende vor den Kopf gestoßen hat, noch weiter verunsichern. Atomkraft war der Markenkern der Union und Gorleben ein Symbol für den Kampf dafür. Ein Kampf der Konservativen gegen die vermeintlich technikfeindlichen, langhaarigen Chaoten. Ein Kampf der mithilfe tausender Polizisten, Wasserwerfer und Räumpanzer geführt wurde. Eine Absage an Gorleben käme für die Union einem Eingeständnis gleich, dass sie jahrzehntelang auf der falschen Seite stand und die Langhaarigen auf der Richtigen.

Auf der anderen Seite die Grünen in Baden-Württemberg. Nach ihrer Machtübernahme gab es gleich einen bemerkenswerten Vorstoß: Im Koalitionsvertrag mit der SPD bekannten sie sich als erstes Bundesland neben Niedersachsen dazu, für eine Endlagersuche bereitzustehen. Wenn es allerdings ernst wird, sieht die Sache wohl ganz anders aus. Im Jahr 2010 forderten sie von der damaligen schwarz-gelben Landesregierung, Verantwortung für den Atommüll zu übernehmen und die Castoren aus Frankreich in ein Zwischenlager in Baden-Württemberg aufzunehmen. Nach der Regierungsübernahme ist dies auch für die Grünen kein Thema mehr. Sie lassen verlauten, es sei “aussichtslos, bis November eine Änderungsgenehmigung zu erwirken”.

Jan Grarup/NOOR/Greenpeace - Großdemo gegen den Castortransport, Dannenberg 6.11.2010Atommüll ist ein politisches Verliererthema und der Castor ein Schreckgespenst für die regierenden Parteien. Alle haben sie Angst, Wähler zu verlieren. Das macht sie zu Brüdern im Geiste, die im Stillen gut damit leben können, dass die Castor-Odyssee nach Gorleben auch dieses Jahr wieder stattfindet. Daher sind alle froh, auf Genehmigungsfristen und bürokratische Hürden verweisen zu können, um sich so der Verantwortung entziehen zu können. Denn natürlich wäre es möglich, den nächsten Castor nach Baden-Württemberg zu bringen. Da hat die Politik schon ganz andere Dinge geleistet, wenn sie es nur wollte.

Dass die Politik schon auf Tauchstation geht, wenn es “nur” um ein paar Castoren geht, zeigt wohin die Reise bei dem angekündigten Endlagersuchgesetz gehen wird. Alle werden über Verantwortung reden und man wird sich auf eine theoretische bundesweite Endlagersuche begeben, während weiter Castoren nach Gorleben rollen und der marode Salzstock weiter ausgebaut wird. Die kann dazu führen, dass Gorleben zum Endlager wird, obwohl allen bewusst ist, dass der Salzstock dafür vollkommen ungeeignet ist. Alle verantwortungsscheuen Politiker provozieren damit eine der größten Umweltkatastrophen, die es in Deutschland je gegeben hat.

VW – von der dunklen Seite der Macht verführt

28. Juni 2011

“So funny!”, “I LOVE this advert!”, “BEST CAR COMMERCIAL EVER!”, “SO CUTE!!”: Auf YouTube sind sich 40 Millionen Menschen weitgehend einig, dass ein VW-Werbespot mit einem kleinen Jungen (oder Mädchen?) im Darth Vader-Kostüm das Schnuckeligste seit Erfindung der Hundewelpe ist. Greenpeace UK präsentiert heute eine satirische Anverwandlung des VW-Spots, die rein rechnerisch betrachtet ungefähr elfmal schnuckliger ist:

www.vwdarkside.com

(Clip bitte auf dieser Seite anschauen! Sie enthält nicht nur ein sehr wichtiges Anliegen, sondern darüber hinaus auch eine ziemlich coole Trainingsseite  für werdende Jedi-Ritter, bzw. Rebellen.)

Volkswagen hat mit dem neuen Spot für den VW Passat ein feines Gespür für Ironie bewiesen.  Man hat den kleinen Hauptdarsteller nicht in die Kutte des edlen Jedi-Ritters Luke Skywalker gesteckt, sondern in das wenig sommertaugliche Gewand des finsteren Sith-Lords Darth Vader. Vader ist ein gefallener Engel, einst Kämpfer für das Gute, jetzt leidenschaftlicher Oberschurke, der zusammen mit dem Imperator, dem zweitgrößten Gesichtselfmeter der Filmgeschichte,  die GESAMTE Galaxie unterjochen will (nicht bloß einen Planeten oder einen Quadranten im Andromeda-Nebel). Vader backt definitiv keine kleinen Brötchen und passt damit wie Arsch auf Eimer zu den ambitionierten Expansionsplänen von VW: 2018 will der VW den Konkurrenten Toyota als weltgrößter Autobauer abgelöst haben. Jeder fünfte in Europa verkaufte Neuwagen ist in einer VW-Fabrik vom Fließband gerollt.

