Die Katze lässt das Mausen nicht: AREVA will wieder Atommüll nach Russland bringen. Während sich das Medieninteresse auf Kopenhagen fokussiert, hat der französische Atomkonzern in der Nacht von Sonntag auf Montag einen mit Uranhexafluorid (UF6) beladenen Güterzug in den Hafen von Cherbourg in Nordfrankreich geschickt. Endgültiges Ziel der Fracht: Russland. Gerade mal zwei Monate ist es her, dass AREVA für diese Exportpraxis ins Kreuzfeuer der Kritik geraten war.
„Aus den Augen, aus dem Sinn!“ Offenbar glaubt man bei AREVA, dieses Prinzip wäre nicht nur auf Atommüll anwendbar.
Auf der Strecke nach Cherbourg wartet jedoch einer, der nicht vergessen hat, dass Areva die russische Stadt Sewersk als riesige Freiluftdeponie für seinen Atommüll missbraucht – wie der ARTE-Dokumentarfilm „Albtraum Atommüll“ kürzlich in schockierenden Bildern belegen konnte.
Yannick Rousselet, Energie-Campaigner bei Greenpeace Frankreich, hat sich an die Schienen festketten lassen, um AREVAs Rückkehr zum „business as usual“ zu verhindern:
Sicherheitskräfte konnten seine Fesseln erst am Morgen lösen und ihn fortbringen. Der Zug mit dem Atommüll aus einem Areva-Werk in Pierrelatte kam mit erheblicher Verspätung in Cherbourg an.
Nach offiziellen Berichten ließ AREVA bislang insgesamt 33.000 Tonnen Uran nach Russland schaffen, davon 23.540 Tonnen abgereichert. Nur 3090 Tonnen wurden wiederaufgearbeitet und zurück nach Frankreich gebracht. Der Rest lagert in Containern unter freiem Himmel, direkt neben der Wiederaufarbeitungsanlage in Sewersk und via Google Earth für jedermann sichtbar. AREVA ist nicht der einzige Konzern, der sich auf diese Weise des Müllproblems entledigt hat. Auch die deutschen Konzerne E.ON und RWE haben Atommüll aus der Wiederaufarbeitungsanlage in Gronau nach Russland bringen lassen.
Skandalös ist der jüngste Atommüllexport nicht zuletzt deswegen, weil AREVA damit ein Moratorium missachtet, das nach den Enthüllungen der letzten Monate einen vorläufigen Stopp der Exporte festgesetzt hatte. Von Umweltminister Jean-Louis Borloo wurde zudem eine Inventarisierung der Materialien und Abfälle veranlasst, die beim Kreislauf nuklearer Brennstofffe anfallen. Die Ergebnisse sollen im Januar veröffentlicht werden.
Mit im Schlauchboot bei einer Greenpeace-Aktion – das ist entweder etwas für wasserfeste Aktivisten oder für Journalisten, die den Protest dokumentieren. Ich hatte am Montag Gelegenheit im Presseboot mit einem Kameramann und einer Fotografin vor Fehmarn dabei sein zu dürfen:
Enorme-Bugwelle - Schlauchbootprost gegen den EPR
Das Schlauchboot springt mit 30 Knoten Fullspeed über die Wellen. Mit null Schlauchbooterfahrung fällt es mir zunächst schwer, nicht daran zu denken was passiert, wenn ich mich im falschen Moment nur kurz nicht richtig festhalte: Dann falle ich in das kalte Wasser der Ostsee. Aber nach einer Weile lässt die Angst nach. Entspannt lasse ich mich auf den Ritt über die Wellen ein und genieße irgendwann die Fahrt. Wir stoppen. Wir, das sind drei Schlauchboote mit Aktivisten und Journalisten. Rings um uns herum nichts als Wasser. Hier sollen wir eigentlich in wenigen Minuten das Greenpeace-Schiff Arctic Sunrise treffen. Wir warten. Am Horizont sind einige Punkte zu erkennen, durch das Fernglas betrachtet entpuppt sich jedoch keiner als das Greenpeace-Schiff. Und die quietschgelbe Happy Ranger, die uns hier ebenfalls interessiert, ist auch nicht auszumachen.
Jetzt kommt etwas näher. Es ist weder grün wie die Artic Sunrise, noch gelb wie die Happy Ranger – es ist blau wie die Küstenwache! Mit Blaulicht kommt das Schiff auf uns zu. Warum kommen die genau jetzt? Leichte Nervosität macht sich breit. Selbst bei mir, obwohl das hier nicht mein Protest ist. Ein Schlauchboot löst sich aus unserer Gruppe und fährt der Küstenwache entgegen. Keine Ahnung, was die Besatzung den Beamten erzählt, aber das blaue Schiff dreht ab und das Greenpeace-Schlauchboot stößt wieder zu uns.
Wir warten und hoffen. Wann wird die Happy Ranger hier vorbei kommen? Und wird dann auch die Arctic Sunrise da sein? Die Zeit vergeht langsam und rennt dennoch. Ohne die Arctic Sunrise wird es keinen Protest geben. Das hier ist ein internationales Problem, das Greenpeace in internationaler Zusammenarbeit angehen wird. Wenn überhaupt.
