Finger weg von der Arktis: Protest gegen Shell

22. Februar 2012

Die National Gallery in London bewahrt eine imposante Sammlung wertvoller Meisterwerke aus sieben Jahrhunderten, viele davon aus Ölfarbe. “Sehr passend!”, dachte sich Shell und lud am Dienstagabend einen Kreis ausgewählter Gäste zu einer Soiree in das weltberühmte Museum. Der Ölkonzern beabsichtigt nämlich, in Bälde erneut selbst zum Pinsel zu greifen. Als Leinwand für seine neuesten Pfuschereien soll ihm dieses Mal die Arktis dienen.

National Gallery: Protest gegen Zerstörung der Arktis - (c) David Sandison

National Gallery: Protest gegen Zerstörung der Arktis - (c) David Sandison

Um Shell auf diese peinliche Verwechslung hinzuweisen, sind Greenpeace-Aktivisten gestern auf das Dach der Gallery geklettert und haben vor ihren altehrwürdigen Säulen ein Banner gehängt: “It’s no oil painting #savethearctic”. Der Hashtag nach der Raute verrät, worum es geht: Shell hat die Arktis in den Fokus seiner wirtschaftlichen Planungen gerückt. Vier Milliarden Dollar hat der Konzern bereits in das Arktis-Projekt gebuttert, noch in diesem Sommer soll es mit Probebohrungen losgehen. Ungewöhnliche Perspektiven auf die Aktion in London eröffnen die Fotos, die die Greenpeace-Kletterer selbst vom Ort des Geschehens gemacht haben. Hut ab!

Mal abgesehen davon, dass Öl rein klimabilanztechnisch eine riesige Sauerei ist, ist vor allem die Aussicht auf einen Ölunfall unter arktischen Bedingungen (unter anderem wegen der niedrigen Temperaturen) hochgradig beunruhigend. Die Ölindustrie versteht sich allgemein besser darauf, mit Ölbohrungen Milliarden zu scheffeln, als die mit beeindruckender Regelmäßigkeit stattfindenden Ölunfälle unter Kontrolle zu bringen. In lebhafter Erinnerung haben die meisten sicher das Deepwater Horizon-Unglück vor knapp zwei Jahren.

BP hat nur etwa 17 Prozent des beim Deepwater-Unglück ausgelaufenen Öls wieder eingesammelt – trotz optimaler infrastruktureller Voraussetzungen. Bei einem Ölunfall in der Arktis wären diese Voraussetzungen nicht gegeben. Die extremen Wetterbedingungen und herumtreibendes Eis würden effektive Aufräumarbeiten nahezu unmöglich machen.

Obwohl Ölkonzernen oft erschreckend freie Hand bei der Umsetzung ihrer Vorhaben gewährt wird, kam Shell nicht drumrum, der zuständigen US-Behörde einen Katastrophenplan vorzulegen. In dem Plan wimmelt es von “Lösungen”, die niemals unter den harschen Bedingungen der Arktis erprobt werden konnten: Neben Rückhaltesystemen, die es noch gar nicht gibt, und Dämmen, die auf Eis nicht richtig funktionieren, beinhaltet der Plan auch Zeichnungen wie diese schnuckelige Anleitung zum Aufräumen :

Aber keine Sorge: Falls alle Stricke reißen, hat Shell noch eine kläffende Wunderwaffe im Arsenal. Die kleine braunhaarige Dackeldame auf dem Bild rechts hört auf den Namen Tara. Tara und ein paar Border-Collies werden von Shell und anderen Ölkonzernen dazu ausgebildet, Öl  zu erschnüffeln, das unter die Eisschichten entwichen ist.

Dürfen Tiere eigentlich bei “Wetten Dass?” antreten? Ich frag nur so…

Als Ausstellungsstück im Kuriositätenkabinett könnte Shells Katastrophenplan für allgemeine Erheiterung sorgen, die spätestens nach einem schwerem Ölunfall in blankes Entsetzen umschlagen würde. Dennoch hat die US-Behörde die Narretei am Freitag abgenickt. Der Startschuss im Rennen um die besten Bohrplätze in der Arktis ist längst gefallen. Die Ölkonzerne können perfiderweise noch von der globalen Erwärmung profitieren: Weil die Arktis jedes Jahr etwas weiter abtaut, entstehen neue Schifffahrtswege zu bislang unerreichbaren Gebieten.