Vader war insofern eine ausgezeichnete Wahl für den Werbespot (und eine hervorragende Vorlage für Greenpeace). Zwar will VW vermutlich NICHT die gesamte Galaxie unterjochen, aber zumindest mit dem Planeten Erde geht der Konzern schon mal alles andere als pfleglich um. VW lehnt zwei wichtige europäische Regelungen zum Klimaschutz ab. Da wäre zum einen das sog. “minus 30 Prozent”-Ziel. Das -30% Ziel, das von anderen großen Unternehmen unterstützt wird (darunter Google, Ikea und Sony), sieht eine Anhebung der CO2-Reduktionsziele vor: Bis 2020 sollen 30 Prozent weniger CO2 in die Atmosphäre gepustet werden – anstatt – wie momentan noch festgelegt – nur 20 Prozent. Ein anderes Ziel, gegen das sich der Konzern sträubt, betrifft eine Absenkung der CO2-Grenzwerte bei Autos.  Im Greenpeace-Report “Die dunkle Seite des Volkswagen-Konzerns” werden VWs Versäumnisse beim Klimaschutz und sein unseliges Betreiben von Lobbyarbeit auf europäischer Ebene etwas ausführlicher dargelegt:

Im Verband der europäischen Autobauer (ACEA ), einem der mächtigsten Lobbyverbände Europas, besetzt der Volkswagen-Konzern mehr Vorstandsposten als irgendein anderes Unternehmen. Der ACEA führt in Europa den Kampf gegen höhere Standards bei der Treibstoffeffizienz an.

Ein weiterer Grund für die Kampagne ist ganz platt gesagt der, dass hinten aus dem Auspuff von Papas neuem Auto keine Zuckerwatte rauskommt. Es ist ein Ärgernis, dass sich VW zwar in Besitz einer besonders spritsparenden Technologie (namens BlueMotion) befindet, doch Autos mit dieser Technologie lediglich als Nischenprodukt – das heißt zu beträchtlich höheren Stückpreisen als vergleichbare Modelle ohne Blue Motion – an den Mann bringt. Klimaschutz ist für VW damit lediglich Sonderausstattung. Natürlich ist der Konzern nicht der einzige Autobauer auf der dunklen Seite der Macht. Ist die Erde eine Lady, so verhalten sich die meisten Autokonzerne alles andere als gentlemenlike. Doch als größter Autobauer Europas (und 2018 vermutlich der Galaxis) steht VW ganz besonders in der Pflicht. Schließlich haben die Autos aus dem Hause VW zusammengerechnet einen größeren CO2-Fußabdruck als alle anderen Marken. Um es mit Spideys Onkel Ben zu sagen: “Aus großer Kraft folgt große Verantwortung”.

Wenn sich VW zu einer Unternehmensphilosophie durchringen würde, die sich zurecht mit dem Attribut “ökologisch nachhaltig” schmücken darf, anstatt auf reine Marketing-Placebos wie die Think Blue-Kampagne zu setzen, hätte das eine unglaublich positive Signalwirkung auf die gesamte Autobranche. Es gibt durchaus Grund zu hoffen: Auch Darth Vader – obgleich therapiebedürftiger Choleriker – war eine innerlich zerrissene Figur: Das Gute bzw. der Jedi in Vader ist nie vollends gestorben (s. das Ende von “Die Rückkehr der Jedi-Ritter”). Dasselbe gilt auch für Volkswagen: VW muss sich (nicht nur) in Europa für realistische Klimaschutzgesetze einsetzen und seine BlueMotion-Technologie so schnell es geht zur Serienausstattung machen. Um den Konzern auf den Pfad der hellen Seite der Macht zu bringen, sind deshalb auch herzlichst VW-Fahrer zur aktiven Teilnahme an der Rebellion eingeladen.

PS: Die Macht? Jedi-Ritter? Darth wer?? Wenn du bis hierhin nur Bahnhof verstanden hast und davon ausgegangen bist, dass der arme Junge in dem VW-Spot nur unter heftiger Lichtallergie leidet, dann hast du die letzten dreißig Jahre vermutlich in einem Paralleluniversum verbracht.  Einen grandiosen Crash-Kurs in Sachen “Krieg der Sterne” gibt es hier.