Ein toller Erfolg: Trotz widriger Wetterverhältnisse, Schneeregen und schneidendem Wind sind heute über 20.000 Menschen aus ganz Deutschland nach Berlin gekommen, um für eine andere Agrarpolitik zu demonstrieren. Anlass ist die Grüne Woche, Europas größte Agrar- und Lebensmittelmesse, auf der sich auch Agrarpolitiker aus allen Ländern ein Stelldichein geben.
Im Rahmen der Kampagne “Meine Landwirtschaft” hatten über 90 Umwelt-, Bauern-, Verbraucher- und Tierschutzorganisationen zu einer Demonstration für einen Systemwechsel in der Agrarpolitik aufgerufen. Und der ist dringender denn je. Auch wenn die BASF vor einigen Tagen ihren Rückzug aus dem Geschäft mit der Agro-Gentechnik in Europa angekündigt hat und damit ein toller Erfolg für den zivilen Widerstand zu vermelden ist.
Denn die Landwirtschaft in Deutschland hat sich insgesamt in den vergangenen Jahren negativ entwickelt: immer größere Ackermonokulturen, hoher Pestizideinsatz, permanenter Rückgang der Artenvielfalt. Feldlerchen, Kiebitze oder Feldhasen haben keinen Platz in der von immer größeren Maschinen ausgeräumten Agrarlandschaft. Am dramatischsten sind wohl die Entwicklungen in der Tierhaltung, immer mehr Nutztiere werden in industrialisierten Tierhaltungsfabriken gehalten. Die Folgen: Hoher Antibiotikaeinsatz, steigender Einsatz von Importfuttermitteln wie Gen-Soja, die permanente Gefahr eines neuen Tierseuchenausbruchs und steigende Klimagase aus der Tierhaltung alarmieren immer mehr Menschen und bedrohen unsere Lebensgrundlagen. Das merkt man auch der Demonstration hier in Berlin an, viele protestieren gegen die industrialisierte Tierhaltung und für geringeren Fleischkonsum. Der Protest ist bunt und vielfältig, trotz grauen Wetters.
Ein Richtungswechsel in der Agrarpolitik national wie international ist mehr als überfällig. Das zeigte sich bereits bei der Diskussion auf der hochkarätig besetzten Agrarministerkonferenz am heutigen Samstagmorgen. Der neue FAO-Generalsekretär sowie Minister aus Afrika und Asien wollen neue Prioritäten bei der Armuts- und Hungerbekämpfung setzen und kritisieren gleichzeitig die Fleischproduktion und die Verarbeitung von Lebensmittelpflanzen wie Mais, Raps und Palmöl zu Agrosprit. Von der deutschen Verbraucherministerin sind solche Sätze nicht zu erwarten. Zu groß ist ihre Nähe zur Agrar- und Ernährungsindustrie. Ganz anders da Agrarkommissar Ciolos, der deutlich macht, dass gentechnisch manipulierte Nahrung keine Abnehmer in Europa findet und er Unternehmen, die deshalb aus Europa abziehen, keine Träne nachweint.
Bei der anstehenden europäischen Agrarreform zeigt sich Aigner einmal mehr als vehemente Blockiererin. Agrarkommissar Ciolos dagegen diskutierte mit NGOs konstruktiv über die anstehende Agrarreform. Indirekt forderte er die anwesenden Gruppen auf, in ihrem Protest nicht nachzulassen und verglich die europäische Agrarpolitik mit einem Elefanten, den man nur langsam und mit gemeinsamer Anstrengung in die richtige Richtung bewegen könne. Er scheint verstanden zu haben, dass nur ein Systemwechsel in der Landwirtschaft Verbraucherschutz gewährleisten kann und die Herausforderungen des Klimaschutzes, der Hungerbekämpfung und des Artenrückgangs lösen wird.
Gastautor: Martin Hofstetter