Luftaufnahme - Schlauchbootprostest gegen den EPR
Gemeinsam mit zwei von der Arctic Sunrise entsandten Schlauchbooten, wollen Greenpeace-Aktivisten aus Deutschland vor der Happy Ranger protestieren. Der Spezialfrachter ist auf dem Weg nach Finnland. Die Fracht an Bord: vier Dampferzeuger für den Neubau des Europäischen Druckwasserreaktors (EPR) im finnischen Olkiluoto – mit die wichtigsten Teile neben dem eigentlichen Reaktor für den Betrieb des Atomkraftwerks. Wird dieser schon vor Inbetriebnahme vor Sicherheits- und Qualitätsproblemen nur so strotzende Reaktor in Betrieb genommen und passiert dann ein nuklearer Unfall, werden auch wir hier in Deutschland nicht verschont bleiben.
Plötzlich Alarm aus einem der Schlauchboote: Die Happy Ranger ist in Sicht und kommt näher. Bald lässt sich sogar mit bloßem Auge ihr leuchtend gelber Schiffsrumpf ausmachen. Verdammt! Wo steckt bloß die Arctic Sunrise? Wir könnten der Happy Ranger ein Stückchen hinterherfahren, aber es wird bald dunkel sein. Immer angespannter sehen wir die Happy Ranger auf uns zu kommen. Dann endlich sehen wir am Horizont zwei große Schlauchboote mit enormen Tempo in unsere Richtung düsen. Glückliche Gesichter bei den Aktivisten – es sind die Kollegen von der Arctic Sunrise. Nach kurzem Hallo geht es gleich weiter zum Frachter.
Dem jetzigen Tempo gleicht die Tour zum Treffpunkt einer Spazierfahrt. Das Presseboot fliegt genau wie die Boote der Aktivisten über die Wellen – für gute Bilder muss es nah am Geschehen sein. Die Happy Ranger verursacht eine riesige Bugwelle. Jetzt heißt es Festhalten und möglichst viel mitkriegen.
Auf zwei der anderen Schlauchboote sind Kletterer. Sie angeln mit einer Teleskopstange nach der Reling. Jetzt geht alles unheimlich schnell. Der erste Kletterer ist auf der Happy Ranger und lässt eine Strickleiter aus Metall herunter. Diese schwankt bedenklich hin und her, während weitere Aktivisten das Schiff erklimmen. Auch ein deutscher Kletterer ist dabei. Oben werden die ersten Banner gehisst. „Nuclear Madness, made in France“ und „Stop EPR“ ist darauf zu lesen. Die Besatzung der Happy Ranger zerschneidet eins nach dem anderen. Als nächstes bedient der Kapitän die Feuerlöschanlage und das Deck wird geflutet. Auch wenn mittlerweile alle sechs Kletterer an Bord sind, die Schlauchboote bleiben in der Nähe. Erst einmal abwarten was noch passiert, ob den Kletterern möglicherweise geholfen werden muss. Doch scheint die Besatzung der Happy Ranger schnell aufgegeben zu haben. Wir drehen ab und machen uns auf den Weg zurück Richtung Festland.
Hex Hex! Das neue, schwarzgeführte Bundesumweltministerium (BMU) hat – kaum ist Minister Norbert Röttgen (CDU) in Amt und Würden – klammheimlich zwei atomkritische Publikationen von der eigenen Homepage verschwinden lassen. Netzpolitik.org berichtet, dass es sich dabei um die Broschüre “Atomkraft – Ein teurer Irrweg – Die Mythen der Atomwirtschaft” und um die Schulunterrichtsmaterialien “Einfach abschalten?” handelt.
Vor nicht allzu langer Zeit ließen sich beide Veröffentlichungen noch auf der Seite des BMU bestellen und herunterladen – wie ein Blick ins Internet Archive verrät. Offenbar passen sie jetzt nicht mehr ins Konzept, denn wie die meisten seiner Fraktionskollegen möchte auch der neue Bundesumweltminister den im Atomkonsens verankerten Ausstieg aus der Atomkraft aufheben. Dass er zu diesem Zweck sachliche Kritik unter den Tisch fallen lässt, ist äußerst bedauerlich. Markus Beckedahl bemerkt:
Solche Aktionen sind ja nach einem Regierungswechsel nicht gerade ungewöhnlich, wenn man bestimmte Lobbyinteressen vertreten möchte. Erfreulich ist, dass man heute mit etwas Recherche und dank einer vielfältigen digitalen Archivierung solche Geschichtskittungen schön enttarnen kann.
Netzpolitik.org hat auf die Frage, warum die Broschüren verschwunden sind, eine Antwort vom BMU erhalten:
1. Wenn Broschüren offline vergriffen sind, werden sie auch online aus dem Angebot genommen, weil sie ja offline nicht mehr verfügbar sind.
2. Alle Broschüren, in denen der vorherige Minister im Vorwort mit Foto gefeatured wird, werden automatisch nach Regierungswechsel aussortiert. Dies sei ein normaler Vorgang bei jedem Regierungswechsel.
Die Lächerlichkeit dieser Begründungen springt einem schon beim Drüberlesen ins Auge. Recherchen fleißiger Netzpolitik.org-Leser konnten sie schnell widerlegen. Es gibt sowohl eine beträchtliche Anzahl von Broschüren, die nicht offline als Druckerzeugnis, sehr wohl aber online zum Download verfügbar sind, als auch Broschüren, in denen weiterhin Sigmar Gabriel das Vorwort an die Leser richtet.
Hmn… es ist was faul im BMU.
UPDATE 2 (18.11.2009):
Netzpolitik.org hat in einem Schreiben an die Pressestelle das BMU dazu aufgefordert hat, Stellung zu den offensichtlichen Falschaussagen zu nehmen und zu erklären, warum ausgerechnet die atomkritischen Broschüren dran glauben mussten. Und siehe da: das BMU hat angekündigt, die Publikationen wieder online zu stellen.