Ein hübsches litauisches Sprichwort lautet übrigens: An der Leine ist jeder Dackel tapfer.

Shell-Webchat um 17 Uhr: Ein paar Fragen hätten wir da

18. August 2011

Späte und spärliche Informationen, die Lage ist immer noch nicht im Griff – Shell bekommt weder den aktuellen Ölunfall in der Nordsee in den Griff, noch informieren sie die Bevölkerung angemessen. Und es kommt noch besser: Der Konzern plant im nächsten Jahr Testbohrungen in der Arktis – dort einen Ölunfall zu händeln ist annähernd unmöglich. Wenn Shell in der angeblich so sicheren Nordsee die Lage nicht in den Griff bekommt, dann gibt es keinen Grund anzunehmen, dass sie in der eiskalten Beafourtsee zurechtkommen werden. Doch Shell lässt von seinen Plänen, in den arktischen Gewässern zu bohren, nicht ab.

Wie der Zufall es will, gibt es heute die Gelegenheit, Shell auf den Zahn zu fühlen – bei einer Online-Fragerunde die daheißt: ‘Verantwortungsvolle und sichere Entwickelung der arktischen Ressourcen’. Heute, am 18. August gegen 17 Uhr startet der Chat – vorher muss man sich anmelden, aber jeder Interessierte ist eingeladen, dies zu tun.

Ob aktiv mitchatten oder nur die Diskussion verfolgen – es wird sicher spannend. Hier geht es zur Anmeldung zum Chat – man muss allerdings Shell seine Emailadresse angeben.  Das ist eine gute Gelegenheit, Shell einmal direkt zu fragen, wie sie in dem kalten Norden zurechtkommen werden – und einiges andere.

Was wir gerne von Shell wissen würden:

  • BP benötigte 6.500 Schiffe und 50.000 Leute, um das ausströmende Öl im Golf von Mexiko zu stoppen und es kostete sie über £20 Milliarden. Angesichts der Tatsache, dass ein Ölteppich in der Arktis viel schwieriger zu entfernen wäre – verfügt Shell denn überhaupt über die erforderlichen Ressourcen vor Ort, um einen ähnlichen Unfall in der Arktis zu händeln?
  • Shell behauptet, ein funktionierendes, hochmodernes Notfallsystem in Alaska bereitzuhalten, um auf eine Ölkatastrophe zu reagieren. Kann denn Shell bestätigen, dass diese Pläne erfolgreich während der arktischen Sommer- und auch Wintermonate getestet wurden?
  • Kanadische Aufsichtsbehörden haben befunden, dass eine Entlastungsbohrung in der Beaufortsee bis zu zwei Jahre dauern könnte – in den rauen Wintermonaten sind Bohrarbeiten nahezu unmöglich. Stimmt Shell mit dieser Einschätzung überein?
  • Die amerikanische Küstenwache gab zu, dass ihre Kapazitäten, auf einen Ölunfall in der Arktis zu reagieren, äußerst beschränkt sind.  Angesichts dieser Tatsache: Wie will Shell beweisen, dass sie die Herausforderung, unter arktischen Bedingungen zu bohren, überhaupt sicher meistern wollen?
  • Shell wurde stark für seine Informationspolitik bei dem Umgang mit dem aktuellen Ölleck in der Nordsee kritisiert – erst Tage später gab Shell den Unfall bekannt und es dauerte nochmals einige Tage, bis der Konzern eine Angabe zur Menge des ausgeflossenen Öls machte. Warum sollte man Shell jetzt glauben, für einen Unfall in der Arktis gewappnet zu sein?
  • Auch wenn die Schätzungen korrekt sind und in der Arktis wirklich ein Vorkommen von etwa 90 Milliarden Barrel Öl liegt – was würde das bedeuten? Mit dieser Menge könnte man den weltweiten Ölbedarf gerade einmal drei Jahre stillen. Ist dies das Risiko wert?

Wir werden versuchen diese Fragen an Shell zu stellen. Hoffentlich könnt ihr euch uns anschließen.

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Ben Ayliffe ist Ölexperte bei Greenpeace UK. Sein Blog findet sich in der Originalfassung in englisch hier. Diese Version wurde leicht angepasst und gekürzt.

Der Castor muss nach Baden-Württemberg!

29. Juli 2011

Nach dem Willen der Bundesregierung soll im November der nächste Castor nach Gorleben rollen. Ein Transport der vollkommen unnötig ist. Nach der Stilllegung der acht Atomkraftwerke gibt es genügend Lagerkapazitäten in den grenznahen Zwischenlagern in Baden-Württemberg. Mit einer Lagerung in Süddeutschland könnte Deutschland seiner Rücknahmeverpflichtung nachkommen, die Transportstrecke würde verkürzt und Kosten könnten eingespart werden. Trotzdem halten alle beteiligten Parteien eisern daran fest den Transport nach Gorleben zu bringen.

Michael Löwa / Greenpeace - Castorzug am Verladekran in Dannenberg am 8.11.2010Für Merkel ist es vermutlich undenkbar, den Castor an einen anderen Ort als Gorleben zu bringen. Dies würde die CDU-Stammklientel, die die Kanzlerin bereits mit Ihrer abrupten Atomkehrtwende vor den Kopf gestoßen hat, noch weiter verunsichern. Atomkraft war der Markenkern der Union und Gorleben ein Symbol für den Kampf dafür. Ein Kampf der Konservativen gegen die vermeintlich technikfeindlichen, langhaarigen Chaoten. Ein Kampf der mithilfe tausender Polizisten, Wasserwerfer und Räumpanzer geführt wurde. Eine Absage an Gorleben käme für die Union einem Eingeständnis gleich, dass sie jahrzehntelang auf der falschen Seite stand und die Langhaarigen auf der Richtigen.

Auf der anderen Seite die Grünen in Baden-Württemberg. Nach ihrer Machtübernahme gab es gleich einen bemerkenswerten Vorstoß: Im Koalitionsvertrag mit der SPD bekannten sie sich als erstes Bundesland neben Niedersachsen dazu, für eine Endlagersuche bereitzustehen. Wenn es allerdings ernst wird, sieht die Sache wohl ganz anders aus. Im Jahr 2010 forderten sie von der damaligen schwarz-gelben Landesregierung, Verantwortung für den Atommüll zu übernehmen und die Castoren aus Frankreich in ein Zwischenlager in Baden-Württemberg aufzunehmen. Nach der Regierungsübernahme ist dies auch für die Grünen kein Thema mehr. Sie lassen verlauten, es sei “aussichtslos, bis November eine Änderungsgenehmigung zu erwirken”.

Jan Grarup/NOOR/Greenpeace - Großdemo gegen den Castortransport, Dannenberg 6.11.2010Atommüll ist ein politisches Verliererthema und der Castor ein Schreckgespenst für die regierenden Parteien. Alle haben sie Angst, Wähler zu verlieren. Das macht sie zu Brüdern im Geiste, die im Stillen gut damit leben können, dass die Castor-Odyssee nach Gorleben auch dieses Jahr wieder stattfindet. Daher sind alle froh, auf Genehmigungsfristen und bürokratische Hürden verweisen zu können, um sich so der Verantwortung entziehen zu können. Denn natürlich wäre es möglich, den nächsten Castor nach Baden-Württemberg zu bringen. Da hat die Politik schon ganz andere Dinge geleistet, wenn sie es nur wollte.

Dass die Politik schon auf Tauchstation geht, wenn es “nur” um ein paar Castoren geht, zeigt wohin die Reise bei dem angekündigten Endlagersuchgesetz gehen wird. Alle werden über Verantwortung reden und man wird sich auf eine theoretische bundesweite Endlagersuche begeben, während weiter Castoren nach Gorleben rollen und der marode Salzstock weiter ausgebaut wird. Die kann dazu führen, dass Gorleben zum Endlager wird, obwohl allen bewusst ist, dass der Salzstock dafür vollkommen ungeeignet ist. Alle verantwortungsscheuen Politiker provozieren damit eine der größten Umweltkatastrophen, die es in Deutschland je gegeben hat